Die magische Tinte – Teil 1

Wenn man sich auf etwas Unbekanntes einlässt, sind Zweifel und Ungewissheit oft nicht weit. Die daraus entstehende Angst baut des weiteren Hemmungen auf, die sich oft nur schwer wieder abbauen lassen. Um sich davon nicht beirren zu lassen und das Vorhaben trotzdem umzusetzen, benötigt man eine Menge Mut und vielleicht auch etwas Starrsinn. Doch wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, läuft es zumeist wie von selbst, sodass man später verblüfft zurückblickt und sich fragt, weshalb man eigentlich so lange gezögert hat. Aber nicht bei allen Menschen funktioniert diese Vorgehensweise. Voller Angst erstarren diese Personen und verharren bewegungslos. Ein Zustand den sie erst durch einen Anstoß von außen überwinden können. Während dies zumeist in guter Absicht geschieht, kann sie jedoch auch aus der gegenteiligen Intention heraus geschehen, was schreckliche Folgen für den Betreffenden nach sich ziehen kann.

Der erfolglose Schreiber

Vor langer Zeit lebte in einer großen Stadt ein junger Mann, dem das Leben nicht wohlgesonnen war. Zwar erfreute er sich bester Gesundheit und führte eine glückliche Ehe, doch konnte er beides nicht wirklich genießen. Grund dafür war sein Beruf, für den er wenig Talent besaß und dessen Ausübung ihm unglaublich schwerfiel. Wie sein Vater und dessen Vater zuvor, hatte auch er das Handwerk des Schreibers erlernt. Bloß war dies von Beginn an mit unglaublichen Strapazen verbunden gewesen, was sich noch heute in der Qualität seiner Arbeit niederschlug.

Bekam er einen Auftrag, so brauchte er doppelt so viel Zeit wie andere Schreiber, bis er endlich einen geeigneten Anfang gefunden hatte. Egal wie sehr er sich anstrengte, die Worte wollten ihm nur widerwillig von der Feder auf das Papier fließen. Wenn es ihm dann doch irgendwann gelang, schlichen sich häufig Fehler in seine Texte, die sie letztendlich wertlos machten. Daher kam es nicht selten vor, dass ein Auftraggeber sich weigerte für die Arbeit zu zahlen. Der Schreiber und seine Frau führten dadurch ein sehr bescheidenes Leben mit zahlreichen Einschränkungen.

Die alles verändernde Krankheit

Eines Tages kam es schließlich zu einem großen Unglück. Viele Stadtbewohner erkrankten ganz plötzlich an einer Krankheit, die unbehandelt innerhalb kürzester Zeit zum Tod führte. Auch die Frau des Schreibers fiel ihr zum Opfer. Während sie am Morgen noch kerngesund gewesen war, fand ihr Mann sie abends, bewusstlos am Küchenboden vor. Ohne zu zögern rief er den Arzt, der nach der Untersuchung traurig den Kopf schüttelte. „Ohne Medizin ist sie verloren. Die rettende Arznei ist leicht zu besorgen, wenngleich sehr teuer. Bedenkt, dass sie sie bald bekommen muss, sonst kann ihr niemand mehr helfen.“, sprach er ruhig und ging.

Verzweifelt ließ der Schreiber sich am Krankenlager seiner Frau nieder. „Ich werde alles tun, was ich kann, damit du wieder gesund wirst. Gleich morgen will ich zum Markt gehen und so viel gute Arbeit leisten, wie noch nie zuvor in meinem Leben, sodass ich die Medizin kaufen kann. Du wirst sehen, von jetzt an werde ich mich doppelt anstrengen und guten Lohn nachhause bringen.“, versprach er nachdrücklich. Die Frau schloss vertrauensvoll seine Hände in ihre und meinte: „Ich habe immer an dich geglaubt und daran, dass du alles schaffen kannst, was du willst, wenn du nur auf deine Fähigkeiten vertraust. Daran hat sich nichts geändert.“

