Die außergewöhnliche Schneiderin – Teil 1

Mit einer bestimmten Gabe geboren zu werden, kann ein großes Glück sein. Einerseits sticht man damit nämlich hervor und erzielt die größtmögliche Aufmerksamkeit für sich und sein Talent. Außerdem erledigt man die damit verbundenen Arbeiten in einer herausragenden Leichtigkeit und Effizienz, wie niemand anderes es tun könnte, was letztendlich zu Erfolg und Bewunderung führt. Andererseits löst die Zurschaustellung von Begabung leider auch oft Neid und Missgunst aus. Gerade die Menschen, die auf dem Gebiet in dem sie arbeiten, kein besonderes Talent besitzen, beginnen Groll gegen diejenigen zu entwickeln, die im Gegensatz zu ihnen talentiert sind. Sie müssen erst lernen, dass es sinnlos ist so zu empfinden und auch die begabten Menschen, genauso hart arbeiten, wie sie selbst. Tun sie das nicht, ist ein böses Ende vorprogrammiert.

Ein außerordentliches Talent

Vor vielen Jahrhunderten, als die Menschen noch ein einfacheres und härteres Leben führten als heute, wurde ein kleines Mädchen geboren, dass den Eltern viel Freude bereitete. Mit ihrer freundlichen und zuvorkommenden Art und ihrem hübschen Äußeren, nahm sie alle Menschen denen sie begegnete, schnell für sich ein. Auch ihr starker Wille trug dazu bei, dass sie allgemein beliebt war. Als dann die Zeit kam, sich nach einer geeigneten Arbeit umzusehen, tat die nunmehr junge Frau, dies mit viel Begeisterung. Da sie besonders gerne zusammen mit der Mutter nähte, stellte sie sich in einer Schneiderei vor. Deren Besitzerin, eine großgewachsene und überaus harsche Person, schien jedoch von diesem Vorhaben wenig überzeugt. „Zeig mir deine Hände.“, verlangte sie grob und kniff die Augen zusammen, um diese gründlich zu begutachten, als sie ihr präsentiert wurden. „Viel Arbeit hast du in deinem Leben noch nicht geleistet, so zart und unberührt wie deine Hände aussehen. Das Handwerk des Schneiders ist jedoch ein überaus anstrengendes. Die Stoffbahnen sind schwer, weshalb man viel Kraft braucht, um ordentlich damit arbeiten zu können. Zugleich müssen deine Finger flink und dein Geist wach sein, um die unterschiedlichsten und kompliziertesten Muster sticken zu können. Ich bezweifle das du das kannst.“, stellte sie schließlich abschätzig fest.

Die junge Frau senkte den Blick auf ihre Hände. „Ihr habt Recht. Viel Erfahrung habe ich nicht. Aber ich bitte Euch trotzdem mir eine Chance zu geben. Dann will ich Euch nicht enttäuschen.“, sprach sie selbstbewusst, was Eindruck bei der Schneiderin machte. Nachdenklich betrachtete sie ihr Gegenüber. „Gut, wir wollen es versuchen. Hier ist ein Kleid, an welchem noch etliche Schmucksteine befestigt werden müssen. Machst du es gut, will ich dich ausbilden.“, meinte diese nachdenklich und überreichte der anderen die Materialien. Die junge Frau machte sich sogleich an die Arbeit. Wie im Fieberwahn bestickte sie das Kleid in kürzester Zeit und in aller Raffinesse, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sobald die Arbeit beendet war, trat die alte Frau wieder an sie heran und beäugte das Werk kritisch. „Außergewöhnlich. Du verfügst wirklich über ein außerordentliches Talent. Dieses kann dich noch weit bringen und zu einer außergewöhnlichen Schneiderin werden lassen.“, sprach die Schneiderin nach mehreren Minuten des Schweigens bewundernd, während sie das Kleidungsstück hin und her wendete. „Heißt das, Ihr bildet mich aus?“, fragte die junge Frau daraufhin hoffnungsvoll, was die Alte sofort bestätigte.

Ein Anfang und ein Ende

In den nächsten Monaten lernte die junge Frau alles was es über das Schneiderhandwerk zu wissen gab. Aufgrund ihrer natürlichen Begabung lernte sie schnell, weshalb sie schon bald alleine Kleider anfertigen durfte. Auch hier brillierte die junge Frau. Jedes Kleidungsstück, egal ob aus hochwertiger Seide oder einfachen Leinen gefertigt, ob mit Schmucksteinen besetzt oder mit aufwendigen Mustern bemalt, begeisterte die Käufer und brachte der Schneiderei viel Ruhm und Geld ein. Es passierte nicht selten, dass alle Waren, die die Novizin herstellte, bereits nach wenigen Minuten ausverkauft waren. Eines Abends rief die Lehrmeisterin die junge Frau aus diesem Grund zu sich und gratulierte ihr zu ihrem Erfolg. „Wahrlich, so eine außergewöhnliche Schneiderin wie dich gibt es nur einmal auf dieser Welt. Möge dein Erfolg für immer andauern.“, lobte sie ihre Untergebene, deren Wangen sich vor Freude rot verfärbten.

