Der schlaue Fuchs – Teil 1

Schlau zu sein bedeutet eine Fähigkeit zu besitzen, mit welcher man in unterschiedlichen Situationen das Beste für sich herausholen kann. Ein bis dahin unbekanntes Problem zu lösen, das für andere schier unmöglich zu bewältigen scheint, stellt für schlaue Personen keine Schwierigkeit dar. Schlauheit kann jedoch auch einen Haken haben, da es sich dabei um eine Besonderheit handelt, die man nicht eindeutig identifizieren kann. Sie kann den damit gesegneten Lebewesen zu Lebzeiten verborgen bleiben, sodass diese davon ausgehen, selbst ganz gewöhnlich zu sein und sich nicht von anderen zu unterscheiden. Dies kann ihr ganzes Dasein überschatten, bis sie sich aufgeben und meinen, selbst weniger wert zu sein als andere. Dass aber gerade ihre Schläue eine Fähigkeit ist, für die andere sie beneiden, entgeht ihnen oft vollkommen, bis sie darauf hingewiesen werden.

Eine Familie voller besonderer Kinder

Vor vielen tausend Jahren, als die Tiere als Einzige die Welt bevölkerten, lebte ein freundliches Fuchspaar ein friedvolles Leben mit ihren zahlreichen Kindern in einem sicheren Bau. Jedes Junge war auf seine Weise einzigartig und wurde von den Eltern entsprechend gefördert. Einer der Welpen konnte zum Beispiel unglaublich schnell laufen, weshalb ihn Mutter und Vater dazu ermutigten, bei einem Gepard in die Lehre zu gehen. Ein anderer verfügte über eine wahnsinnig empfindliche Nase, wodurch er die feinsten Gerüche im Wald aufspüren konnte. Die Eltern förderten sein Talent, indem sie das Junge zu den Wildschweinen schickten, wo es sich weiterentwickeln konnten. Der beste Schwimmer nahm hingegen Unterricht bei den Bibern, der ausgezeichnetste Jäger bei den Geiern und der erfolgreichste Sammler bei den Eichhörnchen. So fanden letztendlich alle Kinder die beste Ausbildung und ihren zukünftigen Platz im Leben.

Nur ein Fuchskind blieb im Bau zurück. Obwohl er weder tollpatschig noch dumm war, stach er auch in keinster Weise durch irgendeine Besonderheit hervor. Als er erkannte, dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern nur gewöhnlich war, ließ ihn dieses Wissen traurig und niedergeschlagen werden. „Na, na. Das ist doch kein Grund den Kopf hängen zu lassen.“, sprach Vater Fuchs eines Abends, als sein Nachwuchs ihm von seiner Sorge berichtete, „Dann hast du eben keine einzigartige Fähigkeit, die dich von anderen unterscheidet. Darüber muss man doch nicht betrübt sein.“ „Vater hat recht. Du wirst trotzdem deinen Weg im Leben finden. Hör also auf dir Sorgen zu machen und iss lieber anständig, damit du groß und stark wirst.“, unterstützte ihn die Mutter fürsorglich.

Flucht vor der Gewöhnlichkeit

Doch egal wie oft die Eltern ihm auch sagten, dass es in Ordnung war, anders zu sein als seine Geschwister, nahm der Schmerz doch mit jedem Tag zu. Besonders abends, wenn sie mit freudenstrahlenden Gesichtern nach Hause kamen und von ihrem aufregenden Tag erzählten, fühlte er sich ausgeschlossen. Obwohl ihn alle stets freundlich behandelten, kam er nicht umhin, das Mitleid in ihren Augen zu bemerken, dass sie für seine ganz und gar gewöhnliche Existenz empfanden. Irgendwann konnte er es nicht mehr ertragen und fasste einen folgenschweren Entschluss. Er wartete, bis alle zu Bett gegangen waren und stahl sich dann aus dem Bau, um ihn für immer zu verlassen. Wehmütig warf er draußen noch einen letzten Blick zurück, bevor er endgültig loslief.

Die in Not geratenen Bienen

Der kleine Fuchs durchstreifte tagelang den Wald, bis er völlig erschöpft auf einer Wiese zusammenbrach. Er war so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass er die zahlreichen Bienen, die sich im Gras tummelten, zuerst gar nicht bemerkte. „Verzeiht, ich wollte euch nicht durch meine Anwesenheit belästigen. Ich werde gleich weiterziehen, damit ihr eurer Arbeit in Ruhe nachgehen könnt.“, meinte der Fuchs zurückhaltend und erhob sich. „Wegen uns musst du nicht gehen. Auch wir rasten hier ein Weilchen, bevor wir weiterfliegen. Unser Bau ist so weit weg von den Blumen und ihrem Nektar, sodass das Honigsammeln unendlich lange dauert. Langsam wird es uns zur Qual, doch können wir nichts an den Gegebenheiten ändern, weshalb wir wohl weiter leiden müssen.“, summte eine der Bienen bedrückt.

„Das klingt schrecklich. Aber sag, warum verlegt ihr euren Bienenstock dann nicht an diesen Ort? Dann müsstet ihr nicht mehr so weite Strecken auf euch nehmen.“, wollte der Fuchs daraufhin ratlos wissen. „Die Herstellung eines neuen Stocks ist unglaublich kompliziert und sehr aufwendig. Außerdem können wir nicht beides, bauen und sammeln. Würden wir es dennoch versuchen, wären die Folgen katastrophal.“, erklärte eine andere Biene, die dem Gespräch interessiert gefolgt war. Nachdenklich betrachtete der Fuchs den in Not geratenen Schwarm. „Also benötigt ihr eine Lösung für eurer Problem, die sowohl die Blumenwiese als auch euer bisheriges Zuhause miteinschließt. Ich glaube ich weiß die Lösung.“, entgegnete er schließlich freudestrahlend.

Sogleich ließ er sich von den Bienen zu ihrem Bau führen, den sie in den Hohlraum einer großen Buche gebaut hatten. Aufmerksam sah sich der schlaue Fuchs die Gegebenheiten genau an, bevor er zurück zur Wiese lief. Nachdem er fündig geworden war, kehrte er zurück und erklärte den Bienen seinen Plan, den diese begeistert aufnahmen. Am nächsten Morgen waren sie bereit umzuziehen. Die ganze Nacht hatten sie die Wände des Bienenstocks von der Innenseite des Baumes gelöst. Nun konnte der Fuchs beim ersten Sonnenstrahl in den Hohlraum hineinklettern, das obere Ende mit den Zähnen packen und vorsichtig mitsamt seiner zerbrechlichen Fracht zurück auf den Waldboden steigen. Umsichtig und auf jeden Schritt achtend, trug er das wertvolle Gut zur Wiese, wo das Bienenvolk bereits auf ihn wartete. Während der Fuchs den Stock auf einem anderen Baum platzierte, den er am Tag zuvor ausgesucht hatte, befestigten die Bienen konzentriert dessen Wände. Als sie sicher waren, dass er sich nicht mehr lösen und zu Boden fallen würde, traten die Tiere zurück und betrachteten überglücklich ihr Werk.

„Danke lieber Fuchs. Ohne dich hätten wir dieses Wunder nie bewerkstelligen können.“, bedankten sich die Bienen einstimmig, bevor sie sich in ihren Stock zurückzogen. Der Fuchs sah ihnen lächelnd nach, erinnerte sich dann aber wieder an den Grund seines Hierseins und beschloss, weiterzuziehen.

Die hilflosen Fasane

Er war noch nicht weit gekommen, als ihn ein lauter Schrei innehalten ließ. Als er sich nach der Quelle des Geräuschs umsah, entdeckte der Fuchs auf einem nahegelegenen Feld eine Gruppe Fasane, die hektisch im Kreis herumliefen, bevor sie zu Boden sprangen, wo sie sich flach auf die Erde drücken und die Augen ängstlich mit den Flügeln bedeckten. Neugierig trat er näher. „Entschuldigt meine Aufdringlichkeit, aber was macht ihr hier?“ Einer der Fasane sah ihn daraufhin voller Angst an. „Wir verstecken uns.“, antwortete er nach kurzem Zögern, als er sicher war, dass der Fuchs harmlos war. „Und wovor?“, wollte dieser weiter wissen. „Vor denen, die uns fressen wollen.“, erklärte ihm schließlich ein anderer Fasan.

– Fortsetzung folgt –

© K.ST.

Zu sehen ist der schlaue Fuchs, wie er leicht verschmitzt grinsend, den Betrachter ansieht.
Der schlaue Fuchs © K.ST.

Fabel.tastische Randnotiz:

Hui, und schon ist der 1. Teil von „Der schlaue Fuchs“ zu Ende.

Wie der Fuchs 🦊 wohl das Problem der Fasane lösen wird und was sonst noch für Herausforderungen auf ihn warten? Das erfahrt ihr nächsten Freitag, wenn es den 2. Teil zu lesen gibt.

Bis dahin könnt ihr euch ja ein wenig die Zeit vertreiben, indem ihr euch das >>Zitat der Woche – Woche 20<< anschaut. 😁

Bis bald, alles Liebe und bleibt gesund!

Eure Kerstin von fabel.tastisch

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Weitere Geschichten und Beiträge:

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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