Am nächsten Morgen packte der Schreiber eilige seine Sachen und machte sich zum Marktplatz auf. Er suchte sich einen guten Platz, legte seine Decke und Schreibutensilien aus und wartete geduldig, bis sich der erste Kunde bei ihm einfand. Verbissen folgte er dessen Anweisungen, aber das Ergebnis ließ wie immer zu wünschen übrig. Als er sein Werk übergab, knüllte sein Gegenüber das Blatt erbost zusammen und schrie: „Was soll ich denn damit anfangen? Es strotzt nur so von Fehlern und sagt nicht im mindesten das aus, was ich wollte. Hoffentlich erwartest du dafür keinen Pfennig, sonst wirst du genauso bitter enttäuscht wie ich.“ Wütend stampfte der Mann davon und ließ einen mehr als unglücklichen Schreiber zurück.

Die magische Tinte

Auch am nächsten Tag änderte sich die Situation nicht. Völlig erschöpft und von Hoffnungslosigkeit befallen, blieb der Schreiber daher eines Abends am Marktplatz zurück. Er brachte es einfach nicht über sich zu seiner Frau zu gehen und die Enttäuschung in ihren Augen zu erblicken. „Alles würde ich tun, um Erfolg zu haben, wenn ich damit die rette, die ich von Herzen liebe.“, murmelte er traurig in die kalte Nachtluft hinein. „Ist das dein letztes Wort in dieser Angelegenheit?“, fragte eine fremde Stimme daraufhin. Überrascht blickte der Schreiber auf und sah vor sich eine alte Frau, deren ganzer Körper mit modrigen Fetzen bedeckt war. Sogar das Gesicht war hinter einem Tuch versteckt, weshalb die Worte die sie ausstieß, abgehakt und dumpf klangen. „Was habt Ihr gesagt?“, wollte der junge Mann wissen, da er dachte sich verhört zu haben. Wie sollte die Alte ihm denn auch schon helfen können?

„Ich fragte, ob du es ehrlich meinst mit deinem Angebot, alles zu tun, wenn dir dann geholfen wird.“, wiederholte sie geduldig. Der Schreiber nickte. „Ja, das würde ich. Meine Frau ist krank und braucht dringend Medizin. Doch das nötige Geld dafür besitze ich nicht. Wenn Ihr also einen Weg kennt, es mir zu verschaffen, bitte ich Euch es mir mitzuteilen.“, meinte er flehentlich.

Da steckte die Alte ihre runzelige Hand in das Gewand, woraus sie ein unscheinbar aussehendes Tintenfass zutage förderte. Verdutzt starrte es der Schreiber an. „Was soll das sein? Tinte habe ich im Überfluss. Wenn Ihr mich auf den Arm nehmen wollt, dann schert euch weg und verschwendet nicht meine Zeit.“, sprach er dann zornig. Doch die Frau blieb. „Sei nicht respektlos, du Narr. Nicht alles ist, wie es scheint. Hier habe ich die Lösung all deiner Probleme. Dies ist eine magische Tinte, die jeden Wunsch erfüllt, den du damit niederschreibst.“, meinte sie ebenso zornig wie er. „Wirklich alles?“, fragte der Schreiber und überlegte fieberhaft, ob er der Frau glauben schenken konnte. „Aber ja. Sie hat noch nie versagt, dass schwöre ich. Was ist? Nimmst du sie jetzt oder nicht? Wenn nicht, finde ich sicher einen anderen, der sie gerne will.“, stieß sie schließlich gelangweilt aus und dreht sich weg. Da obsiegte die Verzweiflung des Mannes und er griff zu. „Was ist Euer Preis?“, fragte er unsicher, doch als er aufblickte, war die Frau verschwunden.