Doch es sollte anders kommen. Wenige Tage nach diesem Gespräch erklärte der Herrscher des Landes einem Nachbarland den Krieg. Nach anfänglichen Erfolgen, erzitterte das Land schon bald in seinen Grundfesten. Hunger, Krankheit, Geldknappheit und Materialmangel waren die Folge. Viele Menschen verloren ihr Heim und ertrugen ihr Dasein in Obdachlosigkeit. Mit einem Mal wollte und konnte niemand mehr Kleidung kaufen. Der alten Schneiderin blieb letztendlich nichts Anderes übrig, als ihren Laden zu schließen und ihre Angestellten zu entlassen. „Es tut mir sehr leid, ich kann euch nicht mehr bezahlen. Ich hoffe ihr findet woanders euer Glück.“, wünschte sie jeder ihrer Schneiderinnen, bevor diese aufbrachen, um neue Arbeit zu finden.

Ein hilfreicher Waldspaziergang

Doch es schien hoffnungslos. Nirgendwo gab es Arbeit, weshalb die außergewöhnliche Schneiderin dasselbe Schicksal erlitt, wie alle anderen Einwohner des Landes. Ziellos, geplagt von Hunger und Hoffnungslosigkeit, lief sie durch die Straßen, die sie direkt in den Wald führten, wo sie irgendwann völlig erschöpft zusammen sank. So verharrte sie, bis eine Eule des Weges kam. Diese hatte Mitleid mit der jungen Frau und sprach sie an: „Verzeih, wenn ich neugierig bin. Aber was machst du hier so ganz allein?“ Erfüllt von Trauer blickte die Schneiderin das Tier an. „Ach, ich habe meine Arbeit und mein Heim verloren, weil Krieg herrscht. Dadurch fehlt es an Käufern und Material für meine selbst genähte Kleidung. “, erklärte sie seufzend.

Die Eule neigte nachdenklich den Kopf. „Das klingt furchtbar. Aber bei mir findest du Hilfe. Mit Käufern kann ich nicht dienen, aber ich kenne ein Material, was du verwenden kannst.“, sprach das Tier weise und heiterte die junge Frau dadurch auf. Schnell stand sie auf und folgte der Eule, als diese abrupt losflog. Der Weg führte über Stock und Stein, bis sie schließlich zu einer Lichtung kamen, die über und über mit Spinnweben bedeckt war. Die Bahnen glänzten im fahlen Sonnenlicht herrlich, als wären sie aus purem Silber gefertigt worden.

Ehrfürchtig trat die Schneiderin näher und befühlte das Material. „Unglaublich. Nie habe ich etwas Feineres und Schöneres in Händen gehalten.“, murmelte sie, als eine Spinne sich vor ihr an einem Faden hinabließ. „Wer bist du und was willst du?“, wollte diese wütend wissen. „Ich bin Schneiderin und auf der Suche nach geeignetem Material für meine Kleider. Eure Spinnweben scheinen genau das Richtige dafür zu sein.“, erklärte die junge Frau ruhig. „Aha. Und was gibst du mir und meinen Geschwistern im Gegenzug, wenn wir dir die Spinnweben überlassen?“, fragte die Spinne zufrieden mit der Erklärung und schon weniger zornig. „Leider habe ich nichts, was ich dir als Bezahlung anbieten könnte. Aber ich will meine Schulden gerne abarbeiten.“, antwortete ihr die Schneiderin ehrlich.

– Fortsetzung folgt –

© K.ST.

Das Bild zeigt altertümliche Kleidung, die von der Schneiderin aus der Geschichte "Die außergewöhnliche Schneiderin" selbst hergestellt wird.
altertümliche Kleidung © K.ST.

Fabel.tastische Randnotiz:

Seid ihr gespannt, ob die Spinne 🕷 diesem Handel wohl zustimmen wird? Ob die Schneiderin wieder Erfolg 💰 haben wird? Ob der schreckliche Krieg endet? Und vom wem könnte die Einleitung erzählt haben, der neidig 🦹‍♀️ ist?

Tja – eine Antwort auf eure Fragen findet ihr nächsten Freitag, wenn es den 2. Teil von „Der außergewöhnlichen Schneiderin“ zu lesen gibt.

Bis dahin, alles Liebe und bleibt Gesund!

Eure Kerstin von fabel.tastisch

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Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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