Der erfolglose Fischer

Bereits in frühester Zeit war das Fischen ein wichtiger Bestandteil, um das Überleben zu sichern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Beruf des Fischers ein von den Menschen hochgeschätzter war. Auf den ersten Blick mag es vielleicht nicht so erscheinen, als wäre die Ausübung mit großen Tücken verbunden. Aber bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass diese Tätigkeit dem Ausführenden viel körperliche Kraft abverlangt und besonders im Alter unmöglich zu bewältigen scheint. Auch ist die Beschäftigung vom Wetter abhängig und birgt vor allem in der Sturmzeit ein erhebliches Risiko für Leib und Leben. Wenn dann auch noch plötzlich der Fang ausbleibt, kann dies die eigene Existenz derart bedrohen, sodass das Vertrauen auf eine harte Probe gestellt wird.

Der Wohlstand und seine Konsequenzen

Auf einer Insel gab es vor langer Zeit eine kleine Stadt, der der Ozean stets gut gewogen war. Er brachte den Fischern reiche Erträge, sodass ihnen ein Leben voll Wohlstand vergönnt war. Die Menschen wussten, dass dieser Segen dem Gott des Meeres zu verdanken war, weshalb sie ihm zu Ehren einen großen Tempel auf einer Klippe über der Stadt errichteten. Jahrelang opferten sie an diesem Ort Gaben und hielten Feste ab, bis allmählich die Zahl der Gläubigen immer weiter abnahm. Der Reichtum, zu dem die Bewohner mit dem Fischfang gekommen waren, ließ sie blind werden für alles um sich herum, weshalb der Tempel zu verfallen begann. Nur ein alter, vom Wetter und Beruf deutlich gezeichneter Fischer kümmerte sich weiter. Jeden Abend nachdem er seinen Fang verkauft hatte, stieg der den in den Felsen geschlagenen Pfad zur Klippe hinauf und betete im Tempel.

Die Jahre vergingen und der Wohlstand der Leute nahm sogar noch zu, bis sich eines Tages das Glück plötzlich wendete. Von einem Tag zum anderen blieben die Netzte der Fischer leer. Zudem veränderte sich das Wetter, sodass jedes Mal, wenn sie ihre Boote für die Ausfahrt aus dem Hafen bereit machten, schwarze Gewitterwolken aufzogen und ein Sturm losbrach. Wenn sie sich dann in ihre Häuser und Werkstätten zurückzogen, verschwanden die Wolken wieder und brütende Hitze brach über das Dorf herein. Als sich selbst nach Wochen keine Veränderung einstellen wollte, begannen die Menschen zu verzweifeln. Nach und nach verließen sie die Heimat auf der Suche nach einen besseren Ort, an dem sie leben konnten. Der alte Fischer blieb als Einziger zurück.

Eine seltsame Begegnung

Der Alte führte sein Leben wie gewohnt weiter. Morgens ging er zum Hafen, kontrollierte sein Boot und überprüfte die Netze. Anschließend präparierte er mehrere Angeln und wartete dann geduldig, ob etwas anbiss oder nicht. Er war weder enttäuscht noch wütend, wenn er die Schnur pünktlich vor Sonnenuntergang einholte und die Haken leer geblieben waren. Ruhig packte er dann die Angeln weg und schlenderte nach Hause, wo er sich ein einfaches Mahl bereitete und anschließend zum Tempel hochstieg. Optimistisch blickte er den darauffolgenden Tag entgegen, während er den Sonnenuntergang betrachtete.

Viele Monate harrte der Fischer ohne jede Gesellschaft aus, als eines Tages ein Fremder des Weges kam. Der Alte saß gerade in seinem Garten und fickte zerrissene Netze, als ein junger Mann ihn ansprach: „Verzeiht, meine Störung. Ich sehe Ihr seid bei der Arbeit, aber könntet Ihr mir vielleicht sagen, ob es hier in der Nähe ein Gasthaus gibt, wo ich ausruhen kann?“ Der Fischer verneinte und erklärte, dass es in der Gegend niemanden außer ihm gebe. Als er den enttäuschten Gesichtsausdruck seines Gegenübers bemerkte, lächelte er freundlich. „Ich will Euch gerne bewirten, wenn Ihr mögt. Viel habe ich nicht anzubieten, aber einen ordentlichen Tee weiß ich zu brauen.“, sprach er und lud den jungen Mann ein Platz zu nehmen.

„Ich will Euch nicht kränken, aber was hält Euch an diesem Ort, wenn Ihr jeden Tag völlig allein zubringen müsst? Ihr seid doch sicher sehr einsam.“, fragte der Gast nach einer Weile neugierig. „Nun, ich lebe schon mein ganzes Leben hier.“, antwortete der Fischer, wie selbstverständlich. „Aber wenn es hier nichts mehr gibt, wäre es doch besser aufzugeben und anderswo das Glück zu suchen.“, gab der Fremde zu bedenken. Da lachte der Alte ausgiebig, bevor er meinte: „Es ist sicher richtig, was Ihr sagt. Aber das Leben besteht eben nicht nur aus schönen Momenten. Manchmal muss man die Zähne zusammenbeißen und weitermachen, bis wieder bessere Zeiten anbrechen.“ Der junge Mann schwieg daraufhin. Statt weiter zu fragen, griff er nach der anderen Seite des Netzes und half dem Fischer beim Flicken.

„Habt Dank für alles. Ich muss nun weiter.“, verabschiedete er sich nachdem die Arbeit getan war und ging seiner Wege. Erst als der Fischer wieder alleine war, bemerkte er erstaunt, dass sämtliche Netze mit einem Mal wie neu wirkten. Die Spuren vom jahrelangen Gebrauch waren verschwunden.

Ein verlockendes Angebot

Am nächsten Morgen reparierte der Alte gerade sein Boot, als ein Händler auf einem Karren angefahren kam. „Ihr habt aber ein wunderschönes Boot. Man sieht ihm das Alter gar nicht an. Sagt, wollt Ihr es nicht verkaufen? Mit so etwas lässt sich heutzutage viel Geld verdienen.“, fragte der Mann direkt und klimperte aufmunternd mit einem Beutel, der mit zahlreichen Münzen gefüllt war. Doch der Fischer lehnte ab. Er erklärte, dass wenn er das Boot auch in diesem Moment nicht nutzen konnte, er es doch brauchen würde, sobald das Fischen an diesem Ort wieder möglich wäre. „Also, darauf würde ich mich nicht verlassen. Ehrlich, Ihr könntet eine hübsche Stange Geld von mir bekommen und irgendwo anders ein viel angenehmeres Leben anfangen.“, lockte der Händler weiter, stieß aber erneut auf Ablehnung. „Vielleicht habt Ihr Recht und ich bin nur ein sturer alter Mann. Aber ich möchte trotzdem lieber hierbleiben und es weiter versuchen.“, sprach der Fischer lächelnd.

Da gab der Mann auf und zog davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Als er weg war, bemerkte der Fischer verwundert, dass sich alle Planken seines Bootes durch neue ersetzt worden waren. Die Eisennägel, die es zusammen hielten, hatten sich zudem in Nägel aus purem Gold verwandelt. Auch das Segel hatte sein altes Gewand abgeworfen und zeigte sich mittlerweile in reinstem weißen Leinen. Ratlos stand sein Besitzer noch lange Zeit da, bevor er den Zwischenfall achselzuckend beiseiteschob und weiterarbeitete.

Eine letzte Prüfung

Der darauffolgende Tag verlief zunächst ereignislos. Der Fischer ging wie gehabt seinen Aufgaben nach und machte sich bei Sonnenuntergang auf dem Weg zum Tempel. Völlig unerwartet traf er beim Aufstieg auf einen alten Pilger, der erschöpft am Rande des Pfades saß. „Ich fürchte, ich habe mich etwas übernommen. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, da fällt mir vieles schwerer als früher.“, meinte dieser lächelnd. „Das kann ich gut verstehen. An manchen Tagen kann ich den Weg auch kaum mehr bewältigen. Früher war das natürlich anders. Aber gemeinsam schaffen wir die Steigung sicher. Stützt Euch nur auf mich.“, sprach der Fischer gütig und half dem Anderen hoch, bevor sie zusammen weitergingen.

„Es ist sicher schwer, ganz alleine hier zu leben. Wenn niemand da ist, der einem in der Not hilft.“, gab der Pilger nach einer Weile zu bedenken. Der Fischer bejahte und meinte vertrauensvoll: „Sicher, manchmal ist das schon hart. Aber ich vertraue darauf, dass die Zeit eine Besserung bringt. Und wer weiß? Vielleicht kommen die ehemaligen Bewohner dieses Dorfes irgendwann wieder zurück und leisten mir Gesellschaft. Bis es so weit ist, harre ich hier aus und kümmere mich um alles.“

Beide Männer schwiegen, als sie ein besonders steiles Stück des Weges passierten. „Ist das nicht ein wenig viel Verantwortung für einen Einzelnen? Zumal Ihr keinen Lohn dafür erhaltet.“, fragte der Pilger dann. „Das ist schon in Ordnung. Ich habe alles was ich zum Leben benötige.“, antwortete der Fischer lächelnd. „Und wenn man Euch etwas bieten würde?“, wollte der Andere wissen. „Würde ich es nicht nehmen. Ich bin glücklich, so wie es ist.“, sprach der Alte mit fester Stimme.

Als sie beim Tempel ankamen, half der Fischer dem Pilger auf einer Bank Platz zu nehmen, während er selbst am Altar sein Opfer niederlegte und betete. Sowie er geendet hatte, musste er jedoch feststellen, dass er allein war. Sein Begleiter war verschwunden. Stattdessen hallte eine tiefe, angenehme Stimme über die Klippe und sprach: „Dein Vertrauen und deine Treue haben mir imponiert. Drei Mal wurdest du von mir getestet und drei Mal hast du bestanden. Durch deine Taten hat sich meine Meinung über die Menschen geändert.  Ab morgen lasse euch wieder gewähren, wenn ihr auf den Ozean fahrt, um Fisch zu fangen.“ Nachdem das letzte Wort verklungen war, brach die Nacht über den Ort herein.

Das Glück kommt zurück

Wie angekündigt, war es am nächsten Tag wieder möglich mit dem Boot auf das Meer zu fahren, zu fischen und mit vollen Netzen an Land zurückzukehren. Seelig verkaufte der Fischer den Fang in der nächsten Stadt. Auch in den darauffolgenden Wochen kehrte er regelmäßig wieder und bot den Menschen fischen Frisch an. Als die Dorfbewohner von diesem Wunder hörten, kehrten sie allmählich wieder in ihren Heimatort zurück. Einstimmig boten sie dem Fischer eine Belohnung dafür, dass er sie alle gerettet hatte, wovon dieser allerdings nicht wissen wollte. Stattdessen animierte er sie dazu, den Tempel herzurichten und wieder regelmäßig darin zu beten.

Und so kam es. Noch Generationen nach dem Tod des Fischers erzählten die Einwohner ihren Nachkommen von dessen Taten. Sie lobten seinen unbrechbaren Willen und das tiefe Vertrauen, die der Grund gewesen waren, weshalb die Dinge sich wieder zum Besseren gewandelt hatten. Als Mahnmal sollte sein Grab dienen, dass man direkt neben dem Tempel errichtet hatte und an dem regelmäßig Blumen niedergelegt wurden. Nie wieder verfielen die Dorfbewohner oder ihre Kindeskinder auf diese Weise dem Wohlstand.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

Ich verfasse Kurzgeschichten in Form von Fabeln und male zu den Geschichten passende Bilder dazu. Mehr davon ist in meinem Blog: fabeltastisch.com und unter Facebook: Fabel.tastisch und Instagramm: fabel.tastisch zu finden. :)

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