Die wundersame Heilung und ihre Folgen

In Windeseile lief der Schreiber nach Hause, wo er sich mit seinen Schreibutensilien an den Küchentisch setzte. Vorsichtig schraubte er das Tintenfass auf und tauchte die Feder hinein. Doch bevor er sie auf das Papier aufsetzte, kamen ihm erneut Zweifel. Was, wenn ihn die Alte belogen hatte? Überhaupt, wie sollte gewöhnliche Tinte all seine Probleme lösen können? Und doch hatte die Frau behauptet, dass sie es könnte. Der Schreiber biss sich unsicher auf die Unterlippe. Dann setzte er die Feder entschlossen auf das Papier und schrieb seinen Wunsch auf. „Bitte lass mich am nächsten Tag genug Geld verdienen, um meiner Frau die benötigte Arznei kaufen zu können.“, las er laut vor und fiel augenblicklich in tiefen Schlaf.

Als die Sonne am Morgen aufgegangen war, begab sich er Mann erneut zum Marktplatz. Er hatte kaum Platz genommen, da gesellte sich sein erster Kunde zu ihm. Sofort machte sich der Schreiber an die Arbeit und war überrascht, wie einfach diese ihm von der Hand ging. Noch niemals zuvor hatte er effizienter und konzentrierter gearbeitet, als in diesem Moment, sodass er nach nur wenigen Minuten seinem Gegenüber das geforderte Schreiben überreichen konnte „Seid Ihr zufrieden damit?“, fragte er unsicher, während sein Auftraggeber den Text las. „Zufrieden? Überglücklich bin ich mit deinem Werk. Besser hättest du dich nicht ausdrücken können und es ist kein einziger Fehler im Text zu finden. So gut hat noch niemand für mich gearbeitet. Ich danke dir vielmals. Hier hast du deinen Lohn.“, meinte der Fremde und überreichte ihm ein kleines Säckchen mit Münzen, dass der Schreiber ehrfürchtig entgegennahm.

In den nächsten Stunden arbeitete er wie ein Besessener, sodass er am Ende des Tages genug Geld zusammen hatte, um die Medizin kaufen zu können. Zuhause flößte er sie seiner Frau direkt ein, woraufhin es ihr bald besserging. „Ich danke dir vielmals, lieber Mann, du hast mich gerettet. Doch sag, wie hast du dieses Wunder bewerkstelligt?“, fragte diese schließlich neugierig, als sie sich vom Krankenlager erhob und erschrak, als sie den Schreiber genauer betrachtete. Sein rabenschwarzes Haar war über Nacht schneeweis geworden und sein sonst so aufrechter Rücken nun krumm und gebeugt. Entsetzt betrachtete auch der Mann sein neues Erscheinungsbild, das er bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. „Aber, wie ist das möglich?“, fragte er verwirrt und zählte alle Erlebnisse der letzten Zeit auf. „Du Tor, es ist die Tinte. Sie ist bestimmt verflucht. Nie wieder darfst du sie benutzen, sonst wirst du teuer dafür bezahlen. Das musst du mir versprechen.“, flehte seine Frau, als sie die Tragweite der Situation erkannte, was der Schreiber auch augenblicklich tat.

– Fortsetzung folgt –

© K.ST.

© K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Wie es wohl mit dem Schreiber und der magischen Tinte weitergeht? 🤔

Das erfahrt ihr selbstverständlich nächsten Freitag, wenn der 2. Teil der Geschichte veröffentlicht wird.

Na gut, ein bisschen etwas will ich euch bis dahin doch verraten:

[ACHTUNG SPOILERALARM]

Obwohl der Schreiber versprochen hat, die Tinte nicht mehr zu verwenden, wird er das Versprechen brechen. Zugute gehalten werden muss ihm jedoch, dass er es auch das nächste Mal nicht zu seinem eigenen Vorteil tun wird, sondern weil er damit jemanden beschützen will, den er liebt. 💗👨‍👩‍👦

Doch erneut werden die damit verbundenen Konsequenzen für alle Beteiligte kaum auszuhalten sein. Und eine Lösung scheint in weiter Ferne oder vielleicht doch nicht?

Ob es der Schreiber trotz aller Widrigkeiten schaffen wird, sich von der Tinte zu befreien?

Bleibt dran und lest nächste Woche weiter. 😊

Bis dahin: alles Liebe und bleibt gesund,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧💗📣

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: