Der Maskenmacher

Eine Maske zu tragen und das Gesicht zu verstecken, lernen wir schon in jungen Jahren, meint Isabel Allende. Und tatsächlich können Masken ein Hilfsmittel darstellen, um in und mit der Welt zurecht zu kommen. Denn sie bieten einem die Möglichkeit sein wahres Ich zu verstecken und etwas darzustellen, das man gar nicht ist. Besonders aus der Schauspielerei ist dieses Werkzeug nicht wegzudenken. Wenn man aber zu häufig eine Maske trägt, läuft man früher oder später auch Gefahr zu vergessen, wer man eigentlich ist und verlernt gleichzeitig, wie man ohne Maske im Leben vorwärtskommt. Viele die an diesem Punkt angelangt sind, suchen Hilfe bei den sogenannten Maskenmachern, die sie ihnen dann teuer verkaufen. Doch ob das Glück auf diese Weise wirklich zu einem zurückkommt und man zu seiner eigenen Persönlichkeit wieder zurückfinden kann, ist fraglich.

Das Wunderkind

Mehrere Jahrhunderte sind vergangen, seit in einem kleinen, weit entfernten Land ein ganz besonderer Junge das Licht der Welt erblickte. Schon als Kind zeigte sich, dass er in allen Dingen äußert talentiert war. Alles was er anfing, gelang sofort und wurde ohne Ausnahme zum Erfolg. Seine Eltern waren daher wahnsinnig stolz auf ihren Sohn. Sie hofften, dass er sie aus der fürchterlichen Armut befreien würde, in der sie lebten und ihnen eine bessere Zukunft brachte. Denn die Familie besaß nicht viel und zog als Wanderarbeiter durch das Land, wo sie gerade so viel verdienten, dass es für das Nötigste im Leben reichte. Aus diesem Grund setzten sie hohe Erwartungen in das Kind, welche dieses in jeder Hinsicht erfüllte.

Tatsächlich fiel es dem Jungen unglaublich leicht, das Elend aus dem er kam zu überspielen und die Menschen durch sein Schauspiel so von sich zu überzeugen, sodass sie ihn reich für seine Dienste belohnten. Es schien als könnte er in solchen Momenten jede beliebige Maske aufsetzen, die der Situation angemessen war und daraus seinen Vorteil ziehen. Wenn ihn die Mutter zum Beispiel mit zum Markt nahm, um Handwerkswaren zu verkaufen, setzte das Kind eine Maske mit ansprechendem Lächeln auf und pries alle Produkte so überzeugend an, dass sie im Nu ausverkauft waren. Sooft der Vater ihn auch in ein Gasthaus mitnahm und dort von ihm verlangte für die Gäste singen, tat der Knabe dies ohne Widerspruch. Er setzte die passende Maske auf und sang mit schwermütiger Stimme melancholische Lieder von enttäuschter Liebe und tragischen Schicksalen, wofür man ihn fürstlich belohnte. Auch bei der Feldarbeit schlüpfte er mithilfe einer Maske folgsam in die Rolle eines fleißigen Arbeiters, der allen zuvorkommend zur Hand ging und mit seinem Verhalten die Arbeitgeber begeisterte, die dann den Eltern weitere Aufträge verschafften.

Die traurige Wahrheit und eine fragwürdige Lösung

Doch des Nachts, wenn die Eltern längst schliefen, lag der Junge wach. Jeden Tag spürte er mehr, wie die Masken zu bröckeln begannen und durchlässiger wurden. Wenn sie sich ganz auflösen würden, wäre das eine Katastrophe für die Familie, da ohne sie das dringend benötigte Einkommen ausbleiben würde. Selbst das Wenige, dass sie besaßen, wäre dann für immer verloren. Das Kind konnte diesen Gedanken nicht ertragen und wollte die Erwartungen von Mutter und Vater nicht enttäuschen. So wälzte er sich Nacht für Nacht unglücklich und verzweifelt auf seiner Schlafstätte, bis er endlich erschöpft einschlief.

Als sich nach einem besonders anstrengenden Tag der Schlaf trotz allem nicht einstellen wollte, stand der Knabe schlussendlich auf und ging spazieren. Er wanderte ziellos durch die Landschaft, bis er an einen Fluss kam, wo er sich kraftlos niederließ. Erst nach einigen Minuten bemerkte der Junge, dass er nicht allein an diesem Ort war. Wenige Schritte neben ihm saß ein alter Mann, der an einem Stück Holz schnitzte. „Was macht Ihr da?“, fragte der Knabe neugierig. „Ich? Ich schnitze, das siehst du doch.“, antworte der Alte und lächelte verschmitzt. „Das sehe ich. Nur, woran genau arbeitet Ihr?“, präzisierte das Kind die Frage ungeduldig. Da lächelte der Fremde noch breiter. „An der Lösung deines Problems.“, meinte er dann kichernd. „Und wie soll die aussehen?“, wollte der Junge wissen, auch wenn ihm der Mann langsam unheimlich wurde. „Nun, wenn ich recht informiert bin, kannst du den Schein nicht mehr wahren. Deine Masken verschwinden und du kannst nichts dagegen tun. Ein Glück für dich, dass du mir begegnet bist. Ich kann dir nämlich eine Maske herstellen, die nie verschwindet und dir trotzdem alles bietet, was du dir nur wünscht.“, sprach der Greis und deutete auf das Stück Holz in seinen Händen.

Wie durch Zauberhand hatte es sich während des Gesprächs in eine kunstvoll gestaltete Maske verwandelt, die mit leuchtenden Farben und eindrucksvollen Muster versehen war. Ein Kunstwerk, dass seinesgleichen auf der Welt suchte. Sofort wollte sie der Knabe besitzen, doch dann zögerte er und fragte misstrauisch: „Und was wollt Ihr dafür?“ „Der Preis ist gering. Zu gegebener Zeit werde ich zu dir kommen und dich nach deinem Namen fragen. Wenn du ihn mir dann nennen kannst, ist deine Schuld bezahlt.“, sagte der Mann und hielt seinem Gegenüber die fertige Maske hin. Der Junge nahm sie vorsichtig entgegen, gebannt von der Energie, die davon ausging. „Und was passiert, wenn ich ihn dann nicht nennen kann?“, fragte der Knabe leise. Doch als er aufsah, war der Mann verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.

Die Wandlung

Früher als gedacht fand die Maske ihren Einsatz. Am nächsten Morgen erhielt die Familie von einem Adeligen den Auftrag, bei der Vorbereitung eines großen Festes zu helfen. Zusammen mit den Eltern sollte das Kind die Prunkräume des Hauses putzen, doch der Junge war müde und lustlos. Als er die Besorgnis von Vater und Mutter wahrnahm, zog er die Maske hervor und setzte sie ohne nachzudenken auf. Sofort war die Schwermütigkeit wie weggeblasen und der Arbeitseifer des Knaben kehrte zurück. In Windeseile waren alle Aufgaben erfüllt, was den Fürsten derart begeisterte, dass er mehr bezahlte als vereinbart gewesen war.

Abends feierte die Familie ihren Erfolg in einem Gasthaus, wo sich der Junge erneut durch seine gute Laune hervortat und den Mittelpunkt der Veranstaltung darstellte. Erst vor dem Schlafengehen bemerkte er, dass er die Maske immer noch trug und nahm sie ab. Mit einem Mal kehrten die Erschöpfung und Niedergeschlagenheit vom Morgen zurück, wenngleich er sich nicht erklären konnte, woher sie kamen oder wer er selbst eigentlich war. Es dauerte eine geraume Weile, bis der Knabe sich wieder an alles erinnerte. Verwirrt betrachtete er das Stück Holz und nahm zum ersten Mal die Gefahr wahr, die davon ausging. Er packte die Maske weg, mit dem festen Vorsatz sie niemals wieder zu benutzen.

Kein Erfolg ohne Preis

Die Wochen vergingen und die Situation der Familie verschlechterte sich zusehends. Die angeborene Fähigkeit des Jungen war endgültig verschwunden und ließen ihn hilflos zurück. Die Eltern erhielten kaum mehr Aufträge, wodurch das Geld immer knapper wurde. Als die Mutter auch noch krank wurde und teure Medizin benötigte, beschloss der Knabe die Maske doch wieder zu benutzen, auch wenn er die Konsequenzen dafür tragen musste. Von einem Tag zum anderen änderte sich die Lage erneut. Die Mutter wurde schlagartig gesund und die Arbeit häufte sich, sodass die Familie sehr gut verdiente. Es reichte sogar aus, um ein kleines Häuschen am Rande einer großen Stadt zu kaufen und sesshaft zu werden. Doch jedes Mal, wenn der Junge die Maske nach deren Benutzung ablegte, dauerte es länger, bis er sich wieder daran erinnern konnte, wer er war und weshalb er sie trug. Immer wieder schwor er sich deshalb, sie zum letzten Mal benutzt zu haben. Ein Schwur den er am darauffolgenden Tag sofort wieder brach.  

Eines Tages erkannte die Mutter den Ernst der Lage und stellte ihren Sohn zur Rede: „Liebes Kind, was ist nur mit dir? Seit Stunden sitzt du unbeweglich da und starrst vor dich hin. Hast du Sorgen? Bitte sprich doch mit mir.“ Da lächelte der Junge und fragte: „Wer seid Ihr gute Frau?“ Erschrocken sprang die Frau auf und rief verzweifelt nach dem Ehemann. „Schau nur, etwas Schlimmes ist geschehen. Er erkennt mich nicht wieder.“, versuchte sie verzweifelt zu erklären. Zuerst wollte ihr der Mann kein Wort glauben, doch als er ihr Gerede überprüft hatte, musste auch er schweren Herzens einsehen, dass der Junge ihn nicht mehr kannte. Dann erblickte er die Maske. „Junge, von wem hast du das bekommen?“, fragte der Vater ängstlich. „Ein alter Mann gab sie mir. Er sagte, dass ich damit auch weiterhin alles tun könnte, was ich wollte und es mir gelingen würde.“, antwortete der Knabe gleichgültig. „Um Himmels willen, weißt du denn nicht was das ist? Das ist eine dämonische Maske! Sie mag zwar Gewinn bringen, nimmt dir aber genauso viel. Was war der Preis dafür?“, wollten die Eltern wissen. Da erzählte der Sohn die ganze Geschichte.

„Was sollen wir nur tun? Er erinnert sich nicht mehr an sich selbst.“, weinte die Mutter hemmungslos, während sie das Kind in ihrem Armen wiegte. Der Vater hielt die Maske traurig in den Händen. Er konnte kaum glauben, was sein Sohn alles für ihn und seine Frau zu opfern bereit gewesen war. Da fiel ihm die Lösung wie Schuppen von den Augen. Gleich darauf holte er ein Stück Holz und sein schärfstes Messer.

Eine unvorhergesehene Täuschung und das Ende des Maskenmachers

 Am nächsten Morgen arbeitete die Familie gerade im Garten, als ein alter Mann auf sie zutrat. „Wer bist du und was willst du?“, fragte der Vater unfreundlich. „Nur jemand, der Arbeit anzubieten hat.“, antwortete dieser lächelnd und deutete auf einen mit Holz beladenen Karren am Ende des Weges. „Wenn ihr es bis zum Abend schafft, das Holz zu hacken und ordentlich auf meinem Gefährt zu schlichten, will ich euch alle fürstlich belohnen.“, sprach der Fremde dann. Misstrauisch betrachteten die Eltern den Alten, doch der Sohn setzte die Maske auf und begann zu arbeiten, wodurch sie gezwungen waren, mitzuhelfen. Nach einer Weile schlenderte der Greis zum Kind. „Du bist aber fleißig. So ein tatkräftiger Bursche wie du, hat doch sicher einen ebenso beeindruckenden Namen. Willst du ihn mir nicht nennen?“, fragte er lauernd.

Dieser sah ihn einen Moment lang verwirrt an, bevor er den Ärmel seines Hemdes zurückschob. Darunter kam ein dünner weißer Arm zum Vorschein, auf dem jemand etwas mit dicker schwarzer Tinte geschrieben hatten. „Mein Name lautet Nozomu. Das bedeutet Hoffnung.“, erklärte der Knabe glücklich und übergab dem Alten die Maske, so wie es ihm die Eltern eingebläut hatten. Verblüfft nahm sie der Fremde entgegen. Sie glich der im Gesicht des Kindes aufs Haar und so dauerte es einen Moment, bis der Greis die Täuschung erkannte. Das Kind trug nicht seine Maske, die er ihm einst gegeben hatte, sondern eine Replik, die der Vater in der vorangegangenen Nacht mit all seiner Kraft hergestellt hatte. Da er um seinen Preis betrogen worden war, schrie der Mann vor Zorn auf, bevor er in einer Staubwolke verschwand. Die Familie aber war gerettet.

Das Glück im Unglück

Es sollte noch Jahre dauern, bis der Junge sich wieder daran erinnerte, wer er einst gewesen war. Die Erinnerungen kamen langsam, jedoch stetig und er bedauerte letztendlich zutiefst, dass er einen Handel mit einem Dämon eingegangen war. Als Mahnung begann er mithilfe des Vaters selbst Masken herzustellen und spielte damit seine Geschichte allen Menschen vor. Auf diese Weise entstand im Land das Theater, von wo aus es sich in der ganzen Welt verbreitete. Die Familie hingegen wurde zu den bedeutendsten Maskenmachern, die noch über Generationen hinweg das Geschäft weiterführten. Nur selbst legten sie nie wieder eine Maske an, da ihnen stets im Gedächtnis blieb, welcher Preis zu zahlen war, wenn man sie zu lange trug.

K.ST.

Zu dieser Geschichte haben mich (unschwer zu erkennen😂) japanischen Nō-Masken inspiriert, die ich in meinem letzten Japanurlaub kennengelernt habe. Die Herkunft und Bedeutung der Masken ist faszinierend und überaus vielfältig, haben auf die Storyline aber tatsächlich wenig Einfluss gehabt. Zusammen mit dem Zitat der chilenisch-amerikanischen Autorin Isabel Allende, hat sich dann diese Erzählung ergeben. Ich hoffe ihr habt damit trotzdem euren Spaß.

Falls ihr das Zitat noch einmal in seiner Gänze nachlesen möchtet, findet ihr es im Menü unter Zitat der Woche – Woche 6.

Wenn euch die Geschichte gefällt, könnt ihr mir das gerne in den Kommentaren am Blog oder auf Social Media (Instagram: fabel.tastisch, Facebook: Fabel.tastisch) schreiben. 😊

Viel Vergnügen beim Lesen,

Eure Kerstin von fabel.tastisch

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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