Der raffgierige Fährmann

Auch zur heutigen Zeit sind Fähren sehr gefragt und aus so mancher Landschaft nicht mehr wegzudenken. Ihre Aufgabe ist es, ein Ufer mit einem anderen zu verknüpfen oder im Meer liegende Inseln mit dem Festland zu verbinden. Sie stellen also ein wichtiges Verkehrsmittel dar, dessen Steuerung viel Verantwortung mit sich bringt. Aus diesem Grund ist der Beruf des Fährmannes ein sehr angesehener. Damals wie heute legte man bei der Überfahrt das Leben in die Hände des Steuermanns. Ein nicht zu unterschätzender Vertrauensbeweis, da vor mehreren hundert Jahren, anders als heute, kaum ein Mensch schwimmen konnte. Für diese Sicherheit ließen sich die Fährmänner oft teuer bezahlen. Aber aus der Not Kapital zu schlagen, bewirkt oft das genaue Gegenteil davon, was man sich von Herzen wünscht. Und bevor man sich versieht, bricht über einen selbst der größte Schaden herein.

Der schnellste und bequemste Weg

Vor langer Zeit lagen sich einst zwei Städte gegenüber, die durch einen breiten Fluss getrennt wurden. Zwischen ihnen gab es keine Brücke und das Wasser war zu tief und die Strömung zu gefährlich, als dass er einfach zu queren gewesen wäre. Erst viele Kilometer von den Siedlungen entfernt, gab es eine Stelle, an der man sicher auf die andere Seite kommen konnte. Doch dieser Umweg war zeitraubend und gefährlich, da viele Räuberbanden entlang der Strecke lauerten, für die die Reisenden leichte Opfer darstellten.

Es gab aber auch einen schnelleren und bequemeren Weg über den Fluss, nämlich in Form einer Fähre. Diese fuhr Tag und Nacht zwischen den Ufern umher und beförderte die Passagiere sicher und zuverlässig. Doch nicht jeder war in der Lage damit zu fahren. Denn der Fährmann der das Boot steuerte, war ein raffgieriger Mann, der für seine Dienste den höchstmöglichen Lohn verlangte. Er selbst sah diesen Umstand als gerechtfertigt an, da er viele Jahre Erfahrung gesammelt hatte und die Arbeit ein nicht zu unterschätzendes Risiko mit sich brachte. Wer nicht zu zahlen gewillt oder in der Lage war, musste seiner Meinung nach eben zu Fuß gehen.

Ablehnung in der Not

Eines Tages vertäute der Mann gerade die Fähre am Ufer, als eine junge Frau des Weges kam. Trotz der herrschenden Hitze, lief sie zügig voran, an ihrer Hand ein kleines Kind und auf ihrem Rücken ein weiteres. Ohne Begrüßung wandte sie sich direkt an den Fährmann: „Könnt Ihr uns übersetzen?“ „Wenn du zahlen kannst.“, antwortete dieser langsam und klimperte mit einem Beutel voller Münzen, den er um die Hüfte trug, „Ein Silberstück für dich und je ein Bronzestück für die Kinder.“ Die Frau stutzte. „Das ist Wucher. Die Kinder sind doch noch klein. Die Hälfte wäre angemessen.“, sprach sie empört. Der Fährmann hob nur unbeeindruckt eine Augenbraue. „Stimmt. Die Kinder sind klein. Aber durch die hohen Temperaturen gibt es wenig Wasser im Fluss. Ich werde mich dreifach anstrengen müssen, um euch überzusetzen. Da ist es nur gerecht, wenn ich einen fairen Lohn erhalte.“, sprach er unfreundlich. „Aber so viel habe ich nicht.“, meinte die Mutter verzweifelt und drücke die Kinder an sich. „Dann werden Ihr wohl zu Fuß gehen müssen.“, sprach der Mann und blieb von ihrer Not gänzlich ungerührt.

„Könnt Ihr keine Ausnahme machen? Ich flehe euch an. Die Kinder werden den Weg niemals schaffen.“, versuchte sie ihm Vernunft einzureden. „Gute Frau, ich muss auch schauen wo ich bleibe. Also schert euch weg, wenn Ihr nicht zahlen könnt.“, beendete der Fährmann unnachgiebig das Gespräch. Er ignorierte die Frau, als ein wohlhabendes Paar auf ihn zukam und eine Überfahrt bezahlte. „Dafür wirst du büßen.“, rief sie ihm schließlich zornig hinterher, als er ohne sie und die Kinder mit der Fähre ablegte. „Möglich, aber nicht heute. Heute verdiene ich erstmal.“, meinte der Mann grinsend und fuhr weiter.

Eine weitere Weigerung

Wenig später beschloss der Fährmann sein Boot auszubessern und die Materialien zu erneuern. Er ersetzte mehrere Bretter und übermalte dann das Holz mit teurer Farbe. Auch die Polster der Sitzgelegenheiten versah er mit kostspieligen Stoffen, weshalb das Gefährt kurz darauf einiges hermachte. Stolz betrachtete er sein Werk, als ihm jemand auf die Schulter tippte. „Könnt Ihr mich übersetzen?“, fragte ein alter Mann leise. Er war schäbig gekleidet und zog einen alten Karren, der mit überreifem Gemüse gefüllt war, hinter sich her. Dessen Inhalt floss langsam aber stetig entlang des Holzes auf den Boden und verteilte sich dort zu einer unansehnlichen Masse. Zudem ging ein bestialischer Geruch von der Ladung aus, der den Fährmann die Nase rümpfen ließ. „Wenn der Preis stimmt, immer.“, antwortete er widerwillig. Denn obgleich er sich am liebsten geweigert hätte, konnte er doch dem daraus resultierenden, möglichen Gewinn nicht widerstehen. „Gut, wie viel verlangt Ihr?“, wollte der Alte wissen. „1 Silberstück für dich und 20 Bronzestücke für den Karren.“, rechnete der Fährmann vor. Da zuckte der Greis zusammen und sprach: „Ich habe mich gewiss verhört. Unmöglich kann es so viel kosten. Wiederholt es bitte nochmal.“ Sein Gegenüber wiederholte den Preis, woraufhin der andere enttäuscht den Kopf schüttelte. „So viel habe ich nicht. Könnt Ihr nicht ausnahmsweise weniger verlangen? Das Gemüse muss so schnell wie möglich in die Stadt, sonst sehe ich kein Geld dafür.“, versuchte der alte Mann zu verhandeln.

„Bedaure, nein. Wenn ich Euch transportiere, muss ich hinterher nicht nur die Fähre komplett reinigen, sondern auch alle Neuerungen ersetzen, die ich gerade erst angebracht habe. Entweder zahlt Ihr also oder Ihr geht.“, blieb der Fährmann hart. Der Greis starrte ihn betrübt an. „Ich hoffe, dass Ihr Euer Verhalten eines Tages nicht bitter bereuen werdet.“, sprach er dann und trottete langsam mitsamt dem Karren davon. „Das glaube ich kaum.“, meinte der Steuermann selbstischer, „Und wenn doch, dann soll es sich bis dahin wenigstens für mich gelohnt haben.“

Die unausweichliche Strafe

Eines Abends zählte der Fährmann am Flussufer sitzend, zufrieden den verdienten Lohn, als er zwei Männer auf der anderen Seite des Flusses bemerkte, die ihm zuwinkten. Sofort machte er sich auf den Weg, da er ein lukratives Geschäft witterte. Denn bei Nacht verlangte er gewöhnlich den doppelten Preis für eine Überfahrt. „Wünschen die Herren eine Überfahr?“, fragte er zuvorkommend, als er drüben ankam. „Genau. Was ist der Preis?“, fragte der Größere der beiden munter. „Zwei Silberstücke pro Person.“, antwortete der Steuermann, um gleich darauf das Geld freudenstrahlend entgegenzunehmen. Er bemerkte nicht, dass sich die Männer beim Klirren der Münzen in seinem Beutel heimtückisch zulächelten. Stattdessen begann er darauf los zu plappern und erzählte freimütig, dass die Geschäfte an diesem Tag äußerst gut gelaufen waren und er mehr verdient hätte, als jemals zuvor.

Nach einer ereignislosen Fahrt legte das Boot gerade am anderen Ufer an, als die Männer den Fährmann auch schon zu Boden stießen und den Geldbeutel raubten. „Das könnt Ihr doch nicht machen. Gebt mir sofort meinen gerechten Lohn zurück!“, versuchte sich dieser zu wehren. Doch die Männer lachten nur über seinen sinnlosen Versuch. „Du bist selbst schuld. Wärst du nicht so geblendet gewesen, vom möglichen Verdienst, hättest du vielleicht bemerkt, dass wir Räuber sind. Das wird dir eine Lehre sein.“, klärte ihn der Kleinere auf, bevor er die Flucht ergriff. Sein Kamerad zerschlug noch das Ruder und stieß die Fähre dann mitsamt dem Fährmann zurück ins Wasser.

Ein hilfreiches Gespräch

Hilflos trieb der Fährmann stundenlang am Wasser, bis er es durch viel Glück und Geschick zurück zum Ufer schaffte. Dort brach er erschöpft zusammen und weinte bitterlich über den Verlust seines Vermögens. So fand ihn ein kleines Mädchen, dass mit ihrer Ziege des Weges kam. „Warum bist du so unglücklich?“, fragte sie neugierig und setzte sich neben den verzweifelten Mann. Also erzählte er ihr schluchzend von den betrüblichen Ereignissen. „Na, so schlimm ist es dir nun auch nicht ergangen. Dein Ruder und dein Geld mögen weg sein, aber du bist am Leben und gesund im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, denen es weitaus schlechter geht als dir. Materielle Dinge sind nicht alles auf dieser Welt. Also hör auf um das zu trauern, was du verloren hast und pack dein Leben am Schopf.“, meinte sie ernst, während sie die Ziege mit Flussgras fütterte. Da verstummte der Mann und betrachtete das Mädchen zum ersten Mal richtig. Er schämte sich fürchterlich für sein Verhalten, als er bemerkte, dass das Kind von sich selbst sprach. Denn das Mädchen war blind und ihr Körper, sowie der der Ziege, von Krankheit gezeichnet.

Nach einer Weile stand er auf, klopfte den Schmutz von seiner Hose und stemmte die Arme in die Hüften. „Es stimmt was du sagst. Deshalb werde ich mich nicht mehr selbst bemitleiden, sondern zur Tat schreiten. Ein neues Ruder ist schnell gebaut. Meinen Dienst kann ich also rasch wieder aufnehmen. Immerhin bin ich die einzige Möglichkeit der Leute, den Fluss zu überqueren. Wenn ich nicht weitermache, haben sie niemanden mehr.“, sprach er kämpferisch und machte sich an die Arbeit. Das Mädchen und die Ziege leisteten ihm dabei Gesellschaft. „Kannst du uns übersetze?“, fragte sie dann, als es vollbracht war und fügte hinzu: „Ich kann dich auch bezahlen.“ Der Fährmann stockte und war kurz versucht ihr einen unglaublich hohen Preis für die Fahrt zu berechnen. Doch letztendlich sagte er nur: „Du hast mir durch deine Worte bereits genug gegeben. Ich erlaube nicht, dass du mich auch noch bezahlst. Steig auf.“

Das unerwartete Ende für den raffgierigen Fährmann

Das Mädchen nahm das Angebot gerne an und bestieg zusammen mit der Ziege die Fähre. Während der Überfahrt herrschte Schweigen. Die ganze Zeit über juckte es den Fährmann in den Fingern, doch ein wenig Fahrgeld von ihr zu verlangen. Doch er kämpfte den Drang mit aller Macht nieder. „Es fällt dir schwer, nicht wahr?“, wollte das Kind wissen. „Was denn?“, fragte der Mann verblüfft. „Etwas Anderes zu tun, als das, nachdem es dich verlangt.“, erklärte sie augenzwinkernd. „Ja.“, gab er zu, „Aber ich will mich bessern. Ich habe meine Lektion gelernt und werde mich nicht mehr vom Geld blenden lassen. Stattdessen will ich leben, wie es rechtens ist und den Menschen helfen.“ Die Ereignisse des Abends hatten ihm zu denken gegeben. „Gut. Dann will ich dir etwas schenken.“, sprach das Mädchen und zog einen Beutel aus ihrem Gewand. Der Steuermann lehnte ab, doch die Kleine ließ sich nicht beirren. „Vergiss niemals, worauf es wirklich ankommt. Es ist gut, für seine Arbeit Lohn zu verlangen, solange man nicht übertreibt. Tue alles in Maßen, dann wirst du gelegentlich für deine Taten belohnt.“, sprach sie, als das Boot schließlich anlegte. Ohne ein weiteres Wort gingen sie und die Ziege davon. Verdutzt sah ihnen der Fährmann hinterher, bis das Kind und das Tier verschwunden waren. Erst dann öffnete er den Beutel und fand ihn voller Goldmünzen vor. Von diesem Moment an war er wirklich und wahrhaftig von seiner Raffgier geheilt.

Auch in den nächsten Jahren beförderte er tagein, tagaus Fahrgäste über den Fluss. Doch statt einem Entgelt, nahm er nur mehr das Nötigste von den Leuten entgegen, dass er zum Leben brauchte. Und wenn sie ihm einmal nichts geben konnten, nahm es der Mann nicht weiter schlimm und setzte sie, im Gegensatz zu früher, trotzdem über. Unbeschwert und frei verbrachte er auf diese Weise seine Tage, bis an sein Lebensende. Dem Mädchen und der Ziege begegnete er nie wieder, wenngleich er immer die Augen nach ihnen offen hielt. Doch da er sich gebessert hatte und nie wieder in alte Muster zurückfiel, bedurfte er ihrer Dienste nicht mehr und so blieben sie für immer verschwunden.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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