Der Mond und das Meer

Schon Vincent Van Gogh stellte fest, dass das Herz der Menschen vergleichbar ist mit dem Meer. So sind auch wir manchmal stürmisch und aufbrausend wie die Gischt, dann wieder verschlossen und tief, wie der Meeresgrund. Genauso können wir besonders und unvorhersehbar sein, wie die verschiedenen Teile des Ozeans. Gelegentlich weisen wir all diese Eigenschaften auch zur selben Zeit auf. Vor allem dann, wenn unsere Gefühle für uns selbst nicht eindeutig einzuordnen sind, wie es bei besondere Gegebenheiten der Fall sein kann. Mit einem Mal erscheint alles sinn- und hoffnungslos, wodurch sich das Herz verschließt und erst wieder öffnet, wenn jemand anderes Einlass darin begehrt und findet.

Die Stärke des Einzelnen

Vor tausenden von Jahren, als die Welt noch einfacher war als heute, lebte ein junger Mann im Einklang mit der Natur. Er verhielt sich stets freundlich, war charmant und war stark wie tausend Krieger. Gleichzeitig fiel er durch seine selbstlose Hilfsbereitschaft auf, weshalb jedermann ihn gern mochte und verehrte. Er schien perfekt zu sein, ein Vorbild, dem nachzueifern es sich anschickte. Doch bei genauerem Hinsehen konnte man nicht umhinkommen seine Meinung zu ändern, denn der erste Eindruck täuschte. So waren Liebe oder Leid dem jungen Mann völlig fremd. Nie hatte er die Möglichkeit gehabt, Erfahrungen darin zu sammeln, weshalb man es ihm schlecht zum Vorwurf machen konnte. Auch konnte er mitunter ziemlich aufbrausend und unbekümmert sein, wenn er mit anderen zusammen war. Dennoch, sein Herz war das eines guten Mannes.

Zu seinen liebsten Beschäftigungen gehörte mitunter das Rangeln mit Tieren. Häufig maß der junge Mann seine Kraft mit Bären, Wölfen oder sogar Elefanten. Die Gegner stellten sich einander gegenüber und die Zuschauer versammelten sich um sie herum. Dann ging es los. In wenigen Runden, angefeuert durch begeisterte Zurufe, besiegte der Mann ausnahmslos jedes Tier. Nie gewann ein anderer. Nun könnte man annehmen, dass der Reiz durch diesen Umstand irgendwann für ihn verloren ging, doch nahm er trotzdem weiterhin jede Herausforderung an, die man ihm gegenüber vorgebrachte. Nie lehnte er ab, wodurch ihn die Tiere noch mehr bewunderten. Auch das er jederzeit bereit war, ihnen in der Not zu helfen, trug zu seiner Beliebtheit wesentlich bei. So half er Schafen bei der Suche nach neuen Weideplätzen oder spielte eine wesentliche Rolle bei der Errichtung der Dämme von Bibern. An manchen Tagen hielt er sogar den Flugunterricht für Störche und Kraniche, wenn der eigentliche Lehrer verhindert war. Kurzum, der junge Mann war stets zur Stelle, wenn es von ihm erwartet wurde.

Die Störung der Regelmäßigkeit

Eines Tages befand sich der junge Mann gerade im Wald und sammelte Beeren für einige kranke Tiere, als er durch das wütendes Krächzen der Krähen abgelenkt wurde. Sofort ließ er alles stehen und liegen und lief los, zum Ursprung des Lärms. In seiner Vorstellung bedrohte jemand die Nistplätze seiner Freunde, die sie auf einer kleinen Lichtung in der Nähe aufgeschlagen hatten. Umso überraschter war er, als er dort ankam. Denn er sah, dass die Krähen sich zusammengerottet hatten und auf ein wehrloses Opfer ein pikten, dass hilflos am Boden kauerte. Dabei beschimpften sie es hemmungslos und nahmen dabei nicht einmal das Erscheinen des jungen Mannes wahr. „Was soll das? Was tut ihr da?“, schrie er schließlich laut, um sich Gehör zu verschaffen. „Ein Eindringling möchte unsere Eier stehlen.“, kreischte eines der Tiere. „Genau! Sie ist aus dem Nichts aufgetaucht und wollte unsere Bäume erklimmen.“, rief ein anderer. Der junge Mann befahl den Krähen zur Seite zu gehen und trat näher an den Störenfried heran, der immer noch am Boden saß. Verblüfft erkannte er eine junge Frau, deren langes silbernes Haar unheimlich hell leuchtete, selbst im fahlen Licht des Morgentaus. „Schon gut, nehmt Abstand und lasst unseren Gast erklären. Vielleicht ist alles nur ein großes Missverständnis.“, meinte er dann weise und half ihr beim Aufstehen.

Die Krähen hatten ganze Arbeit geleistet. Die Arme und Beine der Frau bluteten aus zahlreichen Schnittwunden. Doch das Blut war nicht rot, wie das des Mannes, sondern eigenartig silbrig, genau wie das Haar der Frau. „Was bist du nur?“, fragte er sie verwirrt. Da deutete die junge Frau zuerst auf sich und dann in den Himmel, was aber weder der Mann noch die Krähen verstanden. Erst mit der Zeit wurde ihm klar, dass sie wohl stumm war und sich nicht auf dem herkömmlichen Weg erklären konnte. „Ich verstehe leider nicht. Aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Komm, lass mich erst einmal deine Wunden versorgen.“, meinte er stattdessen und führte sie zum nahgelegenen Bach, wo er vorsichtig die Kratzer säuberte.

„Tut mir leid, dass dich die Krähen attackiert haben. Im Grunde sind sie friedliche Tiere, wenn man ihren Nistplätzen nicht zu nahekommt. Was wolltest du nur dort?“, erklärte der junge Mann nach einer Weile des Schweigens. Die Frau starrte ihn an und schien zu überlegen, wie sie sich verständlich machen sollte. Dann bemerkte sie einen abgebrochenen Ast in ihrer Nähe, nahm ihn zur Hand und malte mit dem spitzen Ende in die Erde. Je länger sie malte, desto klarer wurde dem junge Mann, dass es sich bei der Frau um niemand geringeren als den Mond handelte. „Aber wie bist du zur Erde gekommen?“, fragte er verzagt, unsicher ob er ihr glauben konnte oder nicht. Die Frau malte weiter und er erfuhr, dass eine verirrte Sternschnuppe sie vom Himmel geholt hatte, indem sie mit voller Wucht gegen sie geprallt war. „Aber das ist ja furchtbar! Du musst doch sicher wieder zurück. Weißt du wie?“, wollte er wissen. Doch die Frau seufzte nur und schüttelte traurig den Kopf. „Gut, dann wollen wir jemanden um Rat fragen. Ich weiß auch schon wen. Komm.“, meinte der junge Mann und reichte ihr die Hand.

Zurück in den Himmel

Gemeinsam liefen sie durch den Wald, bis sie zu einem sehr alten Baum kamen. Dort ließ der junge Mann die Frau warten, während er den Stamm hochkletterte und neben eine kleine Aushöhlung klopfte. Kaum hatte er wieder den Boden erreicht, als ein betagter Uhu den Kopf aus dem Loch steckte. „Was willst du? Wieso störst du meinen Schlaf? Komm wieder wenn es dunkel ist.“, krächzte dieser ungnädig. „Lieber Weiser, du musst uns helfen. Bei dieser Frau handelt es sich in Wahrheit um den Mond, der vom Himmel gestürzt ist. Weißt du, wie sie wieder dorthin zurückkommt?“, fragte der Mann unbeirrt. „Der Mond? Du meine Güte, dann muss sie ja sofort zurück! Nicht auszumalen, wie die Welt sich verändert, wenn es dunkel wird und kein Mond die Nacht prägt. Gehen wir sofort an die Arbeit. Ich hole Hilfe und ihr sammelt langes, dickes Gras, dass ihr zu einem dicken Seil verknüpft. Beeilt euch, wir haben nur noch wenig Zeit.“, schrie das Tier und flog sofort los. Gehorsam machten sich das Paar an die Arbeit. Es dauerte Stunden, bis sie ein ansehnliches Stück Tau hergestellt hatten. Sie beendeten gerade die Arbeit, als der Uhu zurückkam. „Gut, das sieht ganz passabel aus. Folgt mir jetzt, die Zeit drängt. Vergesst nicht den Strang mitzunehmen und beeilt euch.“, sprach dieser und drängte zum Aufbruch.

Zügig führte er sie aus dem Wald, auf eine große freie Fläche. Dort warteten unzählige Vögel, darunter Adler, Störche, Krähen, Kraniche und Gänse. Der Uhu wies jeden von ihnen an, ein Stück Seil zu nehmen, bevor er der Frau befahl, sich in eine kleine, frei gebliebene Kuhle in der Mitte zu setzen. „Meine Freunde werden dich zurück nach Hause bringen, wo du wieder zum Mond werden kannst. Aber pass auf! Falls du noch einmal auf die Erde zurückkommst, wird es keine Rückkehr mehr für dich geben. Dann bleibst du für immer und ewig ein Mensch.“, erklärte das Tier nachdrücklich. Der junge Mann fühlte sich bei diesen Worten unbehaglich. Insgeheim hatte er darauf gehofft, die Frau irgendwann wiedersehen zu können. Doch er verstand auch, wie wichtig es war, dass sie zu ihresgleichen zurückkehrte. Daher trat er vor und sprach: „Dann ist jetzt wohl die Zeit für den Abschied gekommen. Ich wünsche dir alles Gute. Niemals werde ich dich vergessen.“ Gerührt umarmte die junge Frau ihr Gegenüber und küsste ihn, bevor sie zurück zum Tau lief und den Vögeln das Zeichen gab, loszufliegen. Auf ihren Wangen glitzerten dabei tausend Tränen. Als die Formation langsam höher flog, brach die Nacht herein. Kurz darauf gab es einen grellen Blitz und der Mond ging in seiner vollen Pracht am Himmel auf.

