Der leichtgläubige Kater

Leichtgläubigkeit wird oft mit den Begriffen Naivität oder Arglosigkeit beschrieben. Im Grunde ist jemand leichtgläubig, wenn er anderen leicht Vertrauen schenkt und ihnen glaubt, ohne die Aufrichtigkeit ihrer Worte anzuzweifeln. In vielerlei Hinsicht trifft dies auf kindliches Verhalten zu, aus dem man jedoch mit der Zeit herauswächst und dass man spätestens im Erwachsenenalter endgültig ablegt. Wenn allerdings nie gelernt wird, dass Leichtgläubigkeit mit Vorsicht walten gelassen werden muss, kann es schnell zu ernsthaften Problemen kommen. Denn bestimmte Menschen nutzen Personen mit dieser Charaktereigenschaft gerne aus, indem sie sie manipulieren und zu Taten verleiten, die schwere Konsequenzen nach sich ziehen können und in die sich die Betreffenden hilflos verstricken.

Die Katzenmutter und ihre Jungen

Vor vielen Jahrhunderten lebte eine Katzenmutter zusammen mit ihren Jungen am Rande eines großen Waldes. Die Mutter war ein äußerst stolzes Tier, da sie dafür bekannt war, alle ihre Kätzchen zu starken, selbstständigen Tieren zu erziehen, die selbstbewusst das Leben in die Hand nahmen. Auch diesmal hatte sie einen vielversprechenden Wurf aus sieben kleinen Kätzchen zur Welt gebracht, die alle munter und gesund waren. Nur das Jüngste bereitete ihr ziemliche Sorgen. Immer wieder zog es den Kürzeren gegenüber den Geschwistern, da es jedem leichtgläubig Vertrauen entgegenbrachte, auch wenn derjenige es gar nicht verdient hatte . Aus diesem Grund war die Mutter strenger mit ihm, als mit ihren übrigen Kindern. Denn sie war überzeugt davon, dass die Leichtgläubigkeit für das Junge irgendwann böse enden würde.

Die Leichtgläubigkeit

Mit der Zeit wuchsen alle Kätzchen zu starken Tieren heran. Die Erziehung der Mutter trug bei jedem Früchte, außer bei ihrem Sorgenkind. Egal was sie auch versuchte, sie schaffte es einfach nicht ihm die Leichtgläubigkeit auszutreiben. „Du musst endlich aufhören derart naiv und arglos durch die Welt zu laufen.“, schimpfte die Katzenmutter stets, wenn die Eigenschaft wieder einmal negativ zutage trat. Doch das Junge, ein Sohn, verstand einfach nicht was sie meinte, weshalb sich letztendlich nichts änderte. Seine Geschwister hingegen machten sich aus der Arglosigkeit ihres Bruders häufig einen Spaß, da sie sich dadurch besonders schlau und überlegen fühlten.

So erzählte die älteste Schwester dem Bruder eines Tages, dass es unglaublich gesund für seinen Rücken wäre, wenn der Kater nur noch auf den Hinterbeinen laufen würde. „Du kannst mir glauben, dadurch lebst du viel länger und gesünder, als wir alle zusammen.“, meinte sie ernsthaft und stieß die übrigen Geschwister an, die bei ihren Worten leise kicherten. Doch die Sorge, dass sie sich damit verraten würden, war unbegründet. „Ehrlich? Gut, dass du mich aufgeklärt hast. Dann will ich ab heute nur noch auf den Hinterbeinen laufen.“, sprach der Kater und begann sofort mit dem Üben. Stundenlang versuchte er auf den Hinterbeinen zu laufen, worüber sich seine Brüder und Schwestern sehr amüsierten. Als am Abend die Katzenmutter heimkehrte, war diese jedoch äußerst entsetzt. „Was tust du nur? Wieso läufst du so komisch? Du brichst dir noch den Hals, wenn du so weitermachst. Hör also sofort auf!“, rief sie ängstlich aus.

Verblüfft tat der Kater wie geheißen. „Wieso? Das ist doch gesund.“, sagte er dann verwirrt. „Wer hat dir nur solchen Unsinn eingeredet?“, fragte die Mutter empört. Da machten sich die Geschwister laut lachend davon. Im Gegensatz zur ihrem Sohn, verstand die Katzenmutter sofort, was passiert war und seufzte. „Du darfst nicht alles glauben, was man dir erzählt. Denk nach, bevor du etwas tust.“, erklärte sie nachdrücklich, „Und jetzt komm. Es ist Zeit zu essen.“

Die Welt und ihre Tücken

Als endlich der Tag gekommen war, die Mutter für immer zu verlassen, fiel allen der Abschied äußerst schwer. Trotzdem rissen sich die Geschwister irgendwann los und gingen ihrer Wege. Der Kater war der Letzte, der sich von der Katzenmutter verabschiedete. Ein letztes Mal nahm sie ihm das Versprechen ab, nicht mehr alles ungefragt zu glauben, was man ihm erzählte, bevor auch er endgültig loszog.

Der Kater wanderte mehrere Stunden bis er an einen tiefen Fluss kam. Am Ufer saßen zwei kleine Affen, die heftig miteinander stritten. Neugierig trat er näher und fragte nach dem Grund des Streits. Da verstummten die Streithälse. „Siehst du den Fluss? Wir wollen ihn überqueren, können aber nicht schwimmen.“, meinte der Größere nach einer Weile. „Ich kann schwimmen.“, stellte der Kater sachlich fest. Da sahen sich die Affen grinsend an. „Könntest du uns dann rüberbringen? So stark wie du bist, ist das sicher kein Problem für dich.“, bat der Kleinere in schmeichelndem Ton. „Klar. Aber ich kann immer nur Einen von euch auf meinem Rücken tragen. Also wird es etwas dauern, bis ihr beide auf der anderen Seite angekommen seid.“, sprach der Kater wohlwollend.

Gleich darauf ging es los. Das Wasser war kalt und der Grund äußerst schlammig, weshalb der Kater nur schwer vorankam. Die Sonne bereits sehr tief, als er endlich den zweiten Affen am gegenüberliegenden Ufer absetzte und erschöpft zusammenbrach. Das Fell des Katers war vom Flussschlamm völlig verdreckt und die Pfoten bluteten aus unzähligen kleinen Schnitten, die er sich an den scharfen Flusssteinen zugezogen hatte. Während er um Luft ringend dalag, waren die Affen hingegen bester Laune. Im Gegensatz zum Kater hatten sie nämlich gewusst, wie es um die Verhältnisse im Fluss bestellt war, weshalb sie sich gefreut hatten, als ein argloses Tier des Weges kam, dass sie ausnutzen konnten.

„Meine Güte, du siehst aber fertig aus. Weißt du, wir hätten sehr gut selbst durch den Fluss schwimmen können. Nur wollten wir die damit verbundenen Anstrengungen nicht auf uns nehmen. Na ja, es ist deine eigene Schuld, wenn du so leichtgläubig uns gegenüber bist. Hättest du dich mal besser vorher über unsere Absichten informiert. Dann ginge es dir jetzt nicht so schlecht.“, spotteten die Affen und liefen davon. Der Kater hingegen blieb an Ort und Stelle. Wütend nahm er sich vor, sich von nun an nicht mehr so leicht täuschen zu lassen.

Eine weitere Täuschung

Der Kater brachte mehrere Stunden damit zu, sein Fell vom Schlamm zu befreien. Nachdem es endlich gesäubert war, entschied er sich, einem steinigen Weg zu folgen, der ihn direkt ins Gebirge führte. Je weiter er lief, desto mehr dichte, dunkle Wolken zogen auf und allzu bald brach die Nacht herein. Aus diesem Grund entschloss er sich, eine Rast einzulegen. Er wollte sich gerade hinlegen und schlafen, als er nicht weit von sich entfernt eine Lichtquelle ausmachte. Nach kurzer Überlegung, entschloss sich der Kater, sie zu erkunden und entdeckte kurz darauf ein Lagerfeuer, an dem ein junger Mann saß. Dieser lud den Kater sofort ein, Platz zu nehmen und ihm Gesellschaft zu leisten. Nach dem Austausch einiger Höflichkeiten zog der Wanderer eine alte Zither hervor und begann zu spielen. Hingerissen von der wunderschönen Melodie, fielen alle Sorgen vom Kater ab und er versank in tiefem, traumlosen Schlaf.

Als der nächste Morgen anbrach, trennten sich das Tier und der Mensch wieder. Jeder wollte seiner eigenen Wege gehen, weshalb sie sich in unterschiedliche Richtungen aufmachten. Nach einem langen Marsch kam der Kater zu einem Wirtshaus, wo er bei einer Schale Milch verschnaufte. Dabei vernahm er, wie mehrere Gäste den Wirt bedrängten. „Verzeiht, werte Damen und Herren, aber ich kann euch keine musikalische Unterhaltung bieten. Mein Sohn kann zwar spielen, jedoch haben wir kein Instrument.“, versuchte der Mann die Gesellschaft zu beruhigen. „Ich habe gestern einen Musiker getroffen.“, sagte der Kater laut. Sofort wurde der Wirt hellhörig und wandte sich dem Tier zu. „So? Und hatte er auch eine Zither bei sich?“, fragte er neugierig. „Oh ja. Er spielte darauf so schön, wie ich es noch nie gehört hatte.“, antworte sein Gegenüber und lächelte verträumt, als er sich an die Klänge erinnerte.

„Dann hast du also den Dieb gefunden. Welch ein Glück! Die Zither dieses Mannes gehört nämlich eigentlich mir. Er hat sie gestohlen, als er gestern mein Wirtshaus besucht hat.“, log der Wirt dreist, der das leichtgläubige Wesen des Tieres sofort durchschaut hatte. „Deshalb müssen meine Gäste nun auf die Freude der Musik verzichten. Wenn ich doch nur jemanden kennen würde, der mutig genug wäre, sie zurückzuholen.“, setzte er schwermütig hinzu. Der Kater überlegte kurz und meinte dann: „Vielleicht kann ich dir helfen.“ „Wirklich? Das würdest du tun?“, fragte der Wirt erleichtert. „Ich denke schon. Immerhin war es Unrecht, was dir wiederfahren ist. Und wenn ich helfen kann es ungeschehen zu machen, will ich es tun.“, sprach das Tier aufrichtig. „Sehr gut, dann ist es also abgemacht. Wenn du den Mann findest, wartest du am besten bis er schläft und holst mir dann die Zither zurück. Ich werde dir ewig dankbar sein und dir für die Milch auch nichts berechnen.“, erklärte der Wirt schadenfroh und schob den Kater Richtung Tür.

Dieser lief sofort los, um nach dem Musiker zu suchen und traf ihn mehrere Stunden später, tief schlafend im Schatten eines Baumes, an. Die Zither neben ihm. Vorsichtig nahm sie der Kater weg, als der Mann aufwachte. „Wieso stiehlst du mein Instrument?“, fragte der verblüfft, nachdem er sein Gegenüber erkannt hatte. Da erzählte ihm das Tier die ganze Geschichte. „Wenn der Wirt das erzählt, dann lügt er.“, stellte der Musiker wütend fest. „Aber du könntest ebenfalls die Unwahrheit sagen.“, hielt der Kater dagegen. „Dann nimm die Zither und geh. Entscheide selbst, wer die Wahrheit spricht.“, meinte der Mann und übergab das Instrument. Der Kater nahm es und lief zurück zum Wirtshaus, wo er schon sehnsüchtig erwartet wurde. „Ich habe immer an dich geglaubt, mein Junge. An dich und deine Leichtgläubigkeit. Danke für deine Hilfe, du kleiner Dieb.“, lachte der Wirt und riss die Zither an sich. Der Kater war empört. Er versuchte sein Vergehen rückgängig zu machen und das Instrument zurückzubekommen, doch er musste sich der Kraft des Wirtes letztendlich geschlagen geben.

Eine bessere Zukunft

Beschämt kehrte der Kater zum Musiker zurück. Dieser war nicht überrascht, dass die Zither verloren war. „Ich muss dich um Verzeihung bitten. Ich weiß, dass ich leichtgläubig bin. Meine Mutter hat mich immer davor gewarnt und mir geraten, nachzudenken bevor ich etwas tue. Und die Affen brachten mir bei, stets nachzufragen, um nicht ausgenutzt zu werden. Beidem folgte ich gewissenhaft und trotzdem war alles vergebens.“, schluchzte das Tier hilflos und weinte bitterlich. Der Musiker hatte den Worten still gelauscht. „Dafür musst du dich nicht schämen. Die Leichtgläubigkeit hat jedem schon einmal geschadet, der es nicht besser wusste. Auch mir. Wichtig ist nur, dass man daraus lernt. Erfahrung und Glaube an dich selbst, werden dich in Zukunft vor derartigen Fehlern bewahren.“, sagte er sanft und streichelte dem Kater beruhigend den Kopf.

„Ich habe eine Idee“, meinte der Musiker nach einer Weile, „Bleib doch bei mir. Zusammen sind wir stärker, als wir es alleine je wären.“ Der Kater stutzte. „Nach allem was ich dir angetan habe, wünscht du trotzdem meine Gesellschaft?“, fragte er verwirrt. „Warum denn nicht? Eine Zither kann ich ersetzten. Einen treuen Kameraden nicht.“, sprach der Musiker lächelnd. Von diesem Tag an, waren das Tier und der Mann unzertrennlich. In der nächsten Stadt erwarben sie eine neue Zither, die sogar noch besser war, als die alte und der Kater bot an, sie für den Musiker auf dem Rücken zu tragen. Jahrelang zogen sie auf diese Weise durch das Land und erfreuten die Menschen mit Musik. Und durch die Erfahrungen, die der Kater auf der Reise sammelte, ließ er die Leichtgläubigkeit irgendwann hinter sich zurück. Als er schließlich starb, konnte er auf ein glückliches Leben zurückblicken. Seinen Platz nahm letztendlich seine Tochter ein, die die Zither noch viele Jahre für den Musiker auf dem Rücken tragen sollte.

K.ST.

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, ist diese Geschichte der Vorläufer zu „Die Katze und die Zither“. 😊

Falls ihr euch nicht mehr an sie erinnern könnt oder die Story noch einmal ganz von vorne lesen wollt oder sie noch gar nicht kennt, könnt ihr sie jederzeit unter dem Menüpunkt Kurzgeschichten > Geschichten mit fabel.tastischen Tieren anschauen und lesen.

Viel Vergnügen!

Eure Kerstin von fabel.tastisch

P.S. wenn euch die Geschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne „liken“ oder einen Kommentar dazu verfassen. 😉

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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