Der verwunschene Rosengarten – Teil 1+2

Teil 1

Manchmal scheint einfach alles hoffnungslos. Die Hoffnungslosigkeit dominiert jeden Gedanken, das ganze Sein. Sind wir erst einmal in dieser Empfindung gefangen, gleicht das Entkommen einer unüberwindbaren Aufgabe. Oft reicht jedoch schon eine winzige Kleinigkeit, um uns wieder auf den rechten Weg zu bringen. Der Zuspruch einer vertrauten Person, ein schönes Bild am Smartphone, ein angenehmer Geruch oder eine aufblühende Rose in einem Rosengarten. Plötzlich scheint die Welt nicht mehr nur schlecht. Schließt man dieses Wissen in seinem Herzen ein, werden die hoffnungslosen Momente irgendwann weniger werden.

Eine kriegerische Welt

Vor langer Zeit lebten in einem fernen Land zwei mittellose Kinder, denen das Leben gar übel mitgespielt hatte. Obwohl sie sich nichts zu Schulden hatten kommen lassen, verbrachten sie ihr Dasein hauptsächlich in einer baufälligen Hütte am Rande eines einfachen Dorfes. Das ältere Kind, ein Junge, ließ nichts unversucht, um für sich und seine kleine Schwester sorgen zu können. Doch beherrschte ein grauenhafter Krieg das Land, an welchen das Geschwisterpaar bereits die Eltern verloren hatten und der es fast unmöglich machte, Arbeit zu finden. Als die Lage sich zuspitzte und der Junge keine Möglichkeit mehr sah, irgendwie an Geld zu kommen, traf er eine folgenschwere Entscheidung.

Eines Abends setzte er sich zu seiner kleinen Schwester und teilte ihr mit, dass er vorhatte Soldat zu werden. >>Aber, was soll dann aus mir werden?<<, fragte das kleine Mädchen ihn mit Tränen in den Augen, nachdem ihr der Junge sein Vorhaben erläutert hatte. >>Und was geschieht, wenn du nicht mehr zurückkommst? Dann habe ich niemanden mehr im Leben.<< >>Beruhige dich. Noch ist ja nichts passiert. Jetzt lass uns nicht mehr daran denken und stattdessen zu Abend essen.<<, beruhigte sie der Junge und machte sich ans Kochen.

Die Suche nach einer Unterkunft

Doch schon am nächsten Tag sollten sich die Befürchtungen der Schwester bewahrheiten. Bereits wenige Minuten nachdem der Junge sich einem Offizier vorgestellt hatte, wurde er für tauglich erklärt. Dies stellte ihn jedoch vor ein gänzlich neues Problem, nämlich dem, wer für das kleine Mädchen sorgen würde. Augenblicklich begab er sich auf die Suche nach nach einer guten Seele, bei der er sie ruhigen Gewissens lassen konnte. Doch niemand war bereit sie bei sich aufzunehmen.

Hoffnungslos ließ sich der Junge Stunden später auf einem Stein neben der Straße sinken. Was sollte er bloß tun? Die Antwort lieferte ihn ein vorbeifahrender Händler. >>Warum so traurig, mein Freund? Zwar bietet uns das Leben derzeit nicht gerade viele schöne Augenblicke, aber so hoffnungslos wie du dreinschaust kann es auch nicht sein.<<, rief der Mann unbeschwert von seinem Wagen herunter und machte neben dem Jungen halt. Trübselig erzählte dieser ihm von seinem Problem, woraufhin der Händler in die Richtung zeigte, aus der er gerade gekommen war. >>Nicht weit von hier, am Rande einer Schlucht, lebt eine alte Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Gesellschaft. Sicher wäre sie dir gern zu Diensten.<<, meinte er fröhlich und fuhr weiter.

Die hilfsbereite alte Frau

Ohne zu zögern lief der Junge los, um die Alte aufsuchen. Wie der Händler gesagt hatte, war sie sofort bereit, das kleine Mädchen bei sich aufzunehmen. Nachdem er sich mehrmals für ihre Hilfe bedankt hatte, rannte der Junge eilig nach Hause, wo er sofort von den guten Neuigkeiten berichtete. Seine Schwester war jedoch wenig begeistert.

>>Wieso soll ich bei einer Fremden leben? Bitte, bitte bleib doch hier. Der Krieg wird nicht ewig dauern, sodass du sicher bald wieder Arbeit findest. Ich tue auch alles was nötig ist, solange du nur bleibst.<<, weinte sie und brach dem Bruder damit beinahe das Herz.

Seufzend schüttelte dieser jedoch nur den Kopf und sprach: >>Du weißt so gut wie ich, dass es nicht so einfach ist. Bereits seit vielen Jahren herrscht der Krieg unerbittlich in unserem Land. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Wenn ich nicht gehe, werden wir verhungern. Mach es uns daher nicht so schwer und pack deine Sachen. Morgen will ich dich zu unserer Retterin bringen.<<

Ein schwerer Start

Sobald die Sonne am nächsten Tag aufgegangen war, machte sich der Junge mit seiner Schwester auf den Weg. Bei jedem Schritt vergoss das Mädchen eine Träne, doch wurde ihr von Furcht geplagtes Herz nicht leichter. Auch nachdem sie bei ihrer neuen Herbergsmutter angekommen war, besserte sich ihr Gefühlszustand nicht. Ein letztes Mal bat sie ihren Bruder zu bleiben, doch vergeblich. Der Junge nahm sie zum Abschied nur fest in den Arm und versprach zurückzukommen, sobald es ihm möglich wäre.. Schluchzend saß ihm die Kleine nach, bis er in der Ferne verschwunden war. >>Nun komm, lass uns hineingehen und etwas warme Milch trinken. Du wirst sehen, nichts ist so schlimm, dass man nicht darüber hinwegkommen kann. Bald wird es dir wieder bessergehen.<<, sprach die Alte aufzumunternd.

Doch auch in den nächsten Tag blieb das Mädchen unverändert traurig. Obwohl sich die alte Frau jede erdenkliche Mühe gab, schien nichts ihren Schützling aufheitern zu können, weshalb sie schließlich resigniert aufgab. >>Komm mit in meinen Garten. Ich muss dort nach dem Rechten sehen, wobei du mir Gesellschaft leisten kannst.<<, meinte sie müde und öffnete die Haustür. Verwirrt runzelte das Mädchen die Stirn. Das Haus war direkt an den Felsen gebaut worden. Links und rechts davon, befand sich nur Gestein und ihm gegenüber lag direkt die Straße. Wo sollte da Platz für einen Garten sein?

Der verwunschene Rosengarten

Also folgte das Mädchen der Alte neugierig aus dem Haus, von wo aus sie direkt zur nahegelegenen Felswand geführt wurde. Erst unmittelbar vor dem Gestein hielten sie wieder an. >>Nicht jeden lade ich dazu ein, meinen Rosengarten zu betreten. Nur Personen mit reinem Herzen sind mir willkommen. Ich hoffe ich täusche mich nicht in dir und bereue meine Entscheidung irgendwann.<<, sprach die Frau und zog mehrere dicht gewachsene Efeuranken zur Seite, die eine enge Spalte im Stein verdeckt hatten. Dahinter lag nichts als Dunkelheit.

Voller Angst stand das kleine Mädchen wie angewurzelt vor dem Durchgang. Um nichts in der Welt wollte sie ihn betreten. Doch die Alte entzündete eine kleine Laterne, die sie unter ihrer Schürze hervorgezogen hatte und die sie dem Kind nun reichte. Dann verschwand sie in der Finsternis. Zitternd beeilte sich das Mädchen ihr zu folgen und trat nach nur wenigen Schritten ins gleißende Sonnenlicht. Nachdem sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, erblickte sie den wohl prächtigsten Rosengarten, den sie jemals gesehen hatte. Unzählige Rosenstöcke wuchsen dicht nebeneinander auf einer Wiese aus smaragdgrünen Gras. Überwältigt von ihrer Schönheit, wanderte die Kleine zwischen ihnen umher und erkannte, dass jeder Stock einer anderen Sorte anzugehören schien.

>>Willkommen in meinem Rosengarten.<<, holte die Stimme der Herbergsmutter das Mädchen in die Wirklichkeit zurück. Diese zuckte schuldbewusst zusammen, da sie die Alte völlig vergessen hatte.

– Fortsetzung folgt –

Teil 2

Eine verantwortungsvolle Aufgabe

>>Wie du siehst, ist hier viel Arbeit zu tun. Nur fürchte ich, dass ich sie alleine nicht mehr schaffe. Früher, als ich noch jung war, war das anders. Ich frage mich, ob du mir helfen wirst, die Rosen zu hegen und zu pflegen. Es ist keine leichte Aufgabe, aber der Lohn ist ein ganz besonderer.<<, sprach sie lächelnd und kam langsam auf das Mädchen zu. Diese zögerte keinen Augenblick und stimmte zu. In den nächsten Stunden folgte sie den Anweisungen der Alten aufmerksam und kümmerte sich hingebungsvoll um jede einzelne Blume. Als die Sonne unterging, wanderte das ungleiche Paar zurück zum Haus, wo das Mädchen noch vor dem Abendbrot völlig erschöpft einschlief.

Die Besonderheiten im Rosengarten

Am nächsten Morgen ging sie sofort zurück in den Garten, obwohl ihr die Anstrengung noch tief in den Knochen saß und die Müdigkeit sie zu lähmen drohte. Trotzdem gab sie sich auch an diesem Tag jede erdenkliche Mühe, die Herbergsmutter und die Rosen zufrieden zu stellen. Der alten Frau gefiel die Hingabe des Mädchens, weshalb sie ihr schon bald erlaubte, allein im Garten zu arbeiten und nur gelegentlich vorbeikam, um ihre Fortschritte zu begutachten oder ihr einen Rat zu geben.

Die Wochen vergingen und das Kind verstand allmählich, wie mit den verschiedenen Rosen im Rosengarten umzugehen war, sodass sie in voller Pracht erblühen konnten. Die Schwierigkeit bestand nämlich darin, dass jede Blume unterschiedliche Bedürfnisse hatte. So mochten es die dunkelroten Rosen am liebsten, wenn man sie nach Sonnenaufgang goss, während die hellrosa Rosen ihr Wasser nach Sonnenuntergang verlangten. Die weißen Rosen benötigten viel Aufmerksamkeit, während man die Orangen besser in Ruhe ließ. Hingegen freuten sich die helllila Blumen, wenn man mit ihnen sprach und die gelben Rosen blühten am Schönsten, wenn man ihnen vorsang.

>>Du kümmerst dich wirklich gut um meine Blumen.<<, stellte die Alte eines Tages erfreut fest. >>Darum möchte ich dir ihr Geheimnis verraten.<< >>Ihr Geheimnis? Was meint Ihr damit?<<, wollte das Mädchen daraufhin neugierig wissen. Da setzte ihr Gegenüber ein geheimnisvolles Lächeln auf und erwiderte: >>Ich spreche davon, dass es sich bei den Rosen gar nicht um richtige Rosen handelt. Sondern um Gedanken.<< Verwirrt starrte das Kind sie stumm an. >>Ich verstehe nicht.<< >>Bist du dir da völlig sicher? Hör genau hin, dann werden sie dir ihr Geheimnis zuflüstern.<<, erklärte die Alte und verfiel in Schweigen. Obgleich ihr die Worte seltsamen vorkamen, trat das Mädchen an einen Rosenstock und hielt ihr Ohr dicht an dessen Blüten.

Das unfassbare Geheimnis des verwunschenen Rosengartens

Erschrocken sprang sie kurz darauf einen Schritt zurück. Die Rosen hatten ihr tatsächlich etwas zugeflüstert! >>Ja, es ist wahr. Die Rosen in diesem Garten stellen die Gedanken aller Menschen der Welt dar. Jedoch sammle ich hier nur die guten, während die schlechten draußen bleiben müssen. An diesem Ort sind sie sicher vor all dem Schmerz und Leid, vor der Bösartigkeit und der Niederträchtigkeit, die die Menschen antreibt.<<, erklärte die Herbergsmutter. >>Aber wieso sperrt ihr sie hier ein? Wäre es nicht besser sie überall zu verteilen, sodass sie Eingang in die Herzen der Menschen finden? Dann würde vielleicht auch der schreckliche Krieg enden und mein Bruder könnte heimkehren.<<, stellte das Mädchen verdrossen fest, nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte.

Da lächelte die Alte wehmütig . >>Früher habe ich meine Rosen in jedes Land der Welt getragen. Doch irgendwann war ihre Anwesenheit den Menschen gleichgültig. Immer wieder haben sie mich enttäuscht, sodass ich beschloss, sie bei mir zu behalten, anstatt sie zu verschwenden. Heute weiß ich, dass das falsch war. Du hast mir gezeigt, dass das Gute nach wie vor existiert und die Menschen eine zweite Chance verdient haben. Jedoch bin ich nun zu alt, um meinen Fehler rückgängig zu machen.<< >>Aber ich bin doch da und kann Euch helfen. Bitte, erlaubt mir die Rosen für Euch in die Welt zu tragen.<<, flehte die Kleine aufrichtig, woraufhin die Greisin zustimmend nickte.

Eine friedvolle Zukunft

Sie reichte dem Mädchen einen großen Weidekorb und eine alte Schere und half mit, die Rosen von den Stöcken zu schneiden. Nachdem der Korb bis oben hin gefüllt war, hob ihn das Kind auf den Rücken und trug ihn in ihr Heimatdorf, wo sie sie an die Leute verschenkte. Diese nahmen die Rosen zwar entgegen und fragten sich jedoch verwundert, wozu sie eigentlich gut waren. Doch schon bald erfüllte pures Glück und Frieden ihre Gedanken und Herzen, sodass sie die Antwort auf diese Frage nebensächlich wurde. Vom Erfolg beflügelt verteilte das Mädchen immer weiter Rosen, bis im Dorf letztendlich kein einziger schlechter Gedanke mehr zurückblieb.

Dasselbe wiederholte sie solange im ganzen Land, bis der Krieg eines Tages beendet wurde und der Bruder zu seiner Schwester zurückkehren konnte. Als er zum Haus der Alten kam, fand er sie dort jedoch alleine vor. Die Greisin war an jenem Tag verschwunden, als das Mädchen mit den Rosen aus dem Rosengarten ausgezogen war. Nachdem der Bruder von den Ereignissen erfahren hatte, verschrieb auch er sich mit Leib und Seele dem Rosengarten. So kam es, dass das Mädchen sich in Zukunft hingebungsvoll der Pflege der Blumen verschrieb, während der Junge sie in die Welt hinaustrug. Als sie zu alt für diese Aufgabe geworden waren, übergaben sie sie ihren Kindern, die sie wiederum irgendwann ihren Kindern übertrugen. Auf diese Weise kehrten die schlechten Gedanken niemals wieder in die Welt zurück und die Menschen lebten nur noch in Frieden und Freude.

Ende –

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