Endlose Sehnsucht und eine endgültige Lösung

Wochen vergingen und der junge Mann veränderte sich sehr. Alles was er früher gerne getan hatte, fühlte sich nun wie eine Last an. Er konnte sich zu nichts mehr aufraffen, da er nichts Anderes mehr empfand, außer Sehnsucht. Um wenigstens das Gefühl zu haben, bei der Frau sein zu können, gewöhnte er sich an, tagsüber zu schlafen und nachts ihre Silhouette in Form des Mondes am Himmel zu betrachten. Seinen Freunden entging sein Kummer nicht. Sie versuchten ihm zu helfen und ihn in ihre Aktivitäten mit einzubeziehen, aber es war hoffnungslos. Verzweifelt wandten sie sich an den Uhu. „Was wollt ihr, er ist eben verliebt! Dagegen gibt es kein Mittel. Und so wie ich das sehe, war sie auch in ihn verliebt, was das Ganze noch tragischer macht. Aber sie können niemals zusammen sein, schlagt euch das aus dem Kopf. Sie muss ihre Pflicht erfüllen, sonst ist alles aus. Die Welt kann nicht ohne den Mond überleben.“, wiegelte dieser sie jedoch ab. „Aber irgendwas muss passieren, so kann es nicht weitergehen.“, rief ein Bär in die Runde. „Nein, in der Tat. Vielleicht gibt es etwas, das hilft. Aber das ist seine Entscheidung und die wird endgültig sein.“, sprach der Uhu.

Noch in derselben Nacht suchte er zum Geplagten auf. Dieser saß auf der Kante eines hohen Felsens und ignorierte alles um sich herum, so auch die gefährliche Tiefe unter ihm. „Wir müssen uns unterhalten.“, befand der Uhu. Der Angesprochene antwortete nicht. „Ich bin gekommen um zu fragen, wie du dich fühlst.“, sprach das Tier weiter. Da sah ihn der junge Mann voller Schmerz an. „Wie ich mich fühle? Ich bin am Ende, so sehr vermisse ich sie. Sag mir, kann ich irgendwas dagegen tun und sie gar wiedersehen?“, fragte er mit Tränen in den Augen. „Ja, es gibt einen Weg, deinen Kummer auszulöschen. Aber dafür musst du alles aufgeben. Dein Leben, deinen Körper, deine Freunde.“, sagte der Uhu weise. „Das will ich tun.“, stimmte sein Gegenüber ohne nachzudenken zu, woraufhin das Tier verständig nickte. „Stell dich an den Felsvorsprung. Schließe deine Augen und denke ganz fest an den Mond. Stell dir ihr Leuchten, ihre Berührung und ihr Lächeln vor. Wenn dein Herz es kaum noch aushält, musst du springen.“, erklärte er weiter. Der Mann stand sofort auf. Bevor er sprang, drehte er sich noch einmal zum Uhu um. „Hab Dank, für alles.“, meinte er weinend vor Glück und ließ sich fallen.

Noch während er in die Tiefe stürzte, verwandelte sich sein Körper in Wasser, dass immer mehr und mehr wurde, sobald es die Erde berührte. Daraus entstand der Ozean, der das Land von dieser Nacht an für immer umschloss. Die Tränen des Mannes hatten das Wasser salzig werden lassen, was jedoch einige Landbewohner nicht davon abhielt, sich in ihm anzusiedeln und als Meeresbewohner weiter zu leben. Am Tag lag das Meer zumeist ruhig da und ergab sich den Gezeiten. Doch sobald es Nacht wurde und der Mond aufgegangen war, konnte es sich auch von seiner stürmischen Seite zeigen. Der Mond hingegen strahlte heller als je zuvor. Wenn ihn seine Kraft verließ, wechselte er seine Form und nahm ab, bis er erneut genug Kraft hatte, um sich langsam wieder zu füllen. Auf diese Weise zeigte der Himmelskörper seine Verbundenheit mit dem unter ihm liegenden Wasser. So war der Wunsch des Mannes letztendlich wahr geworden. Er konnte zwar nicht direkt mit dem Mond zusammen sein, war aber durch den gegenseitigen Einfluss, den sie aufeinander hatten, für immer ein Teil des Angebeteten.

K.ST.

Gedanken der Autorin:

Obwohl das Bild den stürmischen Ozean bei Nacht zeigt, vermittelt es mir Urlaubsgefühle. Dabei war ich schon seit mehreren Jahren nicht mehr am Meer, da ich Städtereisen diesem normalerweise vorziehe. 😅

Trotz allem steht das Meer für mich immer noch für Freiheit und Abenteuer, Zügellosigkeit und Unberechenbarkeit, aber auch für Entspannung und Ruhe, Leben und Überraschung. Diese Gegensätze scheinen bei erster Betrachtung unüberwindbar zu sein. Besieht man sie sich aber näher und bringt es in Zusammenhang mit dem Zitat von Vincent Van Gogh (siehe Menü > Zitat der Woche > Woche 9) , kann man jedoch erkennen, dass das Unmögliche tatsächlich gar nicht unmöglich ist. Denn der Punkt, der alles vereint, ist der Ozean selbst.

Genug der „philosophischen Ergüsse“ – viel Spaß beim Lesen.

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Viel Vergnügen beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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