Der heimatlose Dachs

Per Definition ist Heimat ein Land, eine Gegend oder ein Ort, in welchem man zur Welt gekommen ist, wo die Familie lebt oder man sich einfach geborgen fühlt. Für manche ist sie leicht zu finden, andere wiederum tun sich damit bedeutend schwerer, was mehrere Gründe haben kann. So kann es daran liegen, dass man sich am neuen Wohnort einsam fühlt, weil Freunde und Verwandte fehlen. Auch ist es möglich, dass das Vertraute von zu viel Andersartigem überlagert wird oder das Klima ein anderes ist, als man es gewohnt ist. Ebenso kann es aber auch daran liegen, dass man sich erst eingewöhnen muss, was Zeit braucht, die für die Betroffenen oft nur schwer auszuhalten ist. Wenn jedoch alles vergebens ist und man sich trotz aller Versuche in der neuen Heimat nicht wohl fühlt, muss man sich aufraffen und weitersuchen, bis man den richtigen Ort für sich selbst gefunden hat.

Der einsame Dachs

Vor langer Zeit lebten in einer weit entfernten Heidelandschaft zahlreiche verschiedene Tiere in Harmonie und Frieden zusammen. Tagsüber verließen sie ihre Familien, in denen sie organisiert waren, um gemeinsam Futter zu suchen, zu spielen, zu lernen oder zu lachen. Wenn es jedoch Abend wurde, kehrten sie zu ihresgleichen zurück und ließen den Tag auf diese Weise ausklingen. Im Grunde war dies ein gut funktionierendes Modell, von dem beinahe alle profitierten, nur ein einzelner Dachs nicht, da er der einzige seiner Art in der Heide war. So wachte er morgens alleine auf und ging abends alleine zu Bett, was ihn sehr bedrückte und einsam machte. Hinzu kam, dass er seine Bedürfnisse und Sorgen stets alleine klären musste. Dies lag nicht etwa daran, dass die anderen Tiere ihn mieden oder ignoriert hätten, sondern an ihrer Unwissenheit, wie mit Geschöpfen seiner Art umzugehen war. So mussten sie sich darauf beschränken, ihm gut gemeinte Ratschläge zu geben, die aber in den meisten Fällen nutzlos waren. Dies erschwerte dem Dachs das Leben erheblich, was ihn mit der Zeit sehr unzufrieden werden ließ.

Aus diesem Anlass beschloss er eines Tages, die bisher gekannte Heimat zu verlassen und woanders nach einer neuen zu suchen. Denn tief in seinem Herzen war er überzeugt davon, dass es irgendwo einen Ort für ihn gab, an dem er die Einsamkeit und Unzufriedenheit überwinden konnte und wo stattdessen unbegrenztes Glück und Freude auf ihn warteten. Wortreich erklärte er seinen Freunden auf der Heide sein Vorhaben und verabschiedete sich dann sogleich von ihnen. Bevor er ging, stellte sich ihm jedoch ein Wildschwein in den Weg. „Ich hoffe du findest, was du suchst. Das wünschen wir dir alle. Gleichzeitig fällt es uns sehr schwer, dich ziehen zu lassen, da es bedeutet, dass wir einen guten Freund und Kameraden für immer verlieren. Wir werden dich unglaublich vermissen.“, grunzte es mit belegter Stimme. Der Dachs war tief gerührt von diesen Worten. „Ich verspreche, ich komme euch treue und liebe Freunde besuchen, nachdem ich fündig geworden bin. Aber jetzt muss ich gehen.“, sprach er mit Tränen in den Augen und machte sich auf den Weg.

Bei den Schafen

Viele Tage vergingen auf seiner Reise, in denen er nur selten Pausen einlegte. Zu aufgeregt war sein kleines Herz, auf das, was noch kommen würde. Eines frühen Morgens überquerte er gerade eine saftige, grüne Weide, als er auf eine Schafsherde stieß. „Nanu, wer bist denn du? Wir wollen nicht neugierig sein, aber in unser Zuhause verirrt sich selten jemand, was aber nicht heißt, dass du nicht willkommen bist.“, meinte ein alter Schafsbock, der die Herde seit vielen Jahrzehnten führte. „Ich danke euch. Gerne will ich euch erzählen, was mich zu euch führt.“, entgegnete der Dachs und erläuterte seine Situation ausführlich. Die Schafe hörten gespannt zu und luden ihn schließlich ein, bei ihnen zu leben. „Das würdet ihr tun? Obwohl ihr mich gar nicht kennt? Nun, sehr gerne möchte ich euer Angebot annehmen und bleiben.“, sprach das Tier erfüllt von Glück und Dankbarkeit.

Doch bereits nach wenigen Wochen zweifelte der Dachs an der Richtigkeit seiner Entscheidung. Zwar waren die Schafe überaus freundlich und zuvorkommend ihm gegenüber, zogen ihn in jede ihrer Tätigkeiten mit ein, doch gab es bei all dem auch ein Problem, dass er mit der Zeit nicht mehr leugnen konnte. So schüttelten die Schafe jeden Morgen nach dem Aufstehen erst einmal ausgiebig ihre Wolle durch, um frisch in den Tag zu starten, was dem Dachs leider gar nicht bekam, da er davon ohne Unterlass niesen musste. Der Anfall endete erst, wenn er die Herde für mehrere Stunden mied. Schließlich sah der Dachs ein, dass es auf diese Weise nicht weitergehen konnte und er weiterziehen musste. „Verzeiht, aber ich kann nicht bleiben und muss euch verlassen. Ich danke euch für alles, was ihr für mich getan habt.“, fasste das Tier traurig zusammen. Die Schafe waren ihm nicht böse, da auch sie erkannt hatten, dass der Dachs bei ihnen die neue Heimat nicht finden konnte. Nur war es ihnen sehr schade, um den neuen Freund, den sie dadurch verloren. „Ich verspreche, ich komme wieder, um euch zu sehen, wenn ich mein neues Zuhause gefunden habe. Lebt wohl, bis dahin.“, verabschiedete sich der Dachs schließlich und machte sich wieder auf die Suche.

Bei den Schwänen

Wieder durchlief der Dachs mehrere Tage der Wanderschaft, bis er an einen großen Weiher kam, in welchem unzählige Schwäne lebten. Neugierig scharrten sie sich um den Neuankömmling, als dieser am Wasser seinen Durst stillte. „Ja, ein Dachs hat sich in dieser Gegend schon lange nicht mehr sehen lassen. Was führt dich hierher?“, fragten ihn die Vögel neugierig aus. Da schilderte er ihnen seine Geschichte, die die Schwäne sehr unglücklich machte. „So ist das also. Aber nun hast du uns gefunden, wodurch deine Suche ein Ende findet. Lebe mit uns, wenn du möchtest. Gerne teilen wir Heim und Essen mit dir.“, boten sie dem Dachs großzügig an. Diesen durchzuckte erneut das pure Glück, aufgrund so viel Freundlichkeit und Verständnis, weshalb er zustimmte und sich mit dem Gefühl niederließ, endlich am Ziel angekommen zu sein.

Aber erneut zeigte sich schon bald, dass ihm auch an diesem Ort die Vollkommenheit verwehrt blieb. Obwohl die Schwäne viel Zeit mit Spielen aller Art verbrachten, was seiner spielerisch veranlagten Natur sehr entgegen kam, nur konnte er sich unglaublich schwer an die neuen Lebensumstände anpassen. Der Grund fand sich darin, dass sie ihre Zeit hauptsächlich im Wasser verbrachten und der Dachs kein allzu guter Schwimmer war, weshalb ihm die Teilnahme am Spiel oftmals versagt blieb. Also entschied er sich erneut weiterzuziehen. Die Schwäne waren darüber äußerst betrübt, da sie im Dachs einen treuen Kameraden gefunden hatten und versuchten ihn zum Bleiben zu überreden, was dieser aber freundlich ablehnte. „Vielen lieben Dank, dass ich bei euch unterkommen durfte. Aber wir sind zu verschieden, als das ich bei euch glücklich werden könnte. Daher muss ich gehen. Grämt euch nicht zu sehr. Ich komme euch besuchen, wenn ich in meiner Heimat angekommen bin.“, versprach er ihnen nachdrücklich und ging dann seiner Wege.

Bei den Dachsen

Schon am nächsten Tag gelangte der Dachs in einen tiefen, dunklen Wald, wo er sich verzweifelt auf einen Baumstumpf niederließ, der auf einer Anhöhe wuchs. „Gibt es denn gar keinen Ort für mich, wo ich bedingungslos glücklich leben kann?.“, fragte er sich selbst niedergeschlagen. Da sah er plötzlich einen Dachs über eine Lichtung laufen, die sich weit unter ihm befand. War das vielleicht die Lösung all seiner Probleme? Hatte er seine Artgenossen und damit ein sorgenfreies Leben gefunden? Schnell sprang er auf und verfolgte das fremde Tier. „Hallo, warte doch bitte auf mich.“, rief er laut, als er den anderen aus den Augen zu verlieren drohte. Dieser blieb überrascht stehen. „Ach, ein Fremder und dazu noch einer von derselben Art. Woher kommst du?“, fragte sein Gegenüber gespannt, als der Verfolger schnaufend bei ihm angekommen war. Nachdem er die Geschichte des Dachses erfahren hatte, nickte er verständnisvoll. „Du armes Geschöpf. Wie sehr musst du gelitten haben? Aber das ist jetzt vorbei. Kommt mit zu deinen Brüdern und Schwestern, da findest du nicht nur deine Heimat, sondern auch gleich noch eine liebevolle Familie.“, meinte er dann und führte den Geplagten zu seinen Artgenossen.

Diese nahmen ihn ohne Vorbehalte bei sich auf, teilten ihr Futter, ihr Wissen und ihren Schlafplatz mit ihm. Der Dachs fühlte sich überwältigt, von so viel Glück und Freundlichkeit, die er in den nächsten Tagen und Wochen durch die anderen Dachse erfuhr. Er genoss die Zeit mit seiner neuen Familie weitgehend, doch wurde es ihm schon bald auch ein wenig langweilig. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Wohnorten, herrschten im Wald immer dieselben Gegebenheiten. Nie war es zu kalt oder zu warm und die Sonne sah er höchstens einmal am Tag, wenn sie am höchsten Punkt über den Wipfeln der Bäume stand. Er begann die Sonnenuntergänge, die es auf der Heide gegeben hatte, schmerzlich zu vermissen. Auch regnete es im Wald kaum, weshalb Gräser und Büsche vertrocknet und dürr waren, sodass ihm die saftige, grüne Weide der Schafe wie das Paradies vorkam. Hinzu kam, dass es keinen Weiher oder Tümpel im ganzen Umkreis gab, an welchem man sich erfrischen konnte, wie es bei den Schwänen der Fall gewesen war. Als aber am Schlimmsten empfand er jedoch nach einiger Zeit seine Artgenossen. Sie begleiteten ihn jede Stunde des Tages und ließen ihn auch nachts keine Sekunde allein. Zudem waren sie unglaublich ernst und verbrachten ihr ganzes Dasein nur mit wirklich wichtigen Angelegenheiten, wie der Fell- und Krallenpflege und der Futtersuche. Ablenkungen jeglicher Art, wie das Spielen, verabscheuten sie hingegen zutiefst.

Das Ende der Heimatlosigkeit

Langsam wurde dem Dachs klar, dass er sich geirrt hatte. Die Suche nach einer Heimat hatte zwar die Einsamkeit und Unzufriedenheit in seinem Inneren gelindert, aber eben nicht die Sehnsucht in seinem Herzen, nach dauerhaftem Glück und Freude. Jedes Mal, wenn er geglaubt hatte angekommen zu sein, hatte sich gezeigt, dass dem doch nicht so war und er irgendetwas vermisste, dass zur Vollkommenheit fehlte. Vielleicht, überlegte er, war genau, dass das Problem. Unter Umständen war der gewünschte Ort eben nicht an einer bestimmten Stelle zu finden, sondern an vielen verschiedenen und demnach bei all seinen Freunden, die er im Laufe seiner Reise kennen und schätzen gelernt hatte.

So fasste er einen Entschluss und rief dann seine Brüder und Schwester zusammen, denen er verkündete, dass er abreisen würde. „Ich glaube ich kann nur glücklich werden, wenn ich meine Zeit zwischen all den Orten und Freunden aufteile, die ich liebe. Deshalb muss ich euch jetzt verlassen.“, erklärte er, völlig überzeugt von seinen Worten. „Wenn es das ist, was dir gut tut, musst du es tun. Bei uns bist du jederzeit willkommen, auch wenn es nur für ein paar Wochen im Jahr ist.“, meinten die anderen Dachse, denen das Leid ihres Artgenossen nicht verborgen geblieben war. Voller Dankbarkeit verabschiedete sich das Tier und machte sich auf die Reise.

Am nächsten Morgen kam er am Weiher der Schwäne an. Diese waren von seiner Ankunft so erfreut, dass sie ihm zu Ehren ein Fest gaben. Erstaunt hörten sie seine Erklärung an und stimmten ganz mit seinen Artgenossen überein, dass er bleiben konnte, solange er wollte. Nach mehreren Wochen verließ sie der Dachs erneut und wanderte weiter zu den Schafen auf der Weide. Wie die Schwäne und Dachse nahmen auch sie den Reisenden herzlich auf und unterstützten seinen Entschluss. Monate später führte ihn der Weg schließlich zurück zur Heide, wo er ebenso begeistert empfangen wurde und seine Absichten auf Verständnis trafen, sodass er niemals an seinem Beschluss zweifeln musste. Bis zum Rest seines Lebens reiste er zwischen der Heide, der Weide, dem Weiher und dem Wald umher, ohne jemals wieder von schlechten Empfindungen gequält zu werden. Denn der Dachs wusste mittlerweile, dass die Heimat dort war, wo das Herz verweilte und dies in seinem Fall eben auf mehrere Orte und auf mehrere Vertraute zugleich zutraf.

© K.ST.

© K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Und wieder einmal gibt es eine fabel.tastische Geschichte mit Tieren zu lesen. Wieso ein Dachs? Nun, das ist eine gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe…

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Fellfarbe dieser Tiere unheimlich gut in das Farbkonzept des Blogs passt oder einfach, weil sie so unglaublich niedlich aussehen, mit dem gestreiften Gesicht – hm…vielleicht gibt es aus diesem Grund auch bald eine Geschichte mit einem Waschbären zu lesen – die finde ich nämlich auch total süß. 😁😂

Da der Begriff „Heimat“ in meinen Geschichten eigentlich keine große Rolle spielt, habe ich beschlossen, ihn einfach einmal zum Thema einer solchen zu machen. Ob mir das gelungen ist, muss letztendlich aber jeder für sich selbst entscheiden.

Das Bild hat mir diesmal einige Kopfschmerzen bereitet, da es gar nicht so einfach zu zeichnen gewesen ist, wie ich anfangs gedacht habe. Besonders bei den Gesichtern habe ich immer wieder nachgebessert, bis ich am Ende endlich zufrieden war.

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 😊

Viel Vergnügen beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch,

P.S. vergesst nicht, euch das Zitat der Woche – Woche 14 anzuschauen, wenn ihr es noch nicht getan habt. Immerhin ist es Teil der Geschichte. 😁

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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