Der Tagträumer

Wie man weiß, kann man auf unterschiedliche Arten träumen. Manche müssen dazu des Nachts, tief schlafend in ihren Betten liegen, während andere es vorziehen, sich mit offenen Augen am helllichten Tag ihrer Phantasie hinzugeben. Seltsam dabei ist, dass uns einige Träume dauerhaft im Gedächtnis zu bleiben scheinen, während wir die meisten davon fast sofort wieder vergessen. Eins ist jedoch beim Träumen immer gleich. Nämlich das man das Hier und Jetzt verlässt, alles um einen herum ausblendet und in eine andere Welt eintaucht. Bestimmte Menschen nutzen diesen Zustand, um ihre Kreativität zu steigern. Andere hingegen verlieren sich regelmäßig in ihren Träumen und vergessen darüber hinaus völlig zu leben.

Zwei Brüder

Vor langer Zeit lebten in einem fernen Land zwei Brüder in einem kleinen, heruntergekommenen Haus. Der Ältere war sehr fleißig, aber von schwacher Statur und wenig Begabung. Der Jüngere strotzte zwar vor Energie und Talent, lebte aber in einer Traumwelt, weshalb er jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder verlor. Auch im Haushalt war er keine große Hilfe, da die Träumerei ihn derartig in Anspruch nahm, dass er keine einzige Aufgabe zuverlässig vollenden konnte. So blieb dem älteren Bruder nichts Anderes übrig, als den Lebensunterhalt allein zu verdienen und sich zudem noch um die Hausarbeit zu kümmern. Groll hegte dieser aber nicht, da er wusste, dass sein Bruder im Grunde ein guter Mensch war. Trotzdem quälte ihn tagein, tagaus die Sorge, was nur aus ihm werden sollte, wenn er einmal nicht mehr wäre.

Als der Ältere mit einem Mal schwer erkrankte, bat er seinen Bruder für ihn zur Apotheke zu gehen und die rettende Arznei zu besorgen. Er hoffte, dass der Ernst der Lage ihn aus seiner Lethargie holen würde.  „Hier hast du Geld, geh und hole die Medizin für mich. Trödle nicht herum, sondern komm gleich wieder. Sonst wird es mir schlecht ergehen.“, erklärte der Kranke nachdrücklich.

Also ging der Jüngere los. Er nahm sich fest vor, den Auftrag pflichtbewusst und rasch zu erfüllen, damit der Bruder bald wieder gesund werden würde. Doch bereits nach wenigen Metern verlor er sich in seinen Tagträumen. Er stellte sich vor, wie er den Laden des Apothekers betreten, die Medizin kaufen und auch was er sagen würde, wenn nach dem Geld verlangt wurde. Bis ins kleinste Details malte er sich die Begegnung aus, sodass es ihm völlig entging, dass er bereits an der Apotheke vorbeigelaufen war. Als er seinen Irrtum bemerkte, versuchte er ihn sofort zu korrigieren, doch es war zu spät. Die Dämmerung war hereingebrochen, das Geschäft geschlossen und damit auch jede Möglichkeit Medizin zu kaufen. Noch in derselben Nacht starb der Kranke.

Ungenutzte Chancen und ihre Konsequenzen

Nach der Beerdigung verbrachte der jüngere Bruder viel Zeit alleine. Er machte sich schwere Vorwürfe und fragte sich oft, wie ihm dieses Missgeschick hatte passieren können. Auch schwor er sich, nie wieder zu träumen, sondern das Leben von nun an anzupacken. Voller Elan brachte er das Haus auf Vordermann und nahm sogar eine neue Arbeit an. Doch seine Tatkraft hielt nicht für lange Zeit. Schon wenige Tage später verlor er seine Anstellung wieder, da er lieber träumte, als sich zu konzentrieren und zu arbeiten. Auch zuhause lief es für ihn nicht besser. Das Haus verwahrloste zusehends und dem jungen Mann ging es bald schlechter als je zuvor.

Sein Schicksal blieb auch der Tochter der Nachbarn nicht verborgen. Aus Mitleid fasste sie den Entschluss, dem jungen Mann unter die Arme zu greifen. Jeden Tag putzte sie stundenlang das Haus, wusch Wäsche, kochte reichhaltige Mahlzeiten oder leistete ihm einfach nur Gesellschaft. Sie verlangte dafür keinen Lohn. Denn in der ganzen Zeit, die sie mit dem Mann verbrachte hatte, hatte sie sich unsterblich in ihn verliebt und bereit für eine Heirat. Doch dieser reagierte nicht, egal wie viele Andeutungen sie darüber machte oder wie sehr sie von einem gemeinsamen Leben schwärmte. Statt ihr zu offenbaren, dass er sie ebenfalls über alles liebte oder ihr dies gar mit einem Geschenk zu beweisen, träumte er lieber davon, wie er all diese Dinge tat und vergaß dabei sie in die Tat umzusetzen.

Eines Tages kam das Mädchen schließlich ein letztes Mal in das Haus. „Ab morgen komme ich nicht mehr zu dir. Da du an mir kein Interesse hast, werde ich einen anderen heiraten. Lebe wohl.“, sprach sie und verschwand für immer. Der junge Mann bereute seine Untätigkeit sofort, war sich jedoch bewusst, dass er an der Entscheidung des Mädchens nichts mehr ändern konnte. Daraufhin flüchtete er sich ein weiteres Mal in seine Traumwelt, wo sein fehlender Wille keine so schwerwiegenden Konsequenzen hatte, wie im realen Leben.

Ein paar Tage später klopfte es an der Tür. Als der junge Mann öffnete, sah er sich einem reichen Fürsten gegenüber. Dieser wollte das Land kaufen, auf dem das Haus stand. „Einen ganzen Sack Gold will ich dir überlassen, wenn du mir das Grundstück gibst. Damit kannst du dir viel kaufen und dich für immer dem Nichtstun zuwenden. Bis morgen Mittag will ich dir Bedenkzeit geben. Wenn ich bis dahin nichts von dir gehört habe, ist mein Angebot hinfällig.“, sprach der Edelmann und verabschiedete sich.

Voller Freude über das unerwartete Glück begann sich der Mann vorzustellen, was er mit dem Geld alles machen konnte und verstrickte sich so erneut in seine Träumereien. Erst lange nach Ablauf der Frist bemerkte er seinen Fehler. Als er den Adeligen endlich aufsuchte, wurde er jedoch bitter enttäuscht. Wie angekündigt hatte der Mann das Angebot zurückgezogen und ließ nicht mehr mit sich reden. Wieder hatte der junge Mann eine große Chance zugunsten des Träumens ungenutzt verstreichen lassen. Schwer getroffen zog er sich zurück.

Eine letzte Chance

Wenige Wochen später verlor der Unglückselige auch noch sein Heim. Das wenige Erbe, dass ihm der Bruder hinterlassen hatte, war aufgebraucht, weshalb das Haus nicht mehr zu halten war und verkauft werden musste. Das bisschen Geld, dass er dabei erhielt, packte der junge Mann in einen Rucksack und zog in die Welt hinaus. Anstatt sich in einer anderen Stadt niederzulassen und zur Ruhe zu kommen oder gar das Träumen zu unterlassen, verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Er verweilte nie lange an einem Ort und wanderte immer weiter, getrieben von einer inneren Unruhe. Begleitet wurde er nur von seinen hoffnungsvollen Tagträumereien.

Als er eines Morgens einen steinigen Weg entlangging, begegnete ihm ein schwer mit Waren beladener Wagen. Der Kaufmann der ihn lenkte, bot dem jungen Mann großzügig an, ihn in die nächste Stadt mitzunehmen. Dieser nahm das Angebot dankend an, froh seine geschundenen Füße eine Zeit lang ausruhen zu können. Da lief ein wilder Hund laut bellend auf das Gefährt zu. Die Pferde, die den Karren zogen, schreckten vor dem Tier zurück und kippten das Gefährt um, bevor sie sich losrissen und in Todesangst davonliefen. Als nach einiger Zeit Ruhe eingekehrt war, kroch der junge Mann erschöpft, jedoch unverletzt, unter dem Wagen hervor und sah sich ängstlich um. Jeden Moment befürchtete er einen Angriff. Doch der Hund war im selben Nichts verschwunden, aus dem er gekommen war.  „Oh bitte, hilf mir. Lass mich nicht zurück, sonst werde ich hier sterben.“, ertönte mit einem Mal die verzweifelte Stimme des Händlers, der wenige Meter entfernt hilflos am Boden lag. Beim Sturz hatte er sich beide Beine gebrochen, weshalb er unfähig war, sich selbst zu helfen.

Ein Ende und ein Anfang

Zum ersten Mal flüchtete sich der junge Mann nicht in seine Tagträumereien, sondern packte das Leben am Schopf. Das anhaltende Klagen des Verletzten hatte sein Herz erweicht und an den Verlust seines Bruders erinnert. Nie mehr sollte durch seine Schuld ein Mensch verletzt werden oder gar sterben. Aus diesem Grund machte er sich an die Arbeit. Zuerst verarztete er die Wunden seines Kameraden, dann machte er sich auf die Suche nach den Pferden. Als er sie gefunden hatte, brachte er sie zum Kaufmann zurück, reparierte den Wagen und machte die Tiere erneut daran fest. Anschließend sammelte er alle am Boden verstreuten Waren auf und belud damit das Gefährt. Zuletzt half er dem Krämer, am Kutschbock Platz zu nehmen und fuhr los.

Sie waren erst wenige Meter weit gekommen, als sich der Händler plötzlich auflöste und an seine Stelle der Geist des verstorbenen Bruders trat. „Du hast es geschafft aus deiner Traumwelt auszubrechen und endlich zu handeln, als es wirklich gefordert war. Das hast du gut gemacht. Von jetzt an wird dich nichts mehr davon abhalten können dein Leben zu leben.“, sprach dieser und verschwand. Zurück blieb ein völlig verwirrter junger Mann, der nun der Besitzer eines Wagens, zweier kräftiger Pferde und den äußerst wertvollen Waren darauf, war.

Viele Jahre verdiente dieser als fahrender Händler sein Geld, bevor er schließlich sesshaft wurde, heiratete und zahlreiche Kinder bekam. Und obwohl er noch gelegentlich vor sich hinträumte, nahm das Träumen nie wieder den größten Stellenwert in seinem Leben ein.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

Ich verfasse Kurzgeschichten in Form von Fabeln und male zu den Geschichten passende Bilder dazu. Mehr davon ist in meinem Blog: fabeltastisch.com und unter Facebook: Fabel.tastisch und Instagramm: fabel.tastisch zu finden. :)

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