Die außergewöhnliche Schneiderin – Teil 2

Was zuvor geschah:

Eine junge Frau stellte sich in einer Schneiderei vor, um das damit verbundene Handwerk zu erlernen. Nach anfänglichen Zögern, nahm die Schneidermeisterin sie bei sich auf und lehrte sie alles was es zum Beruf zu wissen gab. Dabei zeigte sich, dass die junge Frau ein besonderes Talent besaß, wodurch sie außergewöhnliche Kleider herstellen konnte, die sich außerordentlich gut verkauften. Doch der damit verbundene Erfolg war nicht von langer Dauer. Krieg erschütterte das Land und die junge Schneiderin verlor ihre Arbeit. Verzweifelt wanderte sie herum, bis sie in den Wald, gelangte, wo eine Eule sie an die Spinnen verwies. Die Lösung schien gefunden, denn mit den Spinnweben war es der Schneiderin möglich, neue Kleider schneidern. Jedoch musste sie sich für deren Erhalt erst als würdig erweisen.


Ein hilfreicher Waldspaziergang – Fortsetzung

Da erkannte die Spinne das gute Herz und freundliche Wesen der Frau und überließ ihr die Spinnweben umsonst. Hocherfreut sammelte die Schneiderin so viel davon ein, wie sie zu fassen bekam. Noch auf der Lichtung begann sie mit der Fertigung eines neuen Kleides. Nach nur wenigen Stunden lag das Ergebnis vor und stellte sich als prächtiger heraus, als alles, was sie bisher angefertigt hatte. Auch die übrigen Tiere des Waldes, die von ihrem Treiben angelockt worden waren, hatten nie etwas Schöneres gesehen. Aber die junge Frau war noch nicht fertig. Konzentriert arbeitete sie weiter, bis drei weitere Kleider vorlagen. Erschöpft, aber erfüllt von Glück, packte sie alles zusammen und verabschiedete sich demütig von den Tieren, bevor sie zurück in die Stadt wanderte.

Das überraschende Ende des Krieges

Dort angekommen, ging sie sofort zum Markt und stellte die Kleider zur Schau. Es dauerte nicht lange, bis sich alle Frauen der Stadt um sie herum versammelt hatten und sich überboten, um in den Besitz der Kleidungsstücke zu kommen. Nachdem alles verkauft war, zog sich die Schneiderin zurück. Sie besorgte Obst, Gemüse und Fleisch und lief zurück zur Waldlichtung, wo sie ihren Verdienst mit den Tieren teilte. Die Spinnen nahmen die Gabe gerne an und überließen ihr zum Dank auch weiterhin ihre Spinnweben, was die Schneiderin hocherfreut annahm.

Schon nach wenigen Tagen hatte sich die außergewöhnliche Qualität der Kleider überall im Reich herumgesprochen. Aus diesem Grund wurde eines Tages sogar die Frau des Kaisers bei der Schneiderin vorstellig. „Ich bitte dich für mir auch eines deiner wunderschönen Kleidungsstücke herzustellen. Du wirst guten Lohn dafür bekommen.“, versprach ihr diese lächelnd. Die junge Frau verbeugte sich respektvoll und sprach: „Gerne will ich Eurem Wunsch nachkommen. Als Bezahlung verlange ich nichts, wenn dafür nur endlich dieser furchtbare Krieg endet, durch den wir alle leiden.“

Die Kaiserin war überrascht von dieser Bitte, sagte aber dennoch zu. Und tatsächlich brachte sie ihren Mann, den Kaiser, dazu Frieden mit dem Nachbarland zu schließen. Voller Erwartungen suchte sie die Schneiderin im Anschluss auf, die ihr mithilfe der Spinnweben und den nun endlich wieder verfügbaren Edelsteinen, Federn und Perlen, das prunkvollste Kleid geschneidert hatte, dass die Welt je gesehen hatte. Überwältigt vom Ergebnis, beschenkte die Kaiserin die Schneiderin mit Bergen von Gold, welche diese verwendete, um eine kleine, schlichte Schneiderei zu eröffnen. Landein, Landaus wurde der Mut und die Courage der jungen Frau, die letztendlich den Krieg beendet hatten, gefeiert. Statt sich jedoch darauf etwas einzubilden, blieb die Schneiderin bescheiden und war einfach nur froh, endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Der Neid und seine Folgen

Wie es nun einmal ist, haben Ruhm und Erfolg auch ihre Schattenseiten. Während die junge Schneiderin vom Großteil ihrer Landsleute gefeiert wurde, beobachteten andere ihren Aufstieg voller Neid und Verbitterung. Besonders eine Person, eine andere Schneiderin, die mehr durch ihre Kaltherzigkeit als durch die Qualität ihrer Kleider auffiel, schimpfte tagein, tagaus über sie: „Gar nichts ist an ihr außergewöhnlich. Sie ist eine Schneiderin, wie ich auch. Es ist nicht fair, dass ihr Geschäft so viel besser lauft, als meines. Sicher steckt ein Geheimnis hinter ihrem Erfolg. Aber das werde ich herausfinden.“ Durch diesen Gedanken beseelt, legte sie sich auf die Lauer und beobachtete eines Tages, wie Ihre Konkurrentin mit einem großen Korb in den Wald ging. Auf leisen Sohlen folgte ihr die von Neid geplagte Frau und erfuhr auf diese Weise vom Geheimnis der Spinnweben. Überzeugt, dass auch ihr das Geschenk der Spinnen zustand, wartete sie im Verborgenen, bis die andere gegangen war, bevor auch sie an die Spinnweben herantrat.

„Wer bist du und was willst du?“, fragte eine der Spinnen, nachdem sie die Fremde bemerkt hatte. „Eure Spinnweben will ich.“, antwortete diese mit Abscheu in der Stimme, „Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie daraus etwas umwerfend Schönes entstehen soll. Aber da meine Konkurrentin damit Erfolg zu haben scheint, will ich es auch probieren.“ Nachdenklich betrachtete das Tier die Frau. „Und was gibst du uns im Gegenzug?“, wollte es nach einer Weile wissen. „Gar nichts. Euch steht nichts von meinem Gewinn zu.“, sprach sie kalt und riss ohne Zustimmung der Spinnen genug von deren Netzen ab, um Kleider daraus fertigen zu können.

Auf Hochmut folgt Fall

Zurück in ihrer Werkstatt schneiderte sie drei wunderschöne Kleider, die sie am nächsten Morgen auf dem Markt feil bot. Wie bei ihrer Konkurrentin drängten sich unzählige Frauen um die Ware und wollten sie erstehen. Doch kaum hatten die Kleider ihren Besitzer gewechselt, geschahen auch schon wunderliche Dinge. Nachdem die erste Kundin ihr Kleid übergezogen hatte, ging plötzlich ein seltsamer Geruch von ihr aus, durch welchen alle in ihrer Umgebung und sie selbst krank wurden. Die zweite Frau empfand nach der Anprobe einen unglaublichen Juckreiz, durch welchen sie sich das Kleid panisch vom Körper riss, sodass am Ende nur Fetzen davon überblieben. Der Dritten erging es sogar noch schlechter. Zwar war das Tragen des Kleides mit keinerlei Konsequenzen verbunden, als sie es aber am selben Abend ablegte, blieben an jenen Stellen ihres Körpers, die das Kleidungsstück bedeckt hatten, schwarze Flecken zurück, die sich nicht abwaschen ließen. Erzürnt fanden sich die Kundinnen am nächsten Morgen bei der Schneiderin ein und verlangten lautstark ihr Geld zurück.

Zwei außergewöhnliche Schneiderinnen

Tief beschämt floh diese in den Wald, wo sie sich wie durch ein Wunder bei den Spinnen wiederfand. Auch ihre Konkurrentin war anwesend und betrachtete sie traurig. „Ihr habt mich betrogen! Euren Spinnweben ist es zu verdanken, dass niemals jemand mehr bei mir ein Kleidungsstück kaufen wird. Durch euch bin ich ruiniert.“, schrie die kaltherzige Schneiderin wie von Sinnen. Da trat die andere Frau vor und sprach: „Du bist selbst schuld an deinem Unglück. Wärst du freundlich und gütig gewesen und hättest den Preis der Spinnen bezahlt, wäre das alles nicht passiert. Dein Neid und deine Habgier haben dich am Ende besiegt. Aber es ist noch nicht zu spät. Du kannst dein Leben noch ändern. Ich selbst werde dir dabei helfen.“

Verbittert willigte die Geplagte ein und folgte der jungen Schneiderin in deren Haus, wo sie mit der Zeit das Schneiderhandwerk neu erlernte. Aus der einst kaltherzigen Person entwickelte sich auf diese Weise eine gutherzige und freundliche Person. Zwar konnte sie ihre Lehrmeisterin auch in Zukunft nicht übertreffen, da sie selbst nicht über dasselbe außerordentliche Talent verfügte. Aber das spielte keine Rolle mehr in ihrem Leben, da sie gelernt hatte, dass nicht Talent allein die Qualität eines Werkes und dessen Erfolg bestimmte, sondern ein gutes und reines Herz.

© K.ST.

Bei dem zu sehenden Bild handelt es sich um ein Foto, welches in Kyoto von einem Schaufenster aufgenommen wurde. Gezeigt werden ein traditioneller Kimono für einen Mann und eine Frau.
Bild von japanischer Kleidung (Kimonos) © K.ST.

Fabel.tastische Randnotiz:

So – jetzt ist es raus, wie die Geschichte endet. Hättet ihr euch das gedacht?

Auf die Idee zu „Die außergewöhnliche Schneiderin“ kam ich tatsächlich, als ich Urlaubsfotos von meinem Japantrip sortiert habe, den ich 2019/20 mit Freundinnen unternommen hatte. Dabei stieß ich auf ein Bild , auf welchem 2 Kimonos abgebildet waren. Die Anordnung der Kleidungsstücke, die Farben und Muster gefielen mir letztendlich so gut, dass ich daraus eine Geschichte gemacht habe. Zusätzlich diente das Foto auch als Vorlage für das selbst gemalte Bild.

Im Laufe des Entstehungsprozesses der Geschichte stieß ich außerdem auf ein Zitat von Coco Chanel, dass wie die sprichwörtliche >>Faust aufs Auge<< gepasst hat. Ich stimme der Designerin hier völlig zu, da ich auch unglaublich gerne Kleider trage und um ihre Vorteile weiß.

Was?! Ihr habt das Zitat noch gar nicht gelesen? Dann nix wie hin! Ihr findet es wie üblich im Menü unter Zitat der Woche – Woche 18.

Bis dahin, alles Liebe und bleibt Gesund!

Eure Kerstin von fabel.tastisch

*Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧💗📣

Weitere Geschichten:

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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