Die magische Tinte – Teil 2

Was zuvor geschah:

Ein erfolgloser Schreiber haderte mit seinem Beruf, der ihm das Leben ehrlich schwerer machte, als es sein sollte. Nachdem seine Frau einer Krankheit erlag, wurde er jedoch gezwungen alle Zweifel über Bord zu werfen und schnell viel Geld zu verdienen, um ihr die dringend benötigte Medizin zu kaufen. Doch leider blieben all seine Bemühungen umsonst. Als er schon die Hoffnung aufgegeben hatte, tauchte eine mysteriösen Fremde auf, die ihm eine magische Tinte überließ, die Wünsche erfüllen konnte. Die Lage besserte sich augenblicklich und die Frau des Schreibers wurde wieder gesund . Doch die Konsequenz folgte beinahe sofort. Nachdem der Schreiber die Tinte benutzt hatte, alterte er um Jahrzehnte, weshalb das Paar beschloss, sie für immer zu meiden.


Ein weiteres Unglück

Jahre vergingen, in denen das Paar unbescholten zusammenlebte. Zwar hatte der Schreiber die Tinte seit jenem verhängnisvollen Tag nicht mehr angerührt, doch hing sie wie ein schlechtes Omen über dem Haus. Immer wieder zog es ihn zu ihr hin und obwohl er stark blieb und sie nicht hervorholte, lockte sie ihn viel mehr, als er sich traute zuzugeben. Hinzu kam, dass er ohne ihr Wirken seine Arbeit wieder nur unzureichend erfüllen konnte und erneut in finanzielle Not geriet. Als der Drang schließlich kaum noch auszuhalten war, offenbarte ihm seine Frau, dass sie ein Kind erwartete. Schlagartig spielte die Tinte keine Rolle mehr im Leben des Mannes. Es schien, als wäre sie vollkommen aus seinen Gedanken gelöscht.

So verging erneut viel Zeit, in der die Tinte gezwungen war zu warten. Doch ihre Zeit sollte kommen.

Das Kind, ein Junge, wuchs unterdessen zu einer starken, gesunden und neugierigen Persönlichkeit heran, die den Eltern viel Freude bereitete. Eines Tages spielte er im Garten, als ein fahrender Händler daran vorbeikam. Fasziniert von dessen Gefährt und den Ochsen, die es zogen, trat der Junge näher heran und sah gespannt zu, wie der Fremde stehen blieb, abstieg und der Mutter einige Waren übergab. Während sich die Erwachsenen unterhielten, kletterte das Kind auf den Wagen, wo es sich genauer umsehen wollte. Weder der Händler noch die Frau bemerkten sein Tun, weshalb der Mann sofort losfuhr, als er zurück am Kutschbock saß. Durch den plötzlichen Ruck verlor der Junge jedoch das Gleichgewicht und stürzte hart zu Boden.

Vom Geräusch angelockt, lief die Mutter herbei und fand ihr schwer verletztes Kind vor. Augenblicklich benachrichtigte man den Arzt und den Vater, die zeitgleich am Haus eintrafen. „Es ist schlimm. Euer Sohn stürzte derart schwer, dass er für den Rest seines Lebens gelähmt sein wird.“, erklärte der Arzt traurig, nachdem er den Patienten ausgiebig begutachtet hatte. Die Eltern waren erschüttert von dieser Nachricht. Noch am selben Abend beratschlagten sie, was sie tun konnten, um das Schicksal des Jungen zu ändern. Obwohl die Frau dagegen war, holte der Schreiber schließlich die Tinte hervor, die er zwischen ihnen auf den Küchentisch stellte.

„Sie hat uns schon einmal gerettet und wird auch jetzt helfen.“, meinte er müde. „Aber zu welchem Preis? Sobald du sie benutzt, wirst du altern.“, hielt die Frau dagegen. „Was bleibt uns übrig? Wenn es ihn rettet, ist es jede Summe wert.“, entschied der Schreiber und tauchte die Feder in die Tinte. Dann zog er ein Blatt heran, verharrte einen Moment darüber und dachte nach. „Heile meinen Sohn vom seinem Leid, sodass kein Schaden an ihm zurückbleibt.“, murmelte er dann, während er den Wunsch notierte. Und tatsächlich, als der nächste Morgen anbrach, sprang der Junge freudenstrahlend und kerngesund aus dem Bett, als wäre ihm nie zuvor ein Unglück widerfahren. Der Vater allerdings war erneut um Jahre gealtert und glich nun mehr einem Greis, als je zuvor.

