Der schlaue Fuchs – Teil 2

Was bisher geschah:

Ein kleiner Fuchs musste feststellen, dass all seine Geschwister mit einer besonderen Fähigkeit auf die Welt gekommen waren, während er selbst keine aufweisen konnte. Als ihm alles zu viel wurde und die Gewöhnlichkeit ihn zu ersticken drohte, machte er sich auf den Weg, um seine eigene Besonderheit zu finden. Dabei traf er auf einen Schwarm Bienen, denen er durch seine Schläue helfen konnte. Trotz des Erfolgs fühlte er sich weiterhin schlecht, sodass er weiterlief. Kurz darauf begegnete er mehreren Fasanen, die versuchten, sich in aller Öffentlichkeit vor Fressfeinden zu verstecken, indem sie sich zu Boden warfen und die Augen mit ihren Flügeln bedeckten.


Die hilflosen Fasane – Teil 2

Erstaunt nahm der Fuchs Platz. „Aber, hier auf dem weiten Feld kann euch doch jeder sehen. Ist der Sinn des Versteckens nicht eigentlich der, dass einen keiner finden kann?“ Verwundert erhoben sich die Fasane und starrten einander unsicher an. „Nun ja, du könntest recht haben. Vielleicht ist das auch der Grund, dass unsere Feinde uns immer finden.“, meinte einer von ihnen nachdenklich. „Stimmt. Eventuell sind wir das Problem völlig falsch angegangen. Nur, wie sollen wir es sonst anstellen uns zu schützen?“, wollte ein anderer wissen. Da lächelte der schlaue Fuchs wissend und sprach: „Seht ihr die Büsche auf beiden Seiten der Felder? Dorthin könnt ihr euch zurückziehen, wenn Gefahr droht. Oder ihr grabt an verschiedenen Stellen Löcher, in welchen ihr im Notfall verschwinden könnt. Ich will euch gerne dabei helfen.“

Und so kam es, dass er den Fasanen bei ihrer Unternehmung half. Den ganzen Tag hob er Erdlöcher aus, präparierte die Büsche oder probte den Ernstfall, indem er sie unvermittelt erschreckte. Als er sicher war, dass die Vögel sich von nun an selbst schützen konnten, wollte er weiterziehen. „Lieber Fuchs, wie können wir dir für deine Mühe danken? Niemals können wir diese Schuld begleichen.“, stellten die Fasane zum Abschied fest. Doch der Fuchs schüttelte nur bescheiden den Kopf. „Gar nichts schuldet ihr mir. Ich wünsche euch alles Gute.“, entgegnete er lächelnd und machte sich wieder auf den Weg.

Die orientierungslosen Rehe

Noch am selben Abend gelangte er zu einem breiten Fluss, an welchem sich eine Gruppe Rehe versammelt hatten, die heftig miteinander stritten. „Selbstverständlich können wir an diesem Gewässer unseren Durst gestillt. Seht nur wie sauber es ist. Da droht sicher keine Gefahr.“, behauptete ein Rehbock selbstsicher, während die anderen Tiere ängstlich vor sich hinmurmelten. „Verzeiht, aber kann es sein, dass ihr Hilfe braucht?“, mischte sich der Fuchs ungefragt ein. „Dich schickt der Himmel! Sag, kennst du dich hier aus? Wir sind zum ersten Mal in diesem Wald und wissen nicht weiter.“, meinte ein Rehkitz hoffnungsvoll. „So? Dann sagt mir, was begehrt ihr hier?“, wollte der Fuchs gespannt wissen.

„Wir kommen von weit her und sind auf der Suche nach einem neuen Zuhause, nachdem man uns aus unserem letzten vertrieben hat. Nur leider ist uns alles hier fremd.“, klagte eine Rehkuh voller Schmerz. „Das tut mir leid. Aber hier, könnt ihr in Frieden leben. Und ich will euch zeigen, wie das geht.“, versprach der schlaue Fuchs und begann sofort mit seiner ersten Lektion. Nach und nach brachte er den Rehen bei, wo sie sauberes Wasser finden konnten, wo sich die schönsten Lagerplätze befanden und sich das beste Futter versteckte.

Dankbar sogen die Tiere das Wissen auf. Gelassen beantwortete der Fuchs jede Frage, die ihnen einfiel und wurde nicht böse , wenn sie etwas nicht gleich verstanden. Auf diese Weise lernten sie schnell, sodass sie schon bald bereit für ihr neues Leben waren. „Ohne dich, lieber Fuchs, wären wir verloren gewesen. Wir danken dir vielmals für deine Mühe. Solltest du jemals selbst Hilfe benötigen, zögere nicht uns aufzusuchen.“, bedankten sie sich einstimmig beim Fuchs, als dieser seine letzte Lektion abgeschlossen hatte. „Keine Ursache. Aber jetzt muss ich weiter und endlich mein eigenes Problem in Angriff nehmen.“, antwortete dieser nur und lief los.

