Der vorlaute Rabe

Wir alle kennen das Bedürfnis frei heraus und ungefiltert sagen zu können, was uns gerade durch den Kopf geht. Aber je älter man wird, desto besser weiß man, dass dies nicht immer vorteilhaft ist und man manchmal doch besser für sich behält, was man in bestimmten Augenblicken denkt. Selbstverständlich ist es immer gut, offen und ehrlich mit allem umzugehen. Brutale Ehrlichkeit wird hingegen in vielen Situationen als frech und unangemessen wahrgenommen. Diese Personen bezeichnet man gemeinhin auch als Unruhestifter, mit denen niemand gerne Zeit verbringt und die aus diesem Grund sehr einsam sind. Dieses Schicksal kann aber nicht nur uns Menschen treffen, sondern ist auch in der Tierwelt zu finden.

Ein nachvollziehbares Bedürfnis

Lange vor der menschlichen Ära, als die Tiere noch als einzige Lebewesen die Erde bevölkerten, lebte ein Rabe inmitten der unberührten Wildnis. Seine kleine Statur trug oft dazu bei, dass ihn die anderen Tiere übersahen und ausgrenzten, wodurch er sich beinahe täglich gekränkt und benachteiligt fühlte. Wenngleich ihm tief im Herzen klar war, dass sie es nicht aus Böswilligkeit taten, nagte die Vernachlässigung doch sehr an seinem Gemüt. Also überlegte er lange, wie er ihre Aufmerksamkeit doch noch auf sich konzentrieren konnte. Und so kam er zu dem Schluss, dass er sie mit seiner Gesellschaft eben auf andere Weise konfrontieren musste, indem er sich jederzeit und überall in ihre Privatangelegenheiten einmischte und ohne Rücksicht das sagte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Dieses Verhalten führte jedoch nicht etwa zum gewünschten Ziel, nämlich mehr Freunde zu bekommen, sondern führte letztendlich zu noch mehr Ablehnung und Ausgrenzung, was er allerdings selbst nach den ersten Zwischenfällen nicht erkannte.

Die ersten Zwischenfälle

Eines Tages flog der Rabe zügig durch den Wald, als er an einem Fluss einen frisch errichteten Staudamm bemerkte. Neugierig näherte er sich und entdeckte einen fleißigen Biber, der mühevoll mehrere dicke Äste durch das Wasser bugsierte. Eine Weile sah der Rabe dem Tier zu, wie es das Holz mit dem Damm verband, der auf diesem Weg langsam in die Höhe und Breite wuchs. „So wie du das machst, baust du noch ewig, bevor du in dein Haus einziehen kannst. Mach es doch lieber anders.“, gab der Vogel zu bedenken. Der Biber aber schnaubte nur unwillig. „Woher willst du denn wissen, wie man einen Damm baut? Ich mache das jedes Jahr, da werde ich ja wohl Ahnung davon haben, wie es richtig gemacht wird.“, meinte der abweisend. „Aber wenn du es jedes Jahr neu machen musst, musst du doch was falsch machen.“, hielt der Rabe dagegen. „Unsinn.“, antwortete der Biber, „Das ist der natürliche Lauf der Dinge, da Holz nun einmal mit der Zeit verrottet und ersetzt werden muss.“

Aber der kleine Vogel wollte nicht hören. Statt sich zurückzuziehen und über die Worte des erfahrenen Baumeisters nachzudenken, schob er sich an ihm vorbei und begann selbst am Staudamm herumzuhantieren. Schnell verursachte er durch sein Eingreifen ein immenses Chaos, dessen Bereinigung Stunden in Anspruch nehmen würde. Als der Rabe endlich einsah, dass seine Arbeit nirgendwohin führen würde, wandte er sich wieder an den Biber. „Na ja, du hast wohl recht gehabt, dass ich nichts von deiner Arbeit verstehe. Dann gehe ich jetzt lieber und lasse dich damit fortfahren.“, sprach er bedrückt und schwang seine Flügel. „Und wer hilft mir jetzt, deinen Pfusch zu beseitigen? Komm gefälligst zurück!“, schrie ihm der Biber wütend nach. Doch der Rabe flog davon.

 Wenig später landete er auf einer Wiese, auf welcher zwei Lämmer vertraulich miteinander sprachen. „Ich schwöre es dir, hier auf der Wiese wachsen die saftigsten Kräuter, die ich jemals gefressen habe. Aber wo sie sich befinden ist ein Geheimnis. Das darfst du niemanden verraten, wenn ich es dir anvertraue.“, sprach das kleinere Lamm. Ehrfürchtig versprach das größere Tier zu Schweigen. „Also gut. Du kennst doch die Felsen, auf der anderen Seite der Wiese, die den Fluss begrenzen? Dahinter wachsen sie.“, erklärte das andere Lamm. Da hielt es der Rabe nicht mehr aus und platze los. „Worüber sprecht ihr?“, fragte er neugierig. Die Lämmer zuckten überrascht zurück. „Was willst du? Hat man dir nicht beigebracht, dass es nicht nett ist, andere zu belauschen?“, wies ihn eines der beiden zurecht. „Aber ich lausche nicht. Ich war gerade in der Gegend, als ich euch gehört habe. Also, erzählt schon. Worüber habt ihr gesprochen?“, drang der kleine Vogel weiter auf die Lämmer ein. Diese betrachteten einander skeptisch, gaben dann aber den Inhalt ihres Gespräches wieder, da der Rabe nicht lockerlassen wollte. „Du musst schwören, dass du niemanden ein Sterbenswort davon erzählst.“, verlangten sie dann und ihr Gegenüber stimmte zu.

Als die Lämmer zurück zu ihrer Herde liefen, folgte der Rabe ihnen. Die älteren Tiere besprachen gerade, wo sie ihren nächsten Futterplatz aufschlagen sollten und waren so darin vertieft, dass sie den Besucher nicht weiter beachteten. Da begann der Rabe zu sprechen: „Wieso geht ihr nicht zur Wiese hinter den Felsen, dort drüben beim Fluss? Das soll ein toller Platz mit dem besten Futter der Gegend sein.“ Die Schafe waren von diesem Vorschlag so begeistert, dass einige bereits losliefen, um sich an den Kräutern zu laben. Nur wenige blieben zurück und wollten mehr von der Geschichte hören. „Ich glaube kaum, dass Raben dasselbe Futter bevorzugen, wie wir. Woher weißt du also von dieser Stelle?“, fragte ein Schafsbock wissbegierig. Da deutete der Vogel auf die Lämmer, die sich unter dem Blick des Bocks zu winden begannen. Sofort begannen sie sich zu rechtfertigen, was jedoch nicht verhinderte, dass die Schafe in kürzester Zeit zu streiten begannen. Als ihn niemand mehr beachtete, flog der Rabe weiter.

Unangenehme Folgen und eine mögliche Erklärung

Mit der Zeit wollte niemand mehr freiwillig mit dem Raben und seinem losen Mundwerk zu tun haben. Dieser ließ sich jedoch nicht so einfach abweisen und drang immer wieder auf die Tiere in seiner Nähe ein, bis sie ihn schließlich aus ihrer Mitte ausstießen und verjagten. Beleidigt flog der Rabe davon und stieß viele Kilometer weiter auf die Ausläufe eines mächtigen Berges. Erzürnt setzte er sich auf einen Stein an einem kleinen Weiher, wo er laut über die ungerechte Behandlung klagte, als ein Bär des Weges kam.

 „Nanu, ein Besucher? Es kommt wirklich selten vor, dass mich jemand an diesem Ort aufsucht.“, meinte der Bär überrascht und setzte sich zum Raben. Dieser blickte ihn an und sprach den ersten Gedanken aus, der ihm durch den Kopf ging: „Du bist ja ungeheuer dick.“ Lachend sah sein Gegenüber an sich herunter. „Du hast recht. Ich habe ganz schön zugenommen, weil ich bald Winterschlaf halte.“, erklärte der Bär geduldig. „Blödsinn.“, unterbrach ihn der Rabe, „Du isst nur zu viel und versuchst dich jetzt zu rechtfertigen. Wer schläft denn den ganzen Winter hindurch?“ Der Bär schwieg eine Weile. „Du bist sehr unhöflich.“, sagte er dann. „Wieso? Ich sage was ich denke, weil mich dann niemand mehr übersehen kann. Was ist daran unhöflich oder falsch?“, fragte er Rabe verwirrt.

„Was falsch dran ist? Du verletzt andere mit deiner Unbedachtheit zutiefst.“, meinte der Bär und brachte mit dieser Erklärung den kleinen Vogel zum Verstummen. Lange dachte er über die Worte des anderen nach. „Will deshalb niemand mit mir zusammen sein?“, fragte er dann traurig. „Das ist durchaus möglich. Sicher wirst du es aber nur wissen, wenn du die fragst, mit denen zu sonst sprichst.“, antwortete der Bär ruhig. Da beschloss der Rabe sofort zurück in seine Heimat zu fliegen und diese Dinge in Erfahrung zu bringen.

Eine aufschlussreiche Befragung

Bereits kurz drauf landete er beim Bau des Bibers, der über das Erscheinen des Gastes nicht gerade froh war. Doch noch bevor das Tier etwas sagen konnte, begann der Rabe demütigst zu sprechen: „Ich weiß, du willst mich hier nicht sehen, aber könntest du mir eine wichtige Frage beantworten? Habe ich dich letztes Mal, als ich hier war, verletzt als ich deine Worte angezweifelt habe?“ Als der Biber dies bejahte, nickte der kleine Vogel. „Ich verstehe. Es tut mir leid. Es war nie meine Absicht dich zu verletzten. Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen. Und jetzt muss ich weiter. Danke für deine Hilfe.“, sagte er dann, erhob sich wieder in die Lüfte und ließ einen ziemlich überraschten Biber zurück.

Als er zur Wiese der Schafherde kam, wollte zuerst keines der Schafe mit ihm sprechen. Erst als er sich ihnen in den Weg stellte, waren sie bereit ihm zuzuhören. „Ich habe euch wohl eine Menge Ärger bereitet und dafür will ich mich entschuldigen. Aber könnt ihr mir eine Frage beantworten? Habe ich euch mit meinen Worten verletzt, als ich mich in eure Angelegenheit gemischt und ein Geheimnis ausgeplaudert habe?“, fragte der Rabe betrübt. Auch die Schafe bejahten seine Frage. Da wurde der kleine Vogel sehr traurig und erkannte, dass seine Suche nach Aufmerksamkeit eine Eigenschaft gefördert hatte, durch die er letztendlich einsamer geworden war, als er es jemals zuvor gewesen war. „Ich verstehe. Vielen Dank, ihr habt mir sehr weitergeholfen. Ich kann nur wiederholen, dass ich keine bösen Absichten hatte und es mir aufrichtig leidtut.“, meinte er abschließend und flog so schnell zurück zum Bären, wie er konnte.

Ein schweres Unterfangen und das Ende des vorlauten Raben

Der Bär war unterdessen damit beschäftigt, einen Bienenstock vom Ast eines Baumes zu holen, als ihn der Rabe ansprach. „Bär, ich bitte dich, du musst mir helfen und mir zeigen, wie ich mich bessern kann. Außer dir habe ich niemanden. Du bist meine letzte Chance.“, flehte dieser mit Tränen in den Augen. Das Unglück des Vogels erweichte das Herz des Bären und er beschloss zu helfen. Ab diesem Moment verbrachte das ungleiche Paar jede Minute miteinander. Jedes Mal, wenn der Rabe in alte Verhaltensmuster zurückzufallen drohte, schritt der Bär ein und führte ihm die Konsequenzen seines Tuns vor Augen. Schritt für Schritt veränderte sich der Vogel zum Besseren, bis sein Kamerad eines Tages kurz vor dem Einbruch des Winters zu ihm sagte: „Von jetzt an wirst du keine Probleme mehr damit haben, Freundschaft zu schließen. Da bin ich ganz sicher.“

Der Rabe hingegen zweifelte an den Worten. „Du wirst mir doch weiterhin zur Seite stehen, oder? Immerhin sind wir doch jetzt auch Freunde.“, fragte er unsicher. Da lächelte der Bär. „Selbstverständlich werde ich das. Nach meinem Winterschlaf werden wir uns wiedersehen.“, beruhigte dieser. Der Gedanke, seinen Freund mehrere Monate nicht sehen zu können, betrübte den Raben zwar zutiefst, trotzdem hielt er sich zurück und sagte: „Danke für alles was du für mich getan hast. Wenn du aufwachst werde ich dich mit ganz vielen neuen Freunden besuchen kommen. Versprochen.“ Und sie verabschiedeten sich herzlich, bevor jeder seiner Wege ging.

Es vergingen viele Monate, bis es wieder Frühling wurde und der Bär erwachte. Aufgeregt konnte er den Besuch des Raben nicht erwarten, weshalb er sich selbst auf die Suche nach dem Freund machte. Er fand ihn glücklich und zufrieden in einer Schar von Kameraden, zu welchen nun auch der Biber und die Lämmer gehörten. Vom ehemals vorlauten und einsamen Raben war nichts mehr übriggeblieben. Seinen Platz hatte ein freundliches und respektvolles Wesen eingenommen, das niemanden jemals wieder durch sein unüberlegtes Drauflosreden unglücklich machte.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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