Der Glücksbringer

Ein Glücksbringer kann vieles sein. So kann man darunter unter anderem einen bestimmten Anhänger verstehen, ein paar einzigartige Socken oder ein besonderes Stofftier, das für den Besitzer Bedeutung hat. Aber auch allgemeine Symbole können als Boten des Glücks aufgefasst werden, wie Regenbögen oder vierblättrige Kleeblätter und Hufeisen. Eins haben diese äußerst unterschiedlichen Gegenstände letztendlich alle gemein, nämlich, dass sie das Glück anziehen und zu ihren Besitzern bringen sollen. Als Beweis für ihre Wirkung lassen wir oftmals schon Kleinigkeiten gelten, weil wir daran glauben wollen. Die Betroffenen versteifen sich so sehr darauf, dass beim Verlust des Glücksbringers, ihre Welt zusammenbricht und sie das Gefühl haben, dass nun alles verloren ist. Das die Lösung ihrer Probleme allein darin bestünde an sich selbst zu glauben, statt an den Glücksbringer, wollen die Wenigsten einsehen.

Die Tochter des Schmieds

Vor mehreren hundert Jahren lebte in einem weit entfernten Land ein Schmied, der auf den ersten Blick alles besaß, was man sich auf dieser Welt nur wünschen konnte. Er lebte zusammen mit seiner Frau, die er unendlich liebte und drei kräftigen Söhnen im Gebirge, das reich an Erzvorkommen war, was ihm die Arbeit maßgeblich erleichterte. Die Familie verbrachte ihre Zeit weitgehend alleine, da der Weg in die nächste Stadt lang und anstrengend war. Der Schmied hätte nicht glücklicher sein können, wäre da nicht seine bedauernswerte Tochter gewesen. Obwohl das Mädchen jung und gesund war, war sie immerzu traurig, da sie permanent von Selbstzweifel und Unsicherheit verfolgt wurde. Gleichwohl alle Familienmitglieder sie abgöttisch liebten, redete sie sich ein, dass sie nichts wert und den anderen nur ein Klotz am Bein wäre. Auch war sie von überaus schöner und anmutiger Gestalt, doch sah sie sich selbst, als hässlich und unansehnlich. Sie steigerte sich oft so in ihre Unsicherheit, dass ihr alles was sie dann anfasste, misslang.

Eines Abends beschlossen die Eltern, dass sich etwas ändern musste. „Morgen früh geben wir ihr Ware, die sie dem alten Krämer in der Stadt bringen soll. Es ist leichte Arbeit, dabei kann unmöglich etwas schiefgehen. Vielleicht kann sie ihre schlechten Gedanken endlich abwerfen, wenn sie eine Aufgabe fern von uns erfüllt.“, meinte der Schmied selbstsicher. Seine Frau hingegen zögerte. „Aber was passiert, wenn es anders kommt? Angenommen, ihre Unsicherheit nimmt Überhand und keiner ist da der ihr hilft?“, fragte sie ängstlich. „Dann wird sie lernen allein damit zurecht zu kommen.“, sprach der Mann überzeugt, weshalb die Mutter ihm schließlich zustimmte. Am nächsten Morgen übergaben sie der Tochter die in braunes Papier gewickelte Ware und erklärten, was von ihr verlangt wurde. „Aber das schaffe ich doch nie, so ungeschickt wie ich bin. Niemals kann ich diese Aufgabe erfüllen.“, weinte diese jedoch verzweifelt. Erst nach langem Zureden gab sie nach und machte sich auf den Weg.

Das Glück im Unglück

Das Mädchen war noch nicht weit gekommen, als sie auf eine Weggabelung stieß. Unsicher betrachtete sie die Wahlmöglichkeiten. Der Vater hatte davon gesprochen, dass sie den linken Weg einschlagen sollte. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto unentschiedener wurde sie. Schließlich ging sie nach rechts und verirrte sich bereits kurz darauf hoffnungslos. Nach Stunden des Umherwanderns sank sie erschöpft auf einen Stein am Wegesrand. „Oh, weh. Wäre ich doch bloß nach links gegangen, wie mein Gefühl es mir gesagt hat, dann wäre dies alles nicht passiert. Was soll ich jetzt nur tun? Der Krämer wartet doch auf seine Ware.“, wimmerte sie und betrachtete verzweifelt das Paket in ihrem Schoß. Da schoss plötzlich ein Falke vom Himmel, entriss ihr das Gut und flog damit davon. Entsetzt sprang das Mädchen auf und lief hinterher, blieb mit ihrem Fuß aber an einer Wurzel hängen und fiel der Länge nach hin. Als sie wieder auf die Beine kam, waren das Tier und die Ware irgendwo mehr zu sehen.

„Oh, weh, oh, weh. Welch Unglück ist mir nun schon wieder passiert? Kann ich denn nichts richtig machen?“, sprach sie mit Tränen in den Augen und sank vor Bitterkeit auf die Knie. Nachdem sie eine Weile dagesessen hatte, fiel ihr etwas Glänzendes auf, dass nicht weit entfernt durch einen einsamen Sonnenstrahl erhellt wurde. Sie wischte sich die Augen und griff vorsichtig nach dem unbekannten Objekt. Aus dem Schmutz zog sie einen kleinen Anhänger, an den die tönerne Figur einer Katze und mehrere goldene Glöckchen montiert waren. Deren Klang berührte das Mädchen in ihrem Innersten und ließen mit einem Schlag alle Unsicherheit und Selbstzweifel verschwinden. Erfüllt von Mut und Zuversicht stand sie auf, steckte den Anhänger in die Tasche und machte sich wieder auf den Weg.

Sie beschloss den Berg gerade hinunterzulaufen, da sie auf diese Weise sicher irgendwann das Tal erreichen würde. Auch war es wahrscheinlich, dabei das Paket wiederzufinden, da es sehr schwer gewesen war und der Vogel es sicher nicht lange hatte tragen können. Hoffnungsfroh schritt sie aus und fand tatsächlich bald darauf die Ware wieder, die unbeschadet am Rand des Weges zurückgelassen worden war. Nach einer Stunde erreichte sie schließlich auch die Hauptstraße, die am Fuße des Berges entlangführte und sie direkt in die nächste Stadt weiterbrachte. Dort übergab sie dem Alten das Gut, dass dieser schon sehnsüchtig erwartet hatte. Als das Mädchen noch am selben Abend wieder sicher und wohlbehalten nachhause zurückkehrte, feierte die Familie ein Fest zu ihren Ehren. Den Eltern entging nicht, wie sehr sich die Tochter verändert hatte, weshalb sie entschieden, dass sie von nun an alle Botengänge erledigen sollte.

Der Erfolg und der Dieb

Auch in den nächsten Wochen half der Glücksbringer dem Mädchen ihren Erfolg beizubehalten. Es schien fast, als errichtete er eine unsichtbare Mauer um sie herum, die allen Selbstzweifel und jegliche Unsicherheit von ihr abprallen ließ. Ohne Schwierigkeiten, dafür aber schnell und zuverlässig, lieferte sie alle von der Familie hergestellten Waren aus. Die Arbeit ging ihr so leicht von der Hand, dass sie schon bald auch von den Dorfbewohnern beauftragt wurde, Botengänge zu erledigen. Dies rief jedoch auch Neider hervor, die sie voller Abneigung betrachteten. Besonders ein junger Mann, der in seinem Leben selbst wenig erfolgreich war, war die Tätigkeit des Mädchens ein Dorn im Auge. Wie sie, lieferte auch er Waren aus, nur lieferte er häufig zu spät oder brachte die Güter kaputt oder völlig verdreckt zum Abgabeort, sodass niemand ihn mit der Zeit mehr engagieren wollte. Da beschloss er trotzig, sein Schicksal zu Lasten seiner Konkurrentin zu verändern. Die Geschichte mit dem Anhänger hatte sich mittlerweile herumgesprochen, weshalb er entschied, diesen zu stehlen und für sich selbst einzusetzen.

Er wartete, bis das Mädchen an einem besonders heißen Tag alle Waren ausgeliefert hatte und auf dem Rückweg in das Gebirge eine Rast unter einem Baum einlegte. Zufrieden gähnend legte sie sich dort nieder und schloss die Augen, um sich ein wenig zu erholen, worauf der Dieb gelauert hatte. Nachdem sie eingeschlafen war, schlich er auf leisen Sohlen näher, stahl den Glücksbringer aus ihrer Tasche und rannte davon. Als seine Besitzerin erwachte, bemerkte sie dessen Fehlen sofort. Stundenlang suchte sie die Umgebung ab, konnte den Anhänger aber nirgends finden. Tieftraurig kehrte sie zu den Eltern zurück, die sie zu trösten versuchten. „Du bist so weit gekommen und das hast du sicher nicht dem Anhänger zu verdanken. Du allein hast es geschafft, weil du an dich geglaubt hast. Vergiss den Glücksbringer und schau nach vorne.“, versuchte der Vater ihr zu erklären. „Nein, das war ganz allein der Anhänger. Ohne ihn ist alles sinnlos. Du wirst schon sehen.“, sprach das Mädchen hingegen unglücklich.

Die Rückkehr des Glücksbringers

Während der nächsten Tage litt das Mädchen sehr. Obwohl sie sich bemühte, gelang ihr nichts und sie verlor ihre Arbeit. Die Selbstzweifel und die Unsicherheit waren wiedergekehrt und beherrschten mittlerweile ihr ganzes Sein. Als sie eines Abends durch das Dorf irrte, kam ihr die Geschichte des jungen Mannes zu Ohren und wie sehr dieser sich verändert hatte. Im Gegensatz zu den Dorfbewohnern durchschaute das Mädchen das Wunder jedoch sofort und machte sich auf die Suche nach der betreffenden Person. Sie fand ihn in einem vollbesetzten Wirtshaus, wo er den Erfolg gebührend feierte. „Ah, ein neuer Gast! Komm, trink mit mir auf meinen Triumph. Auf mich und meinen Glücksbringer.“, rief der Mann erfreut, als sie sich zu seinem Tisch durchgekämpft hatte. „Du meinst wohl, meinen Glücksbringer, du elender Dieb.“, zischte das Mädchen wütend. Ihr Gegenüber erbleichte, da er erst jetzt erkannt hatte, wen er vor sich hatte. Stotternd erhob er sich und brachte das Mädchen nach Draußen, wo sie vor neugierigen Blicken geschützt waren. Dort fiel er leutselig auf die Knie und flehte: „Bitte nimm ihn mir nicht weg. Ich weiß, dass ich ihn unrechtmäßig an mich genommen habe, aber er ist alles was ich habe. Du hast deine ganze Familie, die hinter dir steht und dich bei allen unterstützt, was du tust. Ich habe niemanden, nur meine Selbstzweifel, die mich jede Stunde des Tages plagen und mit denen ich mein ganzes Leben verbringen muss.“

Mit einem Mal empfand das Mädchen Mitleid mit dem Dieb, denn seine Worte waren wahr. Stets waren ihr die Eltern und Brüder zu Seite gestanden, hatten immerzu bestärkt und an sie geglaubt, auch wenn sie es selbst nicht gekonnt hatte. Hatte nicht auch der Vater davon gesprochen, dass nicht der Glücksbringer sie selbstbewusster gemacht hatte, sondern ihr Glaube an sich selbst? Dem Mädchen wurde plötzlich klar, das der Anhänger ihr Ventil gewesen war, um endlich über sich selbst hinauszuwachsen. „Behalte ihn ruhig, wenn du willst. Du brauchst ihn nötiger als ich, das habe ich jetzt verstanden. Lass uns auch alles andere vergessen und neu anfangen. Arbeit gibt es für uns beide genug, sodass wir nicht darum streiten müssen.“, meinte sie schließlich gelöst.

Und so verblieben sie. Nachdem das Mädchen ihren Fehler eingesehen hatte, fand sie augenblicklich zu ihrem früheren Erfolg zurück. Auch der junge Mann lebte erfüllt von Glück, bis er zur selben Erkenntnis über den Glücksbringer kam, wie seine letzte Besitzerin. Als er seinen Irrtum endlich bemerkte, suchte er das Mädchen auf und bat sie um ihre Hand. Gemeinsam eröffneten sie nach der Heirat ein Geschäft, für welches ihre Erben noch viele hundert Jahre Waren aller Art auslieferten. Den Glücksbringer behielten sie aber nicht. Sie übergaben ihn wieder dem Gebirge, wo das Mädchen ihn einst gefunden hatte, sodass der nächste in Not geratene Mensch ihn finden und von ihm profitieren konnte.

© K.ST.

© K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Mit Glücksbringern ist es so eine Sache…ob man an sie glaubt oder nicht, so können sie manchmal doch recht hilfreich sein und sei es nur darin, die eigenen Nerven zu beruhigen oder seine Unsicherheit zu bewältigen.

Ich für meinen Teil besitze auch einen solchen, der mir bei wichtigen Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen zu Seite steht.

Auf jeden Fall hat es mir ungemein Spaß gemacht, diese Geschichte zu schreiben und das dazu passende Bild zu malen. Zum Anhänger am Bild hat mich übrigens ein Mitbringsel aus Japan inspiriert, dass man an die Haustüre hängt und das den Bewohner*innen Glück und Gesundheit bringen soll. 😁

Was denkt ihr über Glücksbringer? Kommen Sie in euren Geschichten vor?

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 📧❤📣

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch,

P.S. vergesst nicht, euch das Zitat der Woche (Woche 14) anzuschauen, wenn ihr es noch nicht getan habt. 😁

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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