Die Besonderheit des schlauen Fuchses

Immer noch vom Gedanken geplagt, nur gewöhnlich zu sein, durchquerte der kleine Fuchs den Wald, bis er auf die Ausläufer der Berge stieß. Da ihn im Wald nichts hielt, beschloss er weiterzugehen und den Berg zu erklimmen. Schnell und mühelos kletterte er den steilen Weg immer höher hinauf. Als die Dunkelheit über ihn hereinbrach und er nichts mehr sehen konnte, setzte er sich niedergeschlagen auf eine Klippe und starrte in den dunklen Nachthimmel, den kein einziger Stern erhellte. Wie schön es jetzt wäre, zuhause zu sein und mit seiner Familie zu Abend zu essen. Doch würde er es um nichts in der Welt ertragen, wieder ihren mitleidigen Blicken ausgesetzt zu sein. Diesem traurigen Gedanken hing er nach, als ein Luchs des Weges kam. „Ach, ein Fremder. Sag, was treibt dich an diesen Ort?“, fragte das Tier neugierig und gesellte sich zum Fuchs.

Erst nach einer Weile, erzählte dieser seine Geschichte. Er beschrieb seine Geschwister und ihre Besonderheiten, erläuterte seine Sorgen über das Fehlen einer solchen bei ihm und von seinen Erlebnissen im Wald. Als er geendet hatte, sah ihn der Luchs nachdenklich an. „Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, worin dein Problem besteht.“, meinte er nach einer Weile langsam. „Hast du mir nicht zugehört? Ich kann nichts Einzigartiges und habe auch kein außergewöhnliches Talent, weshalb ich niemals meinen Platz auf dieser Welt oder in meiner Familie finden werde. Ich bin nur gewöhnlich.“, schluchzte der Fuchs, woraufhin der Luchs zu lachen begann.

„Gewöhnlich bist du ganz sicher nicht. Denk doch einmal nach, wie vielen Tieren du in letzter Zeit geholfen hast. Du bist demnach nicht gewöhnlich, sondern schlau.“, erklärte er, als der Fuchs ihn verwirrt ansah. „Ich bin schlau?“, fragte dieser unsicher. „Aber ja. Du bist sogar so schlau, dass du Lösungen für Probleme findest, die nicht alltäglich sind. Nutze das, zum Wohle aller und werde Lehrer, dann werden sich deine Wünsche von ganz von alleine erfüllen.“ , bestätigte ihm der Luchs, worüber der Fuchs erst einmal gründlich nachdenken.

Als die Sonne über den Wipfeln der Bäume aufgegangen war, hatte er eingesehen, dass der Luchs die Wahrheit sprach. Von diesem Moment an, zweifelte er nie wieder an sich selbst. Nachdem er in den Wald zurückgekehrt war, eröffnete er eine Schule für alle, die von ihm lernen wollten, was die Waldtiere begeistert annahmen. Auch seine Familie sah der kleine Fuchs wieder. Diese hatte sich schreckliche Sorgen um ihn gemacht, war jetzt aber umso glücklicher, dass er seine Selbstzweifel überwunden und seine Besonderheit gefunden hatte. Denn was der Fuchs erst durch sein Abenteuer erkannt hatte – nämlich, dass in jedem etwas Besonderes steckt, was aber nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist – hatten sie schon immer gewusst.

© K.ST.

Der schlaue Fuchs © K.ST.

Fabel.tastische Randnotiz:

Letzten Endes hat der Fuchs 🦊 doch noch seine Besonderheit und die damit verbundene Berufung gefunden. Hättet ihr erraten, dass er Lehrer 👨‍🏫 wird?

Kennt ihr das, wenn sich die Unzufriedenheit über etwas in eurem Kopf festsetzt und einfach nicht verschwinden will? Genauso ist es mir ergangen, nachdem ich zum ersten Mal einen Fuchs gezeichnet habe. Egal wie sehr ich mich damals bemüht und die Zeichnung überarbeitet habe, das Endergebnis wollte mir einfach nicht zu 100% gefallen. Daraus hat sich dann letztendlich dann diese Geschichte entwickelt, in der erneut ein Fuchs die Hauptrolle spielt

Ganz zufrieden bin ich ehrlich gesagt immer noch nicht mit meinem Bild, wenngleich es mir schon deutlich besser gefällt, als das letzte. 😊 Aber ich gebe nicht auf.

Gerne könnt ihr die Geschichte“liken“ und/oder eure Gedanken dazu über einen Kommentar hier am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) mit mir teilen. 📣💗📧

Wovon die nächste Geschichte handeln wird? Das erfahrt ihr, wenn ihr nächsten Dienstag wieder dabei seid, wenn ein neues Zitat der Woche veröffentlicht wird.

Bis bald, alles Liebe und bleibt gesund!

Eure Kerstin von fabel.tastisch

*Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧💗📣

Weitere Geschichten und Beiträge:

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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