Der feinfühlige Koch – Teil 2

Was zuvor geschah:

Eine Mutter stellt fest, dass ihr Sohn nicht wie zuvor gedacht, heikel ist, sondern ein Feinschmecker, der zudem unglaublich gut kochen kann. Da er sehr wissbegierig ist, freut er sich über alle Menschen, die ihm etwas beibringen. Als er jedoch in seinem Dorf nichts Neues mehr lernen kann, zieht er in die weite Welt hinaus, um dort seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zu perfektionieren. Dabei gerät er jedoch schon kurz darauf in Schwierigkeiten, als Räuber in Gefangen nehmen und verkaufen wollen. Nachdem er ihnen jedoch eine Kostprobe seiner Arbeit gegeben hat, lassen sie ihn ehrfürchtig ziehen.


Das Wirtshaus am Rande der Stadt

Noch am selben Tag gelangte der junge Mann in eine große Stadt, in der man überall mit regionalen Köstlichkeiten warb, was es ihm entsetzlich schwermachte, zu entscheiden, wo er sich zum Essen niederlassen sollte. „Unentschlossen, wie? Da kann ich dir helfen. Versuch es doch mal im Wirtshaus >>Zum blauem Schwan<<, gleich neben dem westlichen Stadttor. Besseres Essen hast du noch nie genossen.“, meinte ein Soldat, der auf der Straße patrouillierte. Also ging der Koch zum besagten Wirtshaus. „Vielleicht kann ich hier etwas lernen und gleichzeitig nie gekannte Spezialitäten genießen.“, dachte er hoffungsvoll. Doch schon kurz nachdem er die bestellte Mahlzeit erhalten hatte, wurde er bitter enttäuscht. Unberührt schob der den Teller von sich, woraufhin kurz darauf der Wirt erschien. „Ist etwas mit dem Gericht nicht in Ordnung, werter Herr?“, fragte dieser verwirrt. „Nichts ist damit in Ordnung. Wie könnt Ihr so etwas Schlechtes euren Gästen nur zumuten?“, wollte hingegen der junge Mann wissen.

Das Gesicht des Wirtes verfärbte sich dunkelrot vor Zorn, bevor er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorstieß: „Zahlt die Zeche und schert Euch weg. Nie wieder will ich Euch hier sehen.“ „Ich weigere mich für dieses ungenießbare Essen zu zahlen. Lieber arbeite ich es ab und zeige Euch, wie man es richtigmacht, als auch nur ein Geldstück dafür zu bezahlen.“, erwiderte der Koch daraufhin aufgebracht. „So soll es sein. Da drüben findet Ihr die Küche.“, forderte sein Gegenüber daraufhin wütend. Der junge Mann stand sofort auf und begab sich ohne Umwege in die Küche, wo er erst einmal alles wegwarf, was seiner Meinung nach ungenießbar war, bevor er zu kochen begann. Der Besitzer des Gasthauses war dem Koch gefolgt und beobachtete nun erstaunt, wie routiniert und effizient die Arbeit von Statten ging. Sprachlos nahm er wenig später den Teller entgegen, den ihn der junge Mann reichte. Schon nach dem ersten Bissen packte er, überwältigt von Glück und Zufriedenheit, den Koch an den Schultern und flehte ihn an, zu bleiben. „So etwas Ausgezeichnetes habe ich noch nie gegessen. Ich bin tief berührt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Arbeitet für mich. Im Gegenzug will ich Euch alles Wissen vermitteln, dass mir einst von meinem Lehrmeister beigebracht wurde. Auch wenn ich bezweifle, dass es Euch viel nutzt.“, sprach der Wirt entzückt und der Koch sagte zu.

Die verhängnisvolle Weigerung

Schnell etablierte sich das Wirtshaus durch die Arbeit des Kochs zum Besten im ganzen Land. So geschah es, dass sich dessen Wirken auch im kaiserlichen Palast herumzusprechen begann und selbst der Herrscher neugierig wurde. Am nächsten Tag suchte er deshalb die Gaststätte mitsamt seinem Gefolge auf. Der Koch servierte wie üblich eine köstliches Gericht, woraufhin sich der Kaiser der allgemein herrschenden Meinung, wonach der Koch einem Zauberer glich, anschloss. „Ich bin überzeugt von deinem Talent. Von nun an sollst du nur noch für mich alleine kochen und für keinen anderen sonst. Komm mit in meinen Palst, lebe und übe deine Kunst dort aus. Du sollst es nicht bereuen.“, sprach der Herrscher gut gelaunt. Umso erstaunter war er, als sein Gegenüber freundlich ablehnte. „Meine Dienste sind für alle da und nicht nur für einen Einzelnen.“, erklärte der junge Mann, doch der Kaiser wollte davon nichts hören. Er ließ den Koch verhaften und in die Palastküche sperren, wo er erst wieder herauskommen durfte, wenn er sich dem Willen seines Herrn gebeugt hatte.

Auf diese Weise glaubte der Kaiser den Sieg errungen zu haben. Aber seine Hoffnung wurde enttäuscht. Noch am selben Abend wurden Speisen serviert, die nicht scheußlicher hätten schmecken können. Erzürnt begab sich der Herrscher in die Küche, wo er dem jungen Mann mit schwerer Strafe drohte, wenn er es je wieder wagen sollte, ihm etwas derart Ungenießbares vorzusetzen. Verzweifelt versuchte der Koch zu erklären: „Es liegt nur daran, dass ich mich nicht wohl fühle. Meine Gefangenschaft macht mich derart unglücklich, dass es auf meine Gerichte abfärbt.“ „Unsinn. Du gibst dir einfach keine Mühe, das ist alles. Streng dich an, sonst wirst du es bitter bereuen.“, wies ihn der Herrscher zurecht.

Die Bestimmung des feinfühligen Kochs

Doch auch in den nächsten Tagen schmeckten alle Mahlzeiten furchtbar. Selbst als der Herrscher die besten Zutaten im ganzen Land und die modernsten Küchengeräte anschaffte, änderte sich nichts an der Qualität der Speisen. Nach einem weiteren schlechten Abendmahl beratschlagte sich der Kaiser mit seiner ältesten Tochter. Diese hörte sich die Geschichte des Vaters geduldig an, war am Ende aber überaus entsetzt über dessen Verhalten. „Wie konntest du nur so selbstsüchtig sein und deine eigenen Bedürfnisse über die eines anderen stellen? Kein Wunder, dass das Essen nicht schmeckt. Das Kochen ist tief verbunden mit unseren Gefühlen. Solange der Koch niedergeschlagen und unglücklich bleibt, wird sich nichts ändern.“, erklärte sie ihm weise. „Aber es muss doch etwas geben, was man tun kann.“, meinte der Herrscher erschüttert. „Gib ihm die Freiheit zurück und lass ihn gehen. Dann wird alles in Ordnung kommen.“, sprach die Prinzessin bestimmt, aber der Kaiser blieb stur.

Erst, als sich Wochen später immer noch keine Veränderung einstellen wollte, suchte er erneut die Küche auf. „Ich sehe es ein, ich habe mich geirrt. Es war ein Fehler dich gefangen zu nehmen. Bitte nimm meine Entschuldigung an und verzeih mir mein Verhalten. Ich hoffe du findest zurück zu deinem Glück, sodass deine Gerichte wieder so gut schmecken wie einst und noch mehr Menschen in den Genuss davon kommen.“, meinte der Kaiser geschlagen. Und der Koch ging. Er wandte sich jedoch nicht zurück zum Wirtshaus, sondern machte sich auf eine lange Reise, um einen neuen Ort zu finden, an dem er sein Talent ausleben konnte. Als er fündig geworden war, blieb er so lange, bis die Sehnsucht nach der Ferne erneut unerträglich wurde. Auf diese Weise reiste er durch das ganze Land, wodurch alle Einwohner des Landes zumindest einmal in ihrem Leben in den Genuss seiner Kunst kamen.

Als er alt und der Wanderschaft überdrüssig geworden war, setzte sich der Koch schließlich zur Ruhe und überließ es seinem Sohn, den Fortbestand seines Erbes zu sichern, was dieser auch begeistert tat. Mit der Zeit fanden sich immer mehr Köche, die ihr Handwerk auf die selbe Weise erlernen wollten, wie es der Koch ihnen vorgelebt hatte, nämlich indem sie von einer Küche zur nächsten zogen. Eine Tradition, die sich in mancher Hinsicht bis heute erhalten hat.

© K.ST.

© K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Kochen ist eine Tätigkeit, mit der ich lange Zeit nicht warm geworden bin. Zu sehr überwog meine Unsicherheit, dabei etwas falsch zu machen sodass ich mich der Herausforderung gar nicht erst stellen wollte.

Tatsächlich begann ich mich erst damit auseinanderzusetzen, als die Pandemie über uns hereinbrach. Plötzlich hatte ich sehr viel mehr Zeit als gewohnt und wusste nichts mit mir anzufangen, weshalb ich begann fröhlich vor mich hinzukochen und zu backen. Und siehe, da – heute läuft es wie von selbst. 👨‍🍳

Diese Geschichte erblickte das Licht der Welt tatsächlich nach einem Restaurantbesuch mit Freunden, in der ich von der philippinischen Küche überzeugt wurde. Da mir die Köche dort als wahre Zauberer erschienen, beschloss ich meine Empfindungen in einer Kurzgeschichte festzuhalten.

Ein Motiv für das Bild wollte sich diesmal hingegen nur schwer finden lassen. Letztendlich habe ich mich für Flammen 🔥 entschieden, da ich schon lange Lust hatte, mich daran zu versuchen. Mit dem Ergebnis bin ich nicht so ganz zufrieden, aber wie sagt man so schön? Übung macht nun mal den Meister. Also, übe ich einfach in nächster Zeit noch ein bisschen. 😄

Vergesst nicht, euch das Zitat der Woche – Woche xx anzusehen, wenn ihr es noch nicht getan habt.

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧💗📣

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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