Der feinfühlige Koch – Teil 1

Beim Kochprozess spielen einerseits äußere Gegebenheiten einen Einfluss, andererseits auch die eigenen Gefühle und Intentionen, die aber nicht zwangsläufig mit denen der Esser übereinstimmen müssen. Dies stellt grundsätzlich keinen Widerspruch dar, außer in jenem Moment, wenn der Genuss ausbleibt. Wenn es des weiteren zu Kritik am Gericht kommt, kann der Koch diese als persönlichen Angriff sehen und statt zu hinterfragen, was genau nicht gestimmt hat, wird der Essende als heikel und die Beschwerde als nichtig abgetan. Würde man dies hingegen nachfragen, wäre der ein oder andere sicher überrascht von der Antwort, zöge sein vorschnelles Urteil vielleicht sogar zurück und würde einen anderen Weg des Kochens einschlagen.

Der heikle Junge

Vor vielen Jahrhunderten lebte in einem kleinen Dorf eine Mutter mit ihrem Sohn in einem ebenso winzigen wie schäbigen Haus zusammen. Obwohl sie nur zu zweit waren, kamen sie nur schwer zurecht. Denn es war noch nicht lange her, als ein schrecklicher Krieg in der Region gewütet hatte, wodurch es für die Frau schwierig war, Arbeit zu finden und die Familie zu versorgen. Das Geld reichte kaum aus, um mehrmals die Woche warme Speisen zuzubereiten, weshalb die Mutter unglaublich wütend wurde, wenn ihr Sohn diese dann verschmähte. Egal welches Gericht sie auch kochte, der Junge zeigte immer nur dieselbe Reaktion. Sobald das Essen vor ihm stand, verzog er das Gesicht und setzte eine leidende Miene auf, bevor er es mit deutlichem Wiederwillen aß. „Du tätest besser daran zu essen, was ich koche und dankbar dafür zu sein. Mehr können wir uns nicht leisten und so schlecht wie du tust, schmeckt es nicht.“, meinte die Frau eines Abends mit säuerlicher Miene, als sie das gemeinsame Mahl beendet hatten. Ihr Sohn wandte sich unangenehm berührt auf seinem Stuhl, bevor er sprach: „Aber Mutter, wenn die Zutaten besser aufeinander abgestimmt wären, könnte es so viel besser sein, als bisher.“ „Papperlapapp. Du bist einfach zu heikel, dass ist das Problem. Lass es endlich gut sein, dann bleibt uns beiden viel Ärger erspart.“, antwortete die Frau erzürnt, woraufhin der Junge in Schweigen verfiel.

Wenige Tage später kehrte die Mutter nach einem besonders langen Arbeitstag äußerst erschöpft nach Hause zurück. Ihr Lohn hatte kaum für Brot und Gemüse gereicht, welches nicht verdorben war. Trotzdem nahm sie sich zusammen, schürte das Feuer in der Kochstelle und begann anschließend die Zutaten kleinzuschneiden. Nacheinander warf sie die einzelnen Stücke in den Topf mit heißen Wasser, den sie den Sohn gebeten hatte aufzusetzen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass das Kind immer wieder zusammenzuckte. „Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“, fragte sie beunruhigt, woraufhin der Junge den Kopf schüttelte. „Ich bitte dich, wirf nicht alles zusammen in den Topf. Das wird scheußlich schmecken. Es ist besser, wenn du das Gemüse nach und nach kochst.“, versuchte er ihr zu erklären. Doch die Mutter war mit ihrer Geduld am Ende. Sie warf den Kochlöffel und das Messer zur Seite, bevor sie von der Kochstelle zurücktrat und wütend sprach: „Du und deine Nörgelei habe ich endgültig satt. Ich gebe auf. Nie wieder will ich etwas für dich kochen. Von nun an, musst du dich selbst versorgen.“ Betreten beugte sich ihr Sohn näher an den Topf heran. Dann hob er die Kochgegenstände auf und machte sich daran das restliche Gemüse zu schneiden, dass er nach ihren Garzeiten dem Wasser hinzufügte. Mehrmals unterbrach er seine Arbeit und rannte nach draußen, von wo er mit verschiedenen Kräutern zurückkam, die er dem Gericht beifügte.

Die Mutter sah verblüfft zu, wie das Kind die Mahlzeit schließlich vorsichtig in Schüsseln füllte und ihr eine davon reichte. „Das wird niemals schmecken. Aber gut, ich werde mich fair verhalten, ihn für seine Mühe loben und dann seine Entschuldigung großmütig annehmen. Hoffentlich ist damit die Diskussion endgültig beendet.“, dachte sie zufrieden und kostete den ersten Löffel. Augenblicklich durchfuhren sie unzählige verschiedene Gefühle, nur eben nicht jene, die sie erwartete hatte zu fühlen. Denn das Essen war köstlich und ließ sie alle Sorgen und Nöte vollkommen vergessen. Aufgelöst dankte sie dem Sohn für das wohlschmeckende Mahl und verpflichtete ihn daraufhin, von nun an jeden Tag für sie beide zu kochen.

Die Suche nach neuem Wissen

In den nächsten Jahren baute der Junge seine Kochfähigkeiten kontinuierlich aus, wodurch er nicht nur die Mutter restlos von seinem Talent überzeugte. Auch die übrigen Dorfbewohner ließ er regelmäßig daran teilhaben, indem er für Alt und Jung, reich und arm zugleich bekochte. Seine Gabe sprach sich mit der Zeit herum, sodass viele Neugierige aus weit entfernten Landstrichen ihn aufsuchten, um sich von seinem Können zu überzeugen. Dabei lernte der Junge viel Neues über das Kochen, da jeder Fremde ihm bisher unbekanntes Wissen mitbrachte und zur Verfügung stellte. Als er jedoch zu einem Mann herangewachsen war, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass es immer seltener vorkam, dass ihm jemand etwas beibrachte, was er noch nicht wusste. Frustriert zog er sich daraufhin zurück und mied den Kontakt zu anderen. Die Mutter verfolgte sein Verhalten sorgenvoll und entschloss sich eines Tages dazu, ihrem Kind zu helfen. Sie packte einige Sachen und etwas Geld zusammen, dass sie ihm übergab. „Es wird Zeit für dich. Du musst fortgehen und dein Glück woanders suchen. Hier kannst du dich unmöglich weiterentwickeln.“, sprach sie weise, wenngleich von tiefer Trauer erfüllt. „Aber, dann bist du ganz alleine.“, wandte der junge Mann ein. „Ja.“, gab sie ihm Recht, „Jedoch ist es notwendig, das du gehst. Du bist dazu geboren, zu kochen und musst diese Bestimmung erfüllen. Koste es, was es wolle.“ Sie schloss ihren Sohn ein letztes Mal in die Arme und schickte ihn dann auf den Weg.

Die Räuber

Der junge Mann folgte der Straße aus dem Dorf hinaus und in den tiefen Wald hinein. Lange Zeit begegnete er niemanden, bis er auf eine Wegkreuzung stieß, an der ein in Lumpen gekleideter, alter Mann saß. „Wohin des Weges, mein Freund?“, fragte er und grinste den Koch heimtückisch an. „In die nächste Stadt. Dort will ich mir Arbeit suchen und mein Handwerk weiter ausbauen.“, entgegnete dieser ehrlich. „So, so. Dabei will ich dir helfen, indem ich dich als Sklave verkaufe. Dadurch ist uns beiden geholfen. Du kannst arbeiten und ich erhalte einen Lohn.“, lachte der Alte gemein und bevor der junge Mann sich rühren konnte, sprangen mehrere Männer aus dem Gebüsch zu beiden Seiten des Weges und packten ihn. Sie brachten den Koch in ihr nahe gelegenes Lager, wo sie ihn an einen Baum fesselten. Der Alte, der sich als der Anführer der Truppe entpuppte, trat zu ihm und sprach: „Viel werde ich für dich nicht bekommen, so schmächtig wie du bist. Du hast im Leben noch keine schwere Arbeit geleistet, das ist sicher.“ „Lass dich nicht von meinem Äußeren täuschen. Du kennst mich und meine Gabe nicht. Wenn du es tätest, wärst du gewiss freundlicher.“, antwortete der junge Mann zornig.

„Ach und worin besteht dein Talent? Vorlaut zu sein?“, wollte der Räuberhauptmann wissen, woraufhin seine Männer in schallendes Gelächter ausbrachen. „Ich koche so gut wie kein anderer auf dieser Welt.“, sprach der junge Mann eisig, „Aber euch versage ich diesen Genuss.“ Der Hauptmann dachte eine Weile über diese Worte nach. „Dein Mut gefällt mir Bursche. Daher will ich dir eine Wette vorschlagen. Koch uns das Beste, was du zu bieten hast. Wenn es uns schmeckt, lassen wir dich gehen. Wenn nicht, wirst du verkauft. Gehst du darauf ein?“, meinte er schließlich und nahm den Koch die Fesseln ab, der sofort zustimmte. Der junge Mann wählte einige Zutaten aus den Vorräten der Männer, bevor er fieberhaft zu arbeiten begann. Beunruhigt traten die Räuber zu ihrem Anführer. „Wir lassen ihn doch nicht wirklich gehen, oder? Wir verkaufen ihn auf jeden Fall?“, wollten sie vom Alten wissen. „Natürlich. Selbst wenn es das herrlichste Gericht auf der Welt ist. Wir lügen einfach und sagen es wäre schlecht, dann gewinnen wir in jedem Fall.“, meinte dieser daraufhin verschlagen. Und so warteten die Männer, bis der Koch sein Werk beendet hatte. Stumm nahmen sie das ihnen dargebotene Essen und verschlangen es in wenigen Bissen. Nie hatte es ihnen besser geschmeckt oder ein Gericht sie so glücklich gemacht, wie dieses. „Niemals haben wir etwas Vergleichbares gegessen. Wir danken dir dafür vielmals.“, bekundeten sie einstimmig und der Räuberhäuptling fügte sogar noch hinzu: „Bis jetzt wollten wir unser Wort brechen, aber das ist jetzt vergessen. So sehr hat dein Gericht unser Innerstes berührt, dass wir geläutert sind und nie wieder Schlechtes tun wollen. Jetzt geh und folge deiner Bestimmung.“ Das ließ sich der Koch nicht zweimal sagen und suchte schnell das Weite.

– Fortsetzung folgt –

©K.ST.

© K.ST.

Wichtige Information:

Wie bereits vor kurzem angekündigt, werde ich zukünftig meine Geschichten nicht mehr ganz (also auf einmal) veröffentlicht, sondern in 2 einzelnen Teilen. Grund dafür ist natürlich, dass ich so einerseits etwas Spannung aufbauen möchte – ABER – andererseits liegt es auch am immensen Zeitaufwand, den es bedeutet, so eine Geschichte zu schreiben und das Bild zu zeichnen. Hinzukommt, dass mittlerweile auch Johann einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit einnimmt und weiterentwickelt werden möchte. Da ich mit dem Blog aber auf jeden Fall weitermachen möchte, habe ich mich für diese Lösung entschieden.

Gerne könnt ihr mir eure Meinungen dazu und zur Geschichte, als Kommentare hier am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) mitteilen oder sie einfach „liken“. 💗📣📧

Ich hoffe ihr habt trotzdem weiterhin Spaß am Blog und genießt vielleicht sogar die kleine Veränderung. 😊

Alles Liebe und bleibt gesund,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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