Eine verhängnisvolle Wette

Zu wetten scheint in der heutigen Zeit zu etwas Alltäglichem geworden zu sein. So wettet man unter anderem, um in einer Meinungsverschiedenheit herausfinden zu können wer im Recht ist oder man wettet auf den Ausgang eines bestimmten Ereignisses. Gewinnt man, erfüllt einen das Glück. Verliert man, ist man vielleicht kurz betrübt, denkt jedoch in der Regel nicht weiter darüber nach. Denn bei den meisten Wetten geht es um keinen großen Einsatz, weshalb normalerweise auch keine schwerwiegende Konsequenz daraus erwächst. Das jedoch bei jeder Wette ein Vertrag geschlossen wird und die Schulden stets beglichen werden müssen, ist den wenigsten bewusst. Und je höher der angesetzte Preis ist, desto unangenehmer kann die Rückzahlung werden.

Der hinterhältige Müller

Auch vor vielen hundert Jahren machte das Wetten einen wesentlichen Bestandteil der menschlichen Kultur aus. Landein, Landaus wetteten die Menschen, zumeist um sich vom langweiligen Alltag abzulenken und Spaß zu haben. Ob sie gewannen oder verloren, spielte dabei keine große Rolle für sie, da der Einsatz stets geringgehalten wurde und niemand dadurch Schaden erlitt. In einem kleinen Dorf, das von unzähligen Getreidefeldern umgeben war und in dem es stets viel harte Arbeit zu tun galt, lebte jedoch ein Mann, der anders dachte und das Wetten nutzte, um einen Vorteil für sich und sein Geschäft herauszuschlagen. Als Müller unterhielt er die einzige Mühle im Umkreis, weshalb in der Erntezeit unzählige Bauern zu ihm kamen, um ihr Korn mahlen zu lassen. Geschickt nutzte er diesen Umstand und verführte seine Kunden zu unbedachten Wetten, die ihm Gewinn und wenig Arbeit versprachen, den anderen jedoch stets Unglück und Verlust einbrachten. Er betrog oder log niemals direkt, sondern nutzte nur auf skrupellose Weise das fehlende Wissen der Leute aus. So war er innerhalb weniger Jahre zu Reichtum gelangt, der ihn mit der Zeit habgierig und maßlos hatte werden lassen.

Die erste Wette

Eines Tages ging unvermittelt das Wasserrad kaputt, dass die Mühle viele Jahre angetrieben hatte, sodass der Müller seiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte. Er rief daher einen Handwerker zu sich, der im ganzen Land für seinen untadeligen Ruf und seine gute Arbeit bekannt war. Schnell und geübt reparierte der Mann das Rad in kürzester Zeit. Als er jedoch fertig war und dem Müller die Rechnung vorlegen wollte, stieß er auf Widerstand. „Wie wäre es? Wollen wir um die Bezahlung wetten? So ein cleverer Bursche wie du, kann doch einen einfachen Müller wie mich mit Leichtigkeit schlagen. Du hast also nichts zu verlieren.“, lockte der Auftraggeber und wie zu erwarten gewesen war, schlug der Handwerker ein. „Damit es fair zugeht, müssen wir um etwas wetten, worin wir beide keine Experten sind. Ich weiß! Wir wetten darum, welchen Fisch ich mit meiner Angel aus dem Fluss ziehen werde.“, schlug der Müller listig vor.

„In Ordnung, so wird es gemacht.“, stimmte der Mann munter zu und wanderte gemeinsam mit dem Anderen zum nahe gelegenen Fluss. Der Handwerker konnte nicht wissen, dass der Müller am Morgen Köder für Karpfen ausgelegt hatte und die Wahrscheinlichkeit, einen anderen Fisch zu angeln, daher verschwindend gering war. Als er dann tatsächlich einen Karpfen angelte, blieb dem Verlier nichts Anderes übrig, als ohne den gerechten Lohn abzuziehen.

Die zweite Wette

Am nächsten Morgen kam eine junge Bäuerin mit einem Karren voll Getreide zur Mühle. Gezogen wurde ihr Wagen von einem prachtvollen jungen Pferd, dass zu den schönsten Tieren im Ort zählte. Sofort wollte der Müller das Ross besitzen, wusste jedoch, dass seine Besitzerin es ihm niemals freiwillig überlassen würde. „Du hast aber ein schönes Pferd bei dir.“, lobte er und ging prüfend um das Tier herum. „Ja, nicht wahr? Ganz jung ist es und hat ein Vermögen gekostet.“, gab die Bäuerin stolz an. „Sag, wollen wir nicht darum wetten? Lehne nicht zu früh ab, bevor du erfährst, was du gewinnen kannst, wenn ich verliere. Unterliege ich, so will ich dein Getreide ein ganzes Jahr lang kostenlos mahlen.“, beschwor der Müller die Frau. Aufgrund der Möglichkeit des reizvollen Gewinns wurde diese letztendlich schwach und stimmte zu. „Worum willst du wetten?“, fragte sie aufgeregt.

„Siehst du die Körbe mit Karotten dort drüben? Jeder von uns wählt ein Stück aus einem Korb und hält es dem Pferd hin. Zu wem es dann als erstes geht, der bekommt es .“, erklärte der Müller und ließ der Frau bei der Wahl sogar den Vortritt. Diese wählte siegessicher einen Korb aus und begab sich auf die andere Seite des Hofes. Immerhin war sie dem Pferd vertraut, während der Müller nur ein Fremder für das Tier war. Sie war völlig ahnungslos, dass die Karotten aus dem einen Korb von Parasiten befallen waren, die das Pferd garantiert nicht fressen wollen würde. So war die Frau umso bestürzter, als sie die Wette verlor und das Tier zum Müller lief, wo es genussvoll das Stück Gemüse verputzte. Fluchend schleppte sie den Karren schlussendlich alleine nach Hause.

Eine wohlgemeinte Warnung

Als der Müller sich abends zum Essen niederließ, war er mit dem Verlauf der letzten Tage äußerst zufrieden. Anders ging es seiner Tochter, die das Verhalten des Vaters zutiefst beunruhigte. „Irgendwann werden deine Wetten unser Ende bedeuten. Es ist nicht richtig die Leute zu betrügen.“, mahnte sie und schöpfte Eintopf in seinen Teller. „Unsinn. Ich zwinge ja niemanden mit mir zu wetten. Außerdem gebe ich ihnen immer den Vorzug bei der Wahl. Sie haben eben Pech, so ist das Leben.“, meinte der Müller herablassend. „Denk an meine Worte, wenn du nicht damit aufhörst, wird das schwere Konsequenzen für uns haben.“, sprach die Tochter das letzte Wort. Doch der Vater ignorierte sie, zuckte nur mit den Schultern und aß den Teller leer.

Die verhängnisvolle Wette

Noch in derselben Nacht zog ein schweres Gewitter auf und brachte Sturm und Regen über die Region. Sieben Tage und Nächte hielt es an, während denen der Müller seiner Arbeit nicht nachkommen konnte. „Da siehst du es, du hast mit deinem Verhalten sogar die Göttererzürnt. Das ist unsere Strafe.“, meinte die Tochter am achten Tag, den sie untätig in der Mühle ausharrten. Bevor der Vater jedoch zu einer Erwiderung ansetzen konnte, schlug draußen auf dem Hof ein Blitz ein. Als das gleisende Licht sich wieder zurückgezogen hatte, betrat ein großer Mann den Raum. Ein langer schwarzer Umhang umspielte seinen mächtigen Körper und eine tief in das Gesicht gezogene Kapuze verhinderte jegliches Wiedererkennen. „Scher dich weg! Hier gibt es keinen Platz für Taugenichts, die nur dem Regen entfliehen wollen.“, schimpfte der Müller und ging drohen auf den Fremden zu. Dieser ignorierte ihn und sprach zur Tochter: „Ich suche eine Mahlzeit und ein Bett für die Nacht. Entlohnen kann ich euch dafür aber nicht.“ „Dann hast du erst recht hier nichts zu suchen.“, schrie der Müller ungehalten. „Vater! Er ist doch nur ein armer Mann, der Zuflucht sucht. Lass ihn hierbleiben, wir haben doch auch für eine weitere Person Platz.“, wandte das Mädchen ein. Doch der Hausherr wollte davon nichts hören.  

„Wie wäre es mit einer Wette?“, unterbrach der Neuankömmling den Streit. „Eine Wette? Ich dachte du besitzt nichts. Worum solltest du also wetten?“, höhnte der Müller, aber der Fremde gluckste nur belustigt. Obwohl es in der Mühle angenehm warm war, hatte der Mann bisher weder die Kapuze vom Kopf genommen, noch den Umhang abgelegt. Langsam wurde es dem Müller unheimlich. Trotzdem lockte ihn der Umstand einer Wette so sehr, dass er sein Unbehagen zur Seite schob und auf den Vorschlag einging. „Einverstanden.“, sprach er schließlich mit vor Aufregung zitternder Stimme. „Lass uns um einen höheren Einsatz spielen, als du es sonst tust. Wenn du gewinnst, übergibst du mir deine Seele. Wenn ich gewinne, erhalte ich sie auch.“, meinte der Mann ruhig und zog eine Münze aus der Tasche. Woher er die Gewohnheiten des Müllers kannte, waren diesem ein Rätsel. Es zählte für ihn einzig die Frage: Kopf oder Zahl?

Glück im Unglück

Mit fiebrigen Blick betrachtete der Müller das Geldstück. Nichts schien ihm mehr wichtig, als sich für die richtige Seite zu entscheiden. Und da er wusste, dass bei dieser Art von Münze die Kopfseite schwerer wog, als die andere, fühlte er sich äußerst siegessicher. „Vater, tu es nicht.“, flehte die Tochter. Doch der Müller war taub für ihre Einwände und sagte stattdessen zum Fremden: „Kopf.“ Dieser schnippte den Taler in die Luft, wo er sich mehrmals um sich selbst drehte, bevor er auf den Boden fiel und auf der Kopfseite landete. „Gewonnen!“, rief der Müller freudenstrahlend aus. „Glückwunsch. Und als Preis musst du mir nun deine Seele ausliefern.“, antwortete der Fremde und zog gleichzeitig die Kapuze vom Kopf. Darunter erschien der Gott des Glückspiels, der gekommen war, um den Müller für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen. „Aber, ich habe doch gewonnen.“, stammelte dieser verwirrt und fiel auf die Knie. „Richtig.“, erklärte der Gott sanft, „Aber in deiner falschen Siegesgewissheit hast du völlig übersehen, welch hoher Preis für die Wette angesetzt war. Und vergiss nicht, Wettschulden müssen immer beglichen werden.“

Mit gemessenen Schritt trat der Gott auf den Müller zu. Bevor er ihn jedoch am Kragen packen konnte, stellte sich ihm die Tochter in den Weg. „Oh, du lieber und gütiger Gott, kannst du nicht Gnade walten lassen?“, bat sie verzweifelt. „Dieser Mann ist dem Glückspiel verfallen. Das ist schlimm genug. Doch nutzt er dies auch, um andere Menschen zu betrügen, was sein Vergehen noch schwerer wiegen lässt. Aus welchem Grund sollte ich so einen Menschen verschonen?“, fragte der Gott ungnädig. „Dann nimm meine Seele statt seiner.“, meinte das Mädchen selbstlos. „Nein, Tochter, nein! Das lasse ich nicht zu.“, unterbrach sie der Müller, „Du darfst nicht für meine Vergehen bestraft werden.“ Der Gott betrachtete den gebrochenen Mann eine Weile nachdenklich. „Müller, ich will dir eine letzte Chance geben und dir deine Seele lassen. Sollte ich dich jedoch jemals wieder bei einer Wette erwischen, hole ich sie mir unverzüglich und nehme als Ausgleich auch noch die deiner Tochter.“, sprach er dann bestimmt und verschwand.

Ein vollkommen anderer Mann

Mehrere Wochen vergingen und ließen das albtraumhafte Treffen in der Mühle beinahe unwirklich erscheinen. Seitdem war der Müller jedoch wie ausgewechselt. Das Opfer, welches seine Tochter für ihn hatte erbringen wollen, hatte ihn demütig und zu einem völlig neuen Menschen werden lassen. Denn erst zu jenem Zeitpunkt war ihm klar geworden, dass kein Geld oder Besitz auf dieser Welt so wichtig waren, wie die Liebe und das Wohlergehen seines Kindes. Auch bereute er mittlerweile seine vergangenen Taten so sehr, dass er sich bei allen die er betrogen hatte, aufrichtig entschuldigte und ihnen den gerechten Lohn zurückzahlte, um den er sie im Spiel gebracht hatte. Nie wieder kam er in Versuchung zu wetten oder andere gar zu betrügen und lebte stattdessen ein Leben erfüllt von Frieden, bis an sein Lebensende.

© K.ST.

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Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

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