Der Mäusefänger – Teil 1

Seit je her werden Katzen als Mäusefänger eingesetzt, um Schädlinge von Haus und Hof fernzuhalten. Eine besondere Ausbildung oder Investitionen gilt es dabei nicht zu tätigen, da die Tiere ein Gespür dafür zu haben scheinen und von Natur aus mit einem Spieltrieb ausgestattet sind, der auf diese Weise befriedigt wird. Der Maus aber erschwert die Anwesenheit des Jägers jedoch das Leben deutlich, da sie dadurch der permanenten Gefahr ausgesetzt ist, gefangen und verspeist zu werden. Aus ihrer Sicht ist dies durchaus als unfair zu betrachten, da auch die Maus nur ihrer angeborenen Veranlagung nachkommt, nämlich sich an einem warmen Ort niederzulassen, an dem genug Platz und Futter zur Verfügung stehen. Zum direkten Austausch zwischen den beiden tierischen Vertretern kommt es selten. Wenn es doch einmal dazu kommt, ist die Tragödie bereits vorprogrammiert.

Das talentierte Katzenjunge

Es sind bereits viele Jahrhunderte vergangen, seit eine Katzenmutter zusammen mit ihren kleinen Kätzchen ein angenehmes Leben, voll von Friede und Harmonie führte. Geduldig lehrte die Mutter die jungen Tiere alles, was es für ein erfolgreiches Katzendasein zu wissen gab. Besonders eines ihrer Kinder stach schon früh durch sein Talent hervor. Der kleiner Kater war äußerst geschickt, wodurch er bei der Jagd deutlich mehr Beute erlegte, als seine Brüder und Schwestern. Neidvoll betrachteten diese ihn, bevor sie den Kater zur Rede stellten und in sein Geheimnis eingeweiht werden wollten.

„Geheimnis?“, fragte dieser jedoch verwundert und legte den Kopf schief. „Ich habe keines, denke ich.“, fügte er nach einer Weile hinzu. „Du machst dich über uns lustig, nicht wahr? Wie bist du sonst so erfolgreich, wenn nichts dahintersteckt? Du willst es uns bloß nicht sagen, was sehr gemein von dir ist.“, hielten die Geschwister zornig dagegen. „Aber ich schwöre, ich weiß nicht, warum es mir so gut gelingt.“, versuchte der Kater ihnen verständlich zu machen. Tatsächlich fand er für sein Talent keine Erklärung, die für alle, so auch für ihn, zufriedenstellend gewesen wäre. Und da er seine Beute jederzeit mit der Familie teilte, vergaßen seine Brüder und Schwestern irgendwann, böse auf ihn zu sein.

Der Zwischenfall in der Mühle

Die Jahre vergingen und die Kätzchen wurden erwachsen. Sie verbrachten nicht mehr so viel Zeit damit, bei der Mutter in die Lehre zu gehen und ihre Fähigkeiten aneinander zu messen, sondern begaben sich nacheinander auf die Suche nach einem Lebensinhalt. Auch der Kater machte sich auf den Weg, wenngleich der Abschied vom Vertrauten ihm sehr schwer fiel. „Du hast eine große Zukunft vor dir, der du dich ohne Schwierigkeiten stellen wirst. Da bin ich sicher.“, verabschiedete ihn die Mutter. Und auch, wenn er von ihren Worten wenig überzeugt war, bedankte er sich artig und lief ebenfalls los. Er war noch nicht weit gekommen, als Lärm ihn innehalten ließ. Ein Mann kam aus einer Mühle gelaufen, die Nahe des Weges stand, und war über und über mit Mehl bedeckt . In seinen Händen schwang er wütend einen Besen, während er schrie: „Garstige Biester! Ihr habt mir zum letzten Mal einen meiner hart erarbeiteten Mehlsäcke geplündert. Wenn ich euch erwische, geht es euch an den Kragen.“

Der Kater zuckte zurück, als der Müller ihn am Straßenrand entdeckte. Doch seine Angst war unbegründet. „Meine Gebete wurden erhört. Sag, kannst du mir nicht helfen? Ich will dir einen angemessenen Lohn zahlen, wenn du das Ungeziefer verjagst, dass in meiner Mühle wohnt.“, bat der Mann freudenstrahlend. Der Kater dachte eine Weile über den Vorschlag nach. Da er keinen Grund fand, der dagegen sprach zu helfen, stimmte er schließlich zu. So lief er in die Mühle, wo er innerhalb kürzester Zeit alle Mäuse aufstöberte und dazu brachte, die Wirkstätte des Müllers für immer zu verlassen.

Nachdem der letzte Nager fortgelaufen war, ging der Kater wieder nach draußen. Besagter Müller staunte indes über die Schnelligkeit und Gewandtheit, mit der sein Gegenüber die Aufgabe erledigt hatte. „Ein Wunder. Niemals zuvor habe ich einen so zuverlässigen Jäger wie dich gesehen. Als Mäusefänger kannst du es weit schaffen, ohne Zweifel.“, meinte der Mann ehrfürchtig und übergab den vereinbarten Lohn.

Der Aufstieg und die erste Zurückweisung

So kam es, dass sich der Kater dazu entschloss Mäusefänger zu werden. Sein Talent bescherte ihm über alle Maßen Erfolg, wodurch das Tier rasch ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft wurde, dem man allgemeinhin vertraute. Da seine Dienste überall im Land benötigt wurden, zog der Kater von Ort zu Ort und blieb nirgends lange. Sobald er seine Aufgabe erfüllt hatte, begab er sich wieder auf Wanderschaft. Ob er jedoch das Richtige tat oder ob die Arbeit mit Konsequenzen verbunden war, hinterfragte er nie. Dies war der tiefen Überzeugung geschuldet, wonach das Fangen von Mäusen die oberste Aufgabe einer Katze darstellte und da er eine solche war, er ihr eben nachzukommen hatte.

Doch eines Tages wurde sein Glaube auf eine erste Probe gestellt. Er kam gerade an einem Bauernhof vorbei, als ihn dessen Besitzer erblickte und um Hilfe bat. „Lieber Mäusefänger, gewähre mir und meiner Familie deine Gunst. Auf unserem Hof haben sich unzählige Mäuse ausgebreitet, die die Ernte auffressen. Doch ohne sie verdienen wir kein Geld, dass wir aber dringend zum Leben benötigen.“, flehte der Bauer. „So soll es sein. Warte mit deinen Angehörigen hier draußen, dann will ich ans Werk gehen und die Schädlinge vertreiben.“, meinte der Kater selbstbewusst und machte sich bereit.

Wie so viele Male davor, stöberte er rasch jede Maus auf dem Grundstück auf, die er dann des Bauernhofes verwies. Nur ein Tier stellte sich ihm entgegen. Der Kater fand es in einem alten Verschlag, in dem der Mäuserich es sich gemütlich gemacht hatte. „Ja, willst du denn nicht vor mir davonlaufen, wie es deine Kameraden getan haben?“, fragte er verwirrt, als die Maus ihn weiter ignorierte. „Wieso?“, fragte diese desinteressiert. „Weil es mein Beruf ist, dich zu fangen und zu vertreiben. Dafür werde ich bezahlt.“, antwortete der Kater sofort. „Ach ja? Aber wieso genau sollte ich gehen wollen? Hier lebt es sich sehr angenehm. Und die Menschen meiden diesen Verschlag ohnehin, sodass niemand Schaden von meiner Anwesenheit nimmt.“, hielt die Maus dagegen.

„Und doch gehört er ihnen. Es ist nicht richtig hier ohne ihre Zustimmung zu leben. Darum musst du gehen.“, stellte der Kater klar, wenngleich er die Argumente des Anderen nachvollziehen konnte. Leise vor sich hin schimpfend folgte die Maus letztendlich seiner Aufforderung, packte das Nötigste und verließ den Unterschlupf. Der Mäusefänger kehrte hingegen zu den Menschen zurück. „Die Arbeit ist getan.“, bekannte er müde, was seine Auftraggeber unglaublich freute. Die Familie entlohnte ihn noch für seine Mühen, dann zog der Kater weiter.

Die zweite Zurückweisung

Es vergingen mehrere Tage, in welchen der Mäusefänger auf wundersame Weise von der Arbeit verschont blieb und sich von deren Strapazen erholen konnte. Nachdem er aber in eine große Stadt gekommen war, änderte sich dies schlagartig. Fast sofort nach seinem Eintreffen hielt ihn ein verzweifelter Kaufmann auf und sprach: „Nicht weit entfernt befindet sich ein großes Lagerhaus, in dem ich meine Waren lagere und das voll von Mäusen ist, die sie ruinieren. Bitte sorge dafür, dass sie verschwinden und mein Hab und Gut sicher ist. Für deinen Lohn ist gesorgt.“ „Ich will tun, was ich kann. Sorge dich nicht länger.“, meinte der Kater pflichtbewusst und begab sich zu besagten Ort, wo er seine Tätigkeit augenblicklich aufnahm. Der Kaufmann hatte nicht gelogen. Das Lagerhaus war von den Nagern vom Dachboden bis zum Keller durchdrungen. Doch er hatte wie üblich leichtes Spiel mit ihnen. Die Mäuse flohen, sobald sie die Anwesenheit des Katers bemerkten. Nur eine blieb.

– Fortsetzung folgt –

© K.ST.

Auf dem Bild ist eine Katze zu sehen und drei Mäuse. Während die Katze ruhig da sitzt und die Mäuse beobachtet, sind diese fürchterlich aufgeregt.
Der Mäusefänger, ©K K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Was die Maus 🐁 dem Kater 🐈 wohl zu sagen hat? Ob es für ihr Verhalten vielleicht einen guten Grund gibt? Und ob der Kater seine Meinung zum Mäusefangen noch ändert?

Das erfahrt ihr wie immer am nächsten Freitag, wenn der 2. Teil der Geschichte veröffentlicht wird.

So viel sei dies dahin aber verraten: manchmal lohnt es sich mit Konventionen zu brechen und andere Lösungen zu suchen, wie auch der Kater noch lernen wird.

Neugierig geworden? Dann seid auch nächste Woche wieder dabei. 😊

Bis dahin: alles Liebe und bleibt gesund,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

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Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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