Der verlässliche Beschützer

Beschützen ist ein großes Wort, mit dem viel Verantwortung einhergeht. Denn dabei wird jemanden in die eigene Obhut genommen, um ihn vor Gefahren aller Art zu schützen. Diese Tätigkeit führen zumeist Eltern aus, die auf ihre Kinder aufpassen. Aber auch Lehrer beschützen ihre Schüler und Ordnungshüter sogar die komplette Gesellschaft. Es gibt aber auch Menschen, die ihnen völlig unbekannte Personen schützen, indem sie sie aus gefährlichen Situationen retten, ohne nachzudenken und auf etwaige Konsequenzen zu achten, die sich für sie selbst daraus ergeben können. Sie tun dies, weil jemand anderes sich in Not befindet und sie helfen wollen. Für ihre Taten verlangen diese Menschen nichts, da sie damit zufrieden sind, einfach geholfen zu haben. Aus diesem Grund sind sie auch das nächste Mal wieder zuverlässig zur Stelle, wenn sie gebraucht werden.

Der Fluss

Vor vielen hundert Jahren gab es in einem weit entfernten Land einen breiten Fluss, der die Landschaft in zwei Teile schnitt. Obwohl zahlreiche Dörfer an ihm entlang verliefen, wagte sich kaum jemand je zum Wasser. Versuchte ein Mensch doch einmal einen Vorteil aus dem Fluss zu ziehen, ließ das Unglück nicht lange auf sich warten. Die, die sich dennoch an seine Ufer wagten, wurden fast augenblicklich von einer Welle erfasst und in die Flussmitte gesaugt, wo die Wassermassen sie für immer begruben. Die, wenigen die es schafften sich zu retten, trugen grausige Verletzungen davon, woran sie zumeist wenig später starben. So lebten die Bewohner der Dörfer am Fluss in ständiger Angst und hofften darauf, dass ein Wunder geschehen und sich die Situation irgendwann bessern würde. Bis dahin wollten sie dem Fluss fernbleiben, um ihm nicht noch mehr Gelegenheiten zu bieten, ihnen Schaden zuzufügen.

Die Not und der Beschützer

Eines Tages ändert sich mit einem Mal das Klima am Fluss und brachte den Menschen unerträgliche Hitze, aus der bald darauf eine schreckliche Dürre entstand. Mit jeder Woche die verging, schien es unwahrscheinlicher das Regen einsetzte und die Wasserreservoirs aufgefüllt wurden, weshalb die Dorfbewohner weiterhin schrecklichen Durst leiden mussten. Nur der Fluss schien davon unberührt und floss wie immer vor sich hin. Als es schließlich unerträglich wurde, beschloss der mutigste Mann zum Fluss zu gehen, wo er so viel Wasser holen wollte, dass alle genug damit hatten. Seine Kameraden warnten und versuchten ihn zum Bleiben zu überreden, aber der Mann blieb stur. „Wenn wir nicht bald Wasser holen, verdursten wir alle. Macht euch keine Sorgen, ich werde vorsichtig sein.“, meinte er beruhigend und machte sich mit zahlreichen Eimern auf den Weg. Er musste nicht lange laufen, bis er zum Schilfgürtel kam, der den Fluss wie ein Schutzschild umgab. Umständlich schlug er sich durch ihn hindurch und erreichte endlich das erlösende Wasser, wo er ohne Umschweife begann, die Eimer zu füllen. Da durchbrach plötzlich ein laut Schrei die Stille und ließ den Mann zurücktaumeln.

Erschrocken blickte er sich dabei nach dem Verursacher des Geräusches um und entdeckte nicht weit von sich entfernt einen Reiher. Dieser schüttelte wiederholt sein schneeweises Gefieder und krächzte laut vor sich hin, sodass der Eindruck entstand, er würde sich jeden Moment in den Kampf stürzen. Von Angst gepackt, raffte der Mann die erst halb gefüllten Eimer zusammen und rannte davon. Nachdem er das rettende Schilf erreicht hatte, blickte er sich noch einmal um und was er sah, verschlug ihm die Sprache und ließ ihn am ganzen Körper erzittern. Dort, wo er noch wenige Augenblicke zuvor am Ufer gekniet hatte, befand sich nun nichts mehr, außer Wasser. Es war völlig lautlos aus dem Nichts gekommen und hatte alles in seiner Umgebung, jeden Stein, jede Pflanze und sogar die Erde, gepackt und fortgerissen. Zurück im Dorf erzählte der aufgewühlte Mann den anderen Bewohnern von den Ereignissen. „Ich schwöre, der Fluss lag ganz ruhig da und der Pegel stand tief, als ich ankam. Dann kam mit einem Mal das Wasser. Hätte der Reiher mich nicht gewarnt, wäre ich ertrunken.“, sprach er und verteilte das Wasser. Am selben Abend geschah ein zweites Wunder. Dickte, graue Wolken sammelten sich am Himmel und zum ersten Mal seit Wochen fiel Regen.

Der zweite Auftritt des Beschützers

Monate vergingen, in welchen die Menschen und der Fluss friedvoll nebeneinander lebten. Eines Tages allerdings, geschah einem jungen Mädchen, dass sich als Ziegenhüterin ihr Geld verdiente, ein großes Unglück. Normalerweise sammelte sie die Tiere jeden Morgen ein und führte sie dann zu einer Weide unweit des Flusses, wo sie ihnen Gesellschaft leistete, bis es an der Zeit war, sie wieder zurück nach Hause zu bringen. An einem besonders heißen Morgen, konnte das Mädchen ihre Augen jedoch kaum offenhalten. Sie fiel bald, nachdem sie mit den Tieren die Weide erreicht hatte, in tiefen Schlaf, aus dem sie erst Stunden später wiedererwachte. Als sie sich umsah, musste sie entsetzt feststellen, dass sämtliche Ziegen verschwunden waren. Panisch suchte das Mädchen nach ihnen, fand aber keine Spur, weshalb sie zu dem Schluss kam, dass die Ziegen wohl in Richtung Fluss gelaufen sein mussten. Unsicher trat sie von einem Bein auf das andere, bevor sie sich schlussendlich in Bewegung setzte. Zwar hatte sie Angst, wusste aber auch, dass wenn sie die Tiere nicht rechtzeitig und sicher nachhause brachte, ihr schlimme Konsequenzen drohten.

Wenig später trat sie auf eine Böschung, die direkt in das tiefe Wasser führte, in welchem die Ziegen vergnügt spielten. „Da seid ihr ja, ihr dummen Tiere. Kommt, wir müssen schnell gehen. Hier ist es zu gefährlich für uns.“, sprach sie und gab mit verschiedenen Pfiffen entsprechende Anweisungen. Die meisten Tiere folgten ihr augenblicklich und kletterten brav aus dem Wasser. Nur einer Ziege gefiel darin so gut, dass sie lieber an Ort und Stelle bleiben wollte. So blieb dem Mädchen nichts anderes übrig, als selbst in den Fluss zu steigen und das Tier einzufangen. Sie hatte erst den halben Weg durch das Wasser zurückgelegt, da hörte sie über sich ein schrilles Kreischen. Der schneeweise Reiher zog oberhalb ihres Kopfes weite Kreise und animierte sowohl das Mädchen, als auch die Ziege zurück ans Ufer zu schwimmen. Erleichtert bemerkte sie, wie die Ziege endlich kehrtmachte und zu ihren Kameraden zurückkehrte. Als auch sie sich auf den Rückweg machen wollte, nahm die Strömung jedoch mit einem Mal zu und zog sie unaufhaltsam in die Flussmitte. Panisch schlug das Mädchen um sich. Da packten sie die starken Krallen des Reihers an ihren Schultern und zogen sie aus den Fluten. Völlig mühelos flog der Vogel mitsamt seiner Fracht an das Ufer, wo die Ziegen schon ungeduldig warteten. Als er das Mädchen abgesetzt hatte, verschwand der Beschützer genauso schnell wieder, wie er gekommen war. Dankbar, mit dem Leben davon gekommen zu sein, trieb die Gerettete die Ziegen zurück zur Weide. Nie wieder wollte sie so leichtsinnig sein sich dem Wasser zu nähern.

Die letzte Tat des Reihers

Wieder vergingen mehrere Monate, in denen sich der Fluss ruhig verhielt. Da erhielt ein alter Mann eines Tages die Nachricht, dass sein Sohn, der auf der anderen Seite des Wassers lebte, schwer erkrankt war. Sofort wollte der Alte sich aufmachen, um seinem Kind beizustehen, wurde aber von den anderen Dorfbewohnern zurückgehalten. „Du wirst sterben, wenn du versuchst den Fluss zu überqueren. Lass es lieber sein.“, meinten sie beschwichtigend, doch der Greis schüttelte traurig den Kopf. „Ich habe keine Wahl. Ich muss es versuchen, mein Sohn braucht mich. Vielleicht ist der Fluss gnädig und lässt mich passieren. Wenn nicht, muss ich eben den Preis zahlen.“, sprach er bedauernd und machte sich auf den Weg. Er ging zu einem alten Steg, der seit Jahren ungenutzt und daher morsch geworden war und bestieg vorsichtig das einzige Boot, das dort vertäut lag. Schwerfällig schob er die Ruder ins Wasser und fuhr los.

Er hatte die Hälfte des Flusses bereits unbeschadet hinter sich gebracht, als ein lauter Ruf die Ankunft des Reihers ankündigte. Ohne sich um die Anwesenheit des Mannes zu kümmern, ließ sich der Vogel auf der hinteren Seite des Bootes nieder, wo er mehrmals kräftig mit den Flügeln schlug und das Gefährt auf diese Weise tüchtig an Fahrt aufnahm. Der Alte half so gut er konnte mit, weshalb sie schneller als gedacht das andere Ufer ankamen. Der Greis sprang ohne zu zögern aus dem Boot und lief den Hang zu einer kleinen Anhöhe hinauf. Er wähnte sich schon in Sicherheit, als eine riesige Welle aus dem Fluss peitschte, das Boot erfasste und es zurück ins Wasser zog. Während das Boot in einem tiefen Strudel versank, erhob sich eine Gestalt aus der Tiefe, die langsam auf den Alten zuging.

Der Flussgott

Sofort war klar, dass es sich bei dem Fremden unmöglich um einen Menschen handeln konnte. Obwohl er so groß wie ein normaler Mann war, schimmerte seine Haut in einem unnatürlich zarten Grünton und langes meergrünes Haar bedeckte sein Haupt. Wütend starrte das Wesen den Greis aus perlmuttfarbenen Augen an. „Ich dachte, ihr hättet eure Lektion endlich gelernt und lasst mich in Frieden leben. Da dem nicht so ist, will ich euch ein für alle Mal zeigen, was passiert, wenn ihr euch mir nähert. Du wirst mir als Erster büßen.“, sprach die Gestalt und packte den Mann am Kragen, an welchem er ihn zurück zum Wasser schleifte. Doch bevor er ihn hineinziehen konnte, versperrte ihnen der Reiher den Weg. „Halte ein, Gott des Flusses. Zeig Gnade und lass die Menschen zufrieden.“, bat der Vogel eindringlich. „Gnade? Nehmen sie etwa Rücksicht auf mich, wenn sie mich mit Steinen zuschütten, um Land zu gewinnen? Oder ihre Abwässer in mich leiten und damit alles Leben in mir vergiften? Oder sich ihre Bäuche mit all meinen Fischen vollschlagen, sodass kein Einziger mehr übrigbleibt? Wohl kaum. Aus diesem Grund soll es ihnen genauso schlecht ergehen wie mir. Jeden der es wagt, das Wasser zu betreten, werde ich holen und nie mehr zurückkehren lassen.“, tobte der Gott.

Der Reiher betrachtete den Wüterich ruhig. „Warum sprichst du dann nicht mit ihnen, wenn sie dich mit ihrem Verhalten unglücklich machen?“, fragte er dann. „Was soll das bringen, sie hören ja doch nicht zu.“, meinte der Gott unnachgiebig. „Dieser Mensch hört dich. Ich bin mir sicher, dass wenn du ihn gehen lässt, er deine Botschaft verbreiten wird.“, sprach der Reiher schließlich und deutete auf den alten Mann, der vor Aufregung bisher geschwiegen hatte. „Ist das wahr, was der Beschützer sagt? Wirst du Deinesgleichen sagen, dass es so nicht weitergeht? Wenn sie sich redlich verhalten, werde auch ich mich bessern. Das schwöre ich feierlich.“, wollte der Flussgott wissen. Der Alte nickte nachdrücklich und sprach: „Alles will ich erklären, wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme. Bis heute war mir nicht klar, was wir Menschen mit unseren Taten anrichten und wem wir damit schaden. Das soll aufhören, du hast mein Wort.“ Da ließ ihn das überirdische Wesen endlich los und schritt zügig zurück zum Fluss. „Eine Chance will ich euch noch geben. Wir werden sehen, was ihr daraus macht.“, meinte er nachdenklich und verschwand.

Der Fluss und der ehemalige Beschützer

Auch der Reiher grüßte den Alten ein letztes Mal, bevor er davonflog. Dieser zögerte ebenfalls nicht länger, sondern lief so schnell er konnte zu seinem Sohn. Während er ihn gesund pflegte, erzählte er von den Geschehnissen am Fluss und als der Sohn sich wieder besser fühlte, überbrachten sie die Botschaft des Flussgottes gemeinsam den anderen Menschen. Diese sahen ihre Fehler ein und schworen von den zerstörerischen Tätigkeiten abzulassen. Um sich auch künftig an die Ereignisse zu erinnern und den Herrscher des Flusses gnädig zu stimmen, bauten sie ihm zu Ehren einen großen Tempel, in welchem sie mehrmals im Jahr prächtige Feste abhielten. Durch ihre Einsicht beruhigte sich der Fluss letzten Endes, sodass es den Menschen wieder freistand über ihn zu verfügen, ohne das ihnen weiterhin Unglück drohte. Auch den Reiher wollten die Menschen im Gedächtnis behalten, weshalb sie sein Abbild auf ihre Kleidung malten, was sich bis in die heutige Zeit erhielt. Den Beschützer selbst sah man hingegen nie wieder am Fluss. Seine Aufgabe war erfüllt, weshalb er nicht mehr gebraucht wurde und glücklich neuen Abenteuern entgegenziehen konnte.

© K.ST.

© K.ST.

fabel.tastische Randnotiz:

Diese Geschichte fand ihren Anfang, als ich eines Morgens, während ich im Zug Richtung Wien saß, aus dem Fenster sah und in einem Fischteich neben den Gleisen eine Gruppe Reiher entdeckte. Die Szene war malerisch, zumal hinter den Reihern gerade die Sonne aufging und den frühmorgendlichen Nebel vertrieb, der noch in Schwaden über der Landschaft gehangen hatte. Ich genoss den Anblick derart, dass ich eine Geschichte über einen Reiher schreiben wollte. Und das Ergebnis könnt ihr hier sehen. 😊

Während ich das Bild zur Geschichte gemalt habe, beschwor ich immer wieder die Erinnerungen an das Szenario herauf und ärgerte mich gründlich, dass ich zu langsam gewesen war, ein Foto als Erinnerung zu machen. Andererseits hätte ich die Szene dann vermutlich nur halb so sehr genossen, wie ich es tatsächlich getan habe. Also – egal. Oder was meint ihr?

Auch zu dieser Geschichte gehört ein Zitat der Woche. Wenn ihr es verpasst habt, könnt ihr es selbstverständlich nachlesen, indem ihr im Menü unter Zitat der Woche – Woche 11 nachschaut.

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ und/oder einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 😊

Viel Vergnügen beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von Kerstin Steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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