Die hoffnungslose Suche nach einem Ausweg

Gebeutelt von den Ereignissen beschloss die Familie letztendlich die Tinte zu vernichten. Die Eltern waren sich einig, dass sie zu gefährlich war, um sie weiterhin im Haus aufzubewahren. Zudem war sich die Frau sicher, dass der Mann, sollte er die Tinte noch ein einziges Mal benutzen, sterben würde. Doch egal wie sehr sie sich anstrengten und welche Methode sie anwandten, die Tinte konnten sie nicht loswerden. Sobald sie sie nämlich wegschütteten, füllte sie sich gleich wieder von selbst . Als sie das Tintenfass ins Feuer warfen, wollte es partout nicht verbrennen, sondern blieb makellos erhalten. Selbst als sie es in den Wald brachten und an einer unzugänglichen Stelle vergruben, fand es sich bei ihrer Rückkehr wieder zwischen den Schreibutensilien des Mannes.

Um den verfluchten Gegenstand doch noch irgendwie loszuwerden, suchte die Familie letzten Endes einen Priester auf. „Ich fürchte hier handelt es sich um ein dämonisches Gut, dass erst verschwindet, wenn es den Zweck seines Daseins erfüllt hat. Nämlich wenn es Eure Seele geholt hat.“, sprach dieser weise, nachdem die Tinte mehrere Minuten geprüft hatte. „Das heißt, wir können nichts tun?“, fragte die Frau verzweifelt. „Das habe ich nicht gesagt. Unmöglich ist nichts. Ihr müsst einen Weg finden, wie sie an den Ort ihrer Herkunft zurückkehrt, ohne ihr Ziel zu erreichen. Vielleicht findet dann alles einen guten Ausgang.“, erklärte der Priester und verabschiedete sich. Die Eltern sahen sich beklommen an. „Wie soll uns das nur gelingen?“, fragten sie mutlos. Da strahlte sie der Junge an und sprach: „Das ist doch ganz einfach, mit einer List.“

Die alles verändernde List

Am nächsten Morgen versammelte sich die Familie im Garten, den sie zuvor mit unzähligen Seiten Papier bedeckt hatte. Mutig begab sich der Schreiber in deren Mitte, wo er begann die Tinte über der ersten Seite auszuleeren. Nachdem sie sich wieder gefüllt hatte, schritt er zum nächsten Blatt, wo er die Prozedur wiederholte. Auf diese Weise verfuhr er eine Weile, bis es ein fürchterliches Donnern am Himmel ihn innehalten ließ und die alte, zerlumpte Frau wie aus dem Nichts plötzlich im Garten erschien Obwohl seit ihrer Begegnung Jahre vergangen waren, schien sie um keinen Tag gealtert, was den Mann in seiner Meinung bestärkte, es mit einem Dämon zu tun zu haben. „Was machst du da? So ist das nicht gedacht. Du sollst mit der Tinte schreiben und sie nicht sinnlos vergießen.“, schrie sie zornerfüllt. Der Schreiber reagierte jedoch äußerst gelassen. „Ist das so?“, fragte er, nachdem sich die Alte beruhigt hatte.

„Selbstverständlich ist dem so. Wenn du dich erinnerst, wolltest du ein Mittel von mir, dass dir deine innigsten Wünsche erfüllt. Dies habe ich dir zur Verfügung gestellt.“, erklärte sie ihm missmutig. „Stimmt. Aber vor den Konsequenzen hast du mich nicht gewarnt.“, rechtfertigte sich der Mann. „Du hast nicht danach gefragt.“, beschied die Frau starrsinnig und fuhr fort, „ Du hast sie an dich genommen und bist dadurch einen Vertrag eingegangen, wonach mir deine Seele zusteht, wenn ich dir zu Diensten bin. Daraus gibt es kein Entkommen. Also los, schreib schon deinen letzten Wunsch auf, damit ich dich gleich mit mir nehmen kann.“

Aber ich weiß nicht, was ich verlangen soll, denn ich bin wunschlos glücklich. Kannst du mir keinen Tipp geben, welche Möglichkeiten ich habe?“, log der Schreiber. „Du kannst dir alles wünschen, was du willst. Es gibt dabei keine Einschränkungen.“, erklärte die Alte ungeduldig. „Ehrlich? Das bedeutet, wenn ich fordern würde, dass meine Familie nach meinem Tod gut versorgt ist, wird das geschehen?“, fragte ihr Gegenüber eindringlich nach. „Du hast mein Wort, dass alles geschieht, was du mit meiner Tinte aufschreibst.“, bestätigte der Dämon und reichte dem Schreiber ein Blatt, dass dieser nachdenklich entgegennahm. Er benetzte die Feder und schrieb wie geforderte seinen Wunsch auf.

Nachdem er fertig war, gab er das Blatt zurück. Verwundert starrte die Alte den Schreiber an und fragte sich, warum der Mann nicht auf der Stelle den Tod gefunden hatte, nachdem er den Wunsch notiert hatte. Stattdessen stand er gut gelaunt vor ihr, weshalb sie ihren Blick auf die Seite senkte und laut vorlas: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das die Tinte verschwindet und mit ihr der Dämon, der sie mir gebracht hat und dass dies alles geschieht, ohne das meine Seele dafür geopfert wird.“ Stille trat ein, dann stampfte die Alte wutentbrannt mit dem Stiefel auf und zerriss das Blatt in der Luft. „Elender Mensch, du hast mich betrogen!“, schrie sie außer sich. Da ihr aber nichts Anderes übrigblieb, als sich geschlagen zu geben, verschwand sie in einer Rauchsäule, ganz ohne eine weitere Gegenleistung zu fordern. Mit ihr löste sich auch die Tinte auf, sodass die Familie alleine im Garten zurückblieb.

Um sich für immer an das Geschehen erinnern zu können und daran, dass jede Gabe ihren Preis hatte, schrieb der Schreiber alles auf und verbreitete sein Werk überall in der Stadt. Die Leser waren begeistert und schockiert zugleich von der Geschichte. Sie bezahlten ihm horrende Summen dafür, dass er weiterschrieb, was er letzten Endes auch tat. All die früheren Hemmungen und Probleme, die seine Arbeit behindert hatten, waren seit dem Tag vergessen, an dem er die Alte überlistet hatte. Voller Freude verfasste der Schreiber noch unzählige weitere Geschichten, die nach seinem Tod allgemeine Berühmtheit erlangten und ihn so überlebten.

© K.ST.

Bild: © K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Na, hättet ihr mit diesem Ende gerechnet? 😊 Wäre alles wohl genauso passiert, wenn der Schreiber von Anfang an geahnt hätte, dass er es mit einem Dämon zu tun hat? Wir werden es wohl nie erfahren. 😄

Was es allerdings noch zu wissen gibt, ist die Entstehungsgeschichte rund um „Die magische Tinte“:

Witzigerweise gab nämlich ein Missgeschick den Ausschlag dafür. Die Geschichte entstand nämlich, als ich etwas mit einer Füllfeder in die Geburtstagskarte einer Freundin schrieb. Dummerweise hatte ich diese davor schon eine Weile nicht mehr benutzt, weshalb ich die Spitze mit Tinte befeuchten musste, damit der Stift wieder schrieb. Dabei kleckste ich jedoch herum und versaute nicht nur die Karte, sondern auch meine Finger, meine Klamotten und meinen Arbeitsplatz. 😱

Als ich das Malheur beseitigte, kam mir jedoch die Idee für die Geschichte und ich schrieb sie sofort nieder. Somit hat sich meine Ungeschicklichkeit letztendlich also doch noch gelohnt.

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧💗📣

Vergesst auch nicht, dass Zitat der Woche – Woche 17 zu lesen, dass wie immer mit der Geschichte zu tun hat. Ihr findet es im Menü unter >>Zitat der Woche <<.

Was?! Ihr habt den 1. Teil „Der magischen Tinte“ verpasst???? Kein Problem! Nachzulesen ist auch diese im Menü unter >>Kurzgeschichten – Geschichten mit fabel.tastischen Menschen <<.

Eine neue Geschichte gibt es wie immer nächste Woche. 😊

Bis dahin: alles Liebe und bleibt gesund,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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