Auf der Suche nach dem Glück

Es liegt in der Natur der meisten Menschen, glücklich sein zu wollen. Durch dieses starke, positive Gefühl fühlt man sich besser und ist zufriedener mit seinem Leben. Die Frage, wie man Glück herbeirufen kann, ist jedoch äußerst schwierig zu beantworten, da Glück sehr subjektiv empfunden wird. Noch schwerer hingegen ist es herauszufinden, wie der Zustand permanent beibehalten werden kann.

Im Normalfall fühlen die Meisten zumindest einmal in ihrem Leben Glück. Allerdings gibt es auch solche, denen kein Glück bestimmt ist. Diese verzweifeln oftmals daran oder wollen es erzwingen, wodurch allerdings kein Glück, sondern Unglück sie verfolgt. Erst wenn diese Personen Abstand nehmen, kann ihr Leben noch ein gutes Ende nehmen. Nur fällt es in der Regel sehr schwer, etwas für immer aufzugeben, dass man sich so sehr wünscht.

Das Pech auf den Fersen

Vor vielen, vielen Jahrhunderten lebte ein junger Mann mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in einem kleinen Dorf am Rande eines großen Gebirges. Als ältestes Kind musste er Vater und Mutter schon früh bei der Arbeit zur Hand gehen. So begleitete er sie zur Feldarbeit, kochte Essen für die Familie und kümmerte sich um die jüngeren Brüder und Schwestern. Wenn er nicht damit beschäftigt war, wusch er Wäsche oder kaufte ein. Das alles war für ihn selbstverständlich, da die Eltern wenig Zeit hatten und er so das Gefühl hatte, seinen Beitrag leisten zu können. Nur fielen ihm seine unzähligen Aufgaben sehr schwer. Grund dafür war nicht etwa, dass er faul oder unwillig gewesen wäre. Bloß verfolgte ihn bei jedem Schritt den er tat, das Pech.

Sooft er zum Beispiel zum Brunnen lief, um mit einem an einem Seil befestigten Eimer Wasser zu schöpfen, löschte sich jedes Mal das Seil und der Eimer fiel hinab in den Brunnenschacht, wo er auf nimmer Wiedersehen verschwand. Auch war es durchaus nicht unüblich, dass der junge Mann einen Weg entlanglief und sich als Einziger einen Nagel eintrat, der sich von einem vorbeifahrenden Wagen oder einer Pferdehufe gelöst hatte. Niemand konnte sich erklären, woher sein Pech kam. Die Familie und die Dorfbewohner waren ratlos, während der Betreffende das Unglück verfluchte und sich nach Erlösung sehnte.

Eines Tages kam es dann zur Katastrophe. Der junge Mann tätigte spät abends seine Einkäufe, als ein Reiter auf einem stattlichen Pferd neben ihm hielt. Dieser bat darum, seinem Tier eine Karotte zu reichen, die auf dem Gemüsestand vor ihm ausgestellt waren. Hilfsbereit griff der Einkaufende in den Korb mit dem orangefarbenen Gemüse, zog jedoch völlig überraschend keine Mohrrübe, sondern eine Schlange heraus, die bei der frühmorgendlichen Ernte in den Korb gekrochen war und ihn zu allem Überfluss auch noch biss, bevor sie sich losmachte und über den Boden davonkroch. Das Pferd geriet durch das Auftauchen des Reptils in Panik, bockte, warf den Reiter ab und trampelte alles in seinem Umkreis nieder. Dabei erwischte es mit einer Hufe eine Lampe, die auf den mit Stroh bedeckten Boden fiel und es sofort entzündete. Obwohl die Dorfbewohner sofort herbeieilten, um das Feuer zu löschen, konnten sie nicht verhindern, dass in dieser Nacht das halbe Dorf den Flammen zum Opfer fiel. Wie durch ein Wunder wurde jedoch niemand verletzt.

Am nächsten Morgen packte der junge Mann seine Sachen. Er gab sich die Schuld für die Ereignisse, weshalb er seine Heimat für immer verlassen wollte. Die Eltern und Geschwister weinten bitterlich bei der Abreise, doch der Mann meinte tröstend: „Nehmt es nicht schwer. Ich komme wieder, wenn ich das Glück gefunden habe. Irgendwo muss es schließlich auf mich warten. Niemand kann immer nur Pech haben.“ Er winkte ihnen ein letztes Mal zu und machte sich dann auf den Weg.

Eine hoffnungsvolle Aussicht

Dadurch, dass er wenig Gepäck mit sich führte, kam der junge Mann schnell voran. Innerhalb eines Tages hatte er das Gebirge zur Hälfte umrundet. Des Abends beschloss er in einem Wirtshaus Rast zu machen, dass unweit der Straße lag. Als er beim Wirt seine Bestellung aufgab, hörte er, wie einige Kaufleute von den Geschehnissen in seinem Heimatdorf erzählten. „Völlig niedergebrannt, sage ich dir. Wegen eines einzigen Mannes. Hoffentlich begegnet der mir niemals. Nicht das sein Pech noch auf mich abfärbt.“, erklärte einer von ihnen lautstark der ganzen Runde. „Wenn ich so viel Pech hätte, würde ich mich von jeder Menschenseele fernhalten. So jemand ist doch gemeingefährlich.“, stellte ein anderer fest. Der junge Mann zog den Kopf ein und betete, dass das Pech ihn ausnahmsweise nicht finden würde. Doch die Hoffnung war vergebens. Die hübsche Wirtstochter brachte gerade seinen Teller Eintopf, als ihr der Suppenlöffel zu Boden fiel. Hilfsbereit bückte sich ihr Gast, um ihn aufzuheben, als die Naht seines Hosenbodens der Länge nach aufriss, was im ganzen Gastraum zu hören war.

Während der Unglücksrabe versuchte seine Blöße zu bedecken, lachten und spotteten die Anwesenden über sein Unglück. Nur das junge Mädchen hatte Mitleid und nahm den Mann mit in ein Hinterzimmer, wo sie ihm eine neue Hose reichte. „Hier, nimm dies. Du musst es nicht bezahlen, ich schenke sie dir. Meinem Vater ist sie ohnehin zu klein. So ein Pech aber auch, dass gerade diese Naht reißen musste.“, sprach sie nachdenklich. „Das ist schon mein ganzes Leben so. Daher bin ich ausgezogen, um das Glück zu suchen.“, meinte der junge Mann missmutig. „Hier, fürchte ich, wirst du es nicht finden. Aber ich habe gehört, dass im Gebirge eine mächtige Hexe leben soll, die Menschen allerlei Wünsche erfüllen kann. Warum versuchst du nicht, Sie zu finden?“, schlug sie vor. „Wirklich? Das will ich gleich versuchen.“, rief ihr Gegenüber und verließ das Wirtshaus auf der Stelle.

Auf der Suche

Am nächsten Morgen hatte der junge Mann das Gebirge erreicht. Voller Hoffnung begann er einen steilen Pfad hinaufzusteigen. Mehrmals wäre er dabei fast abgestürzt, doch er kletterte weiter. Selbst als die Bänder seines Rucksacks rissen und sein gesamtes Hab und Gut in der Tiefe verschwand, gab er nicht auf. Erst Stunden später legte er eine Pause ein, denn auch wenn er es sich nur schwer eingestehen konnte, machten sich in ihm letzten Endes doch Zweifel über sein Unterfangen breit. Das anfänglich Gefühl der Hoffnung war restlos verbraucht und Verzweiflung hatte sich seiner bemächtigt. Während er so dasaß, fragte er sich, wie er ohne Ausrüstung in dieser kargen, felsigen Umgebung überleben sollte und dachte sogar darüber nach, umzukehren und das ganze Vorhaben zu vergessen. Doch im nächsten Moment riss sich der junge Mann wieder zusammen und schalt sich selbst einen jämmerlichen Narren. Er hatte gar keine andere Wahl, als weiterzumachen. Ohne Glück würde er niemals zu seiner Familie zurückkehren oder gar eine eigene gründen können. Also stand er wieder auf und kletterte weiter.

Nachdem er mit letzten Kräften das Hochplateau erreicht hatte, fand er sich einer dichten Nebelwand gegenüber. Dieser nahm ihm jegliche Sicht, sodass er sich nur langsam vorwärtsbewegen konnte. Kurz darauf stieß er gegen einen festen Gegenstand, den er in der Dunkelheit nicht gesehen hatte. Bei genauerem Hinsehen erkannte der junge Mann, dass er gegen die Seite eines Ochsen geprallt war. Verwirrt betrachtete er das Tier, als ein alter Mann auf ihn zukam. „Sieh an, ein Besucher. Was treibt dich so tief ins Gebirge? Nicht das ich mich beschwere will. Es ist immer schön hier auf einen anderen Menschen zu treffen.“, sprach dieser und half dem Gestürzten auf. Sofort bestürmte der Unglücksrabe den Alten und befragte ihn zum Wohnort der Hexe. Der Greis lauschte aufmerksam, schüttelte aber dann traurig seinen Kopf. „Das ist doch nur ein Märchen, Junge. Ich komme jeden Sommer seit fast fünfzig Jahren mit meinem Vieh hierher, damit es sich an der gesunden Vegetation fett fressen kann. Nie habe ich dabei eine Hexe getroffen. Schlag dir das lieber aus dem Kopf.“, meinte der Hirte behutsam. Doch der junge Mann wollte davon nichts hören. Er verabschiedete sich und setzte stur seine Suche fort.

Die Hexe

Tage später musste er jedoch einsehen, dass der Alte recht gehabt hatte. Nachdem er das ganze Gebirge abgesucht hatte, stand fest, dass es hier keine Hexe gab oder jemals gegeben hatte. Voller Trauer wollte er sich daher an den Abstieg machen, als plötzlich und ohne jede Vorwarnung der Boden unter ihm wegbrach. Ohne es zu wissen war er auf einen natürlichen Karst gestoßen, durch den er mehrere Meter tief stürzte. Wie durch ein Wunder verletzte er sich nicht schwer, war jedoch in der soeben entstandenen Höhle gefangen. Die Wände waren zu glatt, um ohne Hilfe daran hinaufklettern zu können. Da packte den jungen Mann die Wut. Er schrie sein Leid in die Welt hinaus, bis er weinend zusammenbrach. Krächzend verfluchte er die Wirtstochter und die Hexe, die er für alles verantwortlich machte. Da erfüllte das Geräusch von Hufgeklapper die Grube.

„Hilfe! So bitte helft mir doch!“, rief er sofort. „Was schreist du so? Ich bin nicht taub. Das du mich dermaßen verfluchst, wäre nicht nötig gewesen. Ein einfacher Ruf hätte völlig genügt.“, antwortete ihm eine rauchige Stimme. Kurz darauf kam ein altes verhutzeltes Weiblein in Sicht, dass auf dem Rücken eines Gamsbocks saß. Staunend starrte der Pechvogel zu ihr hoch. Dann riss er sich zusammen und brachte sein Anliegen vor. „Tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann dir nicht helfen. Denn weißt du, die Sache liegt nicht bei mir, sondern bei dir.“, erklärte sie, nachdem er geendet hatte. „Was? Ich habe doch nichts getan, um solches Pech zu verdienen. Wie kann ich also selbst etwas daran ändern, wenn ich es nicht verschuldet habe?“, schrie der junge Mann zornig. „Indem du das Unglück akzeptierst und aufhörst nach dem Glück zu suchen. Dann wird es dich finden. Und jetzt komm, ich helfe dir aus deinem Loch.“, sprach sie weise und ließ ihren Worten Taten folgen. Kaum hatte der Unglücksrabe wieder festen Boden unter seinen Füßen gefasst, verabschiedete sie sich auch schon. „Denk an meine Worte. Dann wird es dir gut ergehen.“, meinte sie zum Abschied und ritt auf der Gams davon.

Der letzte Schritt

Niedergeschlagen machte sich der junge Mann auf den Rückweg. Völlig unerwartet geschah ihm dabei kein weiteres Unglück, weshalb er relativ schnell zurück in das Tal kam. Nur eine undurchdringbare und anhaltende Trauer war sein Begleiter. Am Fuß des Gebirges überlegte er kurz, wohin er sich wenden sollte, entschied dann aber, dass es sowieso keine Rolle spielte und lief los. Als das Gasthaus in Sichtweite kam, ging er einfach daran vorbei. Niemals würde er dorthin zurückkehren und dessen Bewohnern sein schreckliches Schicksal aufbürden, auch wenn er sich sehr nach der Gesellschaft des Mädchens sehnte. Nach Hause konnte er aber auch nicht laufen. Seine Eltern erwarteten sicher, dass er mittlerweile ein Glückspilz war und ihre Enttäuschung würde er nicht ertragen können. In diesem Moment kam ihm die Worte der Hexe in den Sinn und er verstand endlich, was sie gemeint hatte. Statt sich zu quälen und für alles verantwortlich zu fühlen, was aufgrund seines Pechs passierte, sollte er es lieber als solches anerkennen und seinen eigenen Weg gehen musste und nicht den, den ihm das Unglück aufzwang.

Diesem Gedanken hing er nach, als er stolperte und der Länge nach hinfiel. Benommen setzte er sich anschließend auf und entdeckte nicht weit von sich entfernt einen umgekippten Wagen, dessen Inhalt über die ganze Straße verteilt und über den er soeben gestolpert war. Neben dem verunglückten Fahrzeug lag ein schwer verletzter Mann, zu dessen Hilfe er sich sofort aufmachte. „Welch ein Glück das du mich auf dieser wenig befahrenen Straße gefunden hast. Ohne dich wäre ich sicher gestorben.“, schluchzte der Händler erleichtert. „Glück? Ja, das war es wirklich, nicht wahr?“, wunderte sich der junge Mann. Fassungslos brachte er den Verletzten zum Wirtshaus, wo seine Wunden auf der Stelle versorgt wurden. Zum Dank schenkte ihm der Händler einige Goldstück, bevor er sich in die Obhut des Arztes zurückzog. Auch der Wirt war überaus froh den jungen Mann zu sehen. Er war mit Arbeit überlastet und bot ihm eine gut bezahlte Anstellung, die dieser gerne annahm.

Während der nächsten Wochen passierte nicht nur kein Unglück, sondern es entstand auch eine starke Liebe zwischen dem jungen Mann und der Wirtstochter, weshalb sie sich schon bald darauf die Ehe versprachen. Zur Hochzeit trafen die Eltern und Geschwister ein, die ihm überaus stolz zu seinem gelungenen Lebenswandel gratulierten. Auch die Hexe war dafür eigenes mit ihrer Gams vom Berg heruntergekommen. „Siehst du? Als du aufhörtest etwas erzwingen zu wollen, hat das Glück dich von ganz alleine gefunden.“, lachte sie munter und schloss sich den Feiernden an. Der vom Pechvogel zum Glückspilz gewordene Mann, konnte ihr nur Recht geben. Nie wieder folgte ihm das Unglück, sodass er bis an sein Lebensende der glücklichste und zufriedenste Mensch war, den es jemals auf dieser Welt gegeben hatte.

K.ST.

Die Geschichte entstand, als ich vor längerer Zeit ein Wochenende auf der Schneealpe in Niederösterreich verbracht habe. Das Wetter an diesen Tagen wechselte ständig zwischen Nebel, Sonne und stahlgrauen Wolken und die angenehme Tageswärme von gut 18-20 Grad, fiel nachts auf 0 Grad, weshalb ich wirklich froh war, die Nacht in einer warmen Hütte verbringen zu können, wo ich mich in angenehmer Gesellschaft bei köstlichstem Essen wirklich mehr als wohlgefühlt habe. Ich kann also nur hoffen, dass der junge Mann während seiner Tage im Gebirge auch irgendwo einen angenehmen Unterschlupf fand (wenn nicht – Schande über mein Haupt, dass ich ihn der Kälte, dem Hunger und dem schlechten Wetter ausgesetzt habe). 😄

Zur Geschichte gehört natürlich das Zitat der Woche, das ihr in seiner Gänze im Menü unter Zitat der Woche – Woche 7 jederzeit aufrufen und nachlesen könnt.

Wenn euch die Kurzgeschichte gefallen, könnt ihr mir sie gerne „liken“ und/oder gerne einen Kommentar dazu am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) hinterlassen. 😊

Viel Vergnügen beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: