Das Bauernmädchen und der Koi

Es sind viele Dekaden vergangen, seit die Welt von Krieg beherrscht wurde. In dieser Zeit war es nicht unüblich, dass mehrere Kriegsherren mit ihren Armeen die Länder durchstreiften, auf der Suche nach Ruhm und Macht. Die Soldaten vernichteten dabei unzählige Landstriche mit Feldern und Dörfern, bevor sie im Kampf ihr Leben ließen. Eines Tages blieb als Folge der Geschehnisse der Regen aus und Dürre verbreitete sich, wie eine hoch ansteckende Krankheit. Das Bisschen, das die Menschen ihr Eigen nannten, schrumpfte unerbittlich zusammen, sodass dadurch am Ende fast nichts mehr zum Leben übrigblieb.

In einem kleinen Dorf

Auch in einem kleinen Dorf, das eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln lag, waren die Bewohnern gezeichnet vom Kampf um das Überleben. Als nach vielen Monaten des Leids keine Besserung der Situation abzusehen war , fassten sie den Entschluss die Heimat für immer zu verlassen und ihr Glück woanders zu suchen. Also luden sie ihr Hab und Gut auf Karren, bevor sie in alle Himmelsrichtungen davonzogen.

Der Ort glich bald einer Geisterstadt, in der niemand zurückgeblieben war. Außer einem Mann und seiner kleinen Tochter. Der Vater, ein Bauer, kämpfte hartnäckig gegen die Dürre. Jeden Tag trennte er sich frühmorgens von seinem Kind und wanderte zu den Feldern, die er bis weit nach Sonnenuntergang zu bestellen versuchte. Er arbeitete unermüdlich, denn außer dem Land und seinem Kind war ihm nichts geblieben.

Sobald der Vater das Haus verlassen hatte, begann auch für das Mädchen die tägliche Arbeit. Sie verbrachte ihre Zeit damit die Böden zu scheuern, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen und die Betten zu machen. Sobald sie fertig war, saß sie ruhig da und wartete pflichtbewusst auf die Rückkehr das Familienoberhaupts.

Ein verhängnisvoller Zufall

Eines Tages war das Mädchen gerade mit der Wäsche im Garten hinter dem Haus zugange, als ihr ein starker Windstoß ein nasses Hemd entriss und in den angrenzenden Wald trug. Sofort ließ sie alles stehen und liegen und folgte dem Kleidungsstück, ohne darauf zu achten, wohin ihr Weg sie führte. Nach einer Weile musste sie einsehen, dass sie sich hoffnungslos verirrt hatte. Nichts schien ihr vertraut, vom Hemd und dem Weg zurück gab es keine Spur. Also lief sie weiter. Je weiter sie kam, desto dichter standen die Bäume zusammen und ließen ihr den Wald dunkel und unheimlich erscheinen. Auch die Farben der Pflanzen hatten sich verändert. Hier wirkten sie satter, gesünder und kräftiger, als im Dorf, wo die Dürre jeden verbliebenen Grashalm längst dahingerafft hatte. Sogar von der Hitze war nichts mehr zu spüren. Stattdessen strich dem Mädchen ein angenehm kühler Luftzug über die nackten Arme.

Nachdem sie stundenlang gewandert war, stieß das Mädchen auf einen kleinen Tümpel. Erleichtert sank sie auf die Knie, um ihren Durst zu stillen, als eine plötzliche Bewegung im Wasser sie hochfahren ließ. Vorsichtig blickte das Mädchen über den Rand des Teiches und entdeckte darin den wohl prächtigsten Fisch, den es je gegeben hatte. Seine Größe und Gewicht übertrafen jeden anderen Fisch um Längen, den es in der Umgebung gab. Am Ungewöhnlichsten war jedoch die schuppige Haut. Sie leuchtete genauso silbern, wie man es nur vom Mond kannte, wenn er sich in seiner vollsten Form des Nachts am Himmel zeigte.

Wie in Trance streckte das Mädchen die Hand aus und versuchte den Fisch zu greifen, überwältigt von der unglaublichen Schönheit vor ihr. Der Fisch, der zur Familie der Kois gehörte, schreckte indes vor der Berührung zurück. „Keine Angst, ich will dir nichts antun.“, sprach das Mädchen mit sanfter Stimme. Aber der Koi traute ihr nicht und hielt Abstand, solange sie in seiner Nähe war. Seufzend erhob sich das Mädchen schließlich. „Ich muss jetzt nach Hause gehen, aber ich werde wiederkommen und dich besuchen.“, versprach sie und wandte sich ab.

Bereits nach kurzer Zeit gelangte das Mädchen in vertrautes Gelände zurück und entdeckte sogar das verloren gegangene Hemd wieder. Die Sonne versank bereits am Horizont als sie endlich am Haus eintraf. Gedankenverloren machte sie sich daran das Abendbrot zu bereiten. Als der Vater wenig später von der Arbeit zurückkehrte, beschloss das Mädchen, nichts vom Fisch zu erzählen. Denn sie war sich sicher, dass der Vater den Koi als Nahrungsquelle ansehen und ihm etwas antun würde, wenn er von ihm erführe. Schon allein dieser Gedanke reichte aus, um ihr das Herz schwer werden zu lassen, weshalb sie schwieg.

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Am nächsten Tag konnte es das Mädchen nicht erwarten, zurück in den Wald zu kommen. Sie erledigte ihre Aufgaben so schnell sie konnte und lief dann los. Ihre Füße trugen sie direkt zum Teich, wo der Koi, bereits auf sie wartete. Seine anfängliche Scheu schien der Fisch überwunden zu haben. Runde um Runde schwamm er durch das Wasser, wackelte mit den Flossen und wagte sogar einen Sprung in die Luft. Begeistert klatschte das Mädchen in die Hände, was den Koi dazu ermunterte, immer gewagtere Kunststücke aufzuführen. Das Vergnügen dauerte jedoch nicht ewig. Als die Sonne langsam über den Wipfeln der Bäume verschwand, löste sich das Mädchen widerwillig und lief wieder zurück nach Hause.

Auch an den folgenden Tagen kam sie wieder, um den Koi zu sehen. Da es im Tümpel für den Fisch keine geeignete Nahrungsquelle zu geben schien, kümmerte sich das Mädchen darum. Bei jedem Besuch brachte sie daher ein wenig Obst oder etwas Gemüse von zu Hause mit, selbst wenn das hieß, dass sie selbst auf ihr tägliches Brot verzichten musste. Mehrmals erzählte sie von ihrem Leben, ihrem Vater und dem Dorf, als es dort noch Menschen gegeben hatte. Manchmal sprach sie auch von ihrer Mutter, die bei der Geburt gestorben war. Dann wieder saß sie einfach stumm da und erfreute sich der Gesellschaft des Fisches. So kam es, dass das Mädchen und der Koi Freunde wurden.

Inzwischen verschlimmerte sich die Situation außerhalb des Waldes zusehends. Die Temperatur stieg immer höher, sodass nicht nur die Luft, sondern auch der Boden unerträglich heiß geworden waren. Überall entzündeten sich kleine Feuer, die dicke schwarze Rauchschwaden in den Himmel beförderten und das Atmen erschwerten. Auch das Dorf war davon bedroht. Dem Vater blieb nun keine Wahl mehr. Eines Morgens ging er nicht mehr zu seinen Feldern. Völlig erschöpft blieb er im Haus, wo er seiner Tochter ein Bündel mit Essen überreichte und sie fortschickte, damit sie nicht beide an diesem Ort ihr Ende fänden. Er selbst wollte allerdings bleiben und bis zum Schluss auszuharren.

Der Wunsch

Verzweifelt lief das Mädchen in den Wald, wo sie weinend am Teich zusammenbrach. „Was soll ich nur tun? Wie kann es jetzt weitergehen?“, schluchzte sie mutlos. „Worin besteht dein Leid, meine Freundin? Erzähl mir davon!“, plätscherte es seidengleich aus dem Wasser. Erschrocken sprang das Mädchen auf und sah sich suchend um. Wer hatte zu ihr gesprochen? Außer ihr und dem Koi befand sich doch niemand an diesem Ort. „Hier unten bin ich. Komm, erzähl mir was dich grämt“., forderte der Fisch. Folgsam berichtete das Mädchen von der unerträglichen Situation zu Hause, bevor sie erwartungsvoll verstummte. „Nun, da du dich so gut um mich gekümmert hast, will ich dir helfen und dir einen Wunsch erfüllen.“, sprach der Koi. „Einen Wunsch?“, fragte das Mädchen erstaunt. „Genau. Du kannst dir alles wünschen, was dein Herz begehrt. Aber überlege gut und bedenke, dass jedes Übel an seiner Wurzel bekämpft werden muss und nicht nur an der Oberfläche.“

Die Worte verwirrten das Mädchen. Was genau, meinte der Fisch? Natürlich galt es die Feuer zu bekämpfen. Dann wären ihr Vater und das Dorf gerettet und sie selbst könnte wieder nach Hause zurückkehren. Aber an der Dürre würde das nichts ändern. Sie würde weiter andauern und den Menschen das Leben erschweren. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Die Antwort musste lauten, Regen. Sie musste sich Regen wünschen. Denn wenn es endlich regen würde, wären die Feuer gelöscht und die Dürre beendet. Dann konnten die Menschen die Felder wieder ordentlich bewirtschaften und bald würde wieder genug Nahrung für alle vorhanden sein.

Also bat das Mädchen darum. „Eine kluge Wahl. So soll es geschehen.“, meinte der Koi selbstbewusst und begann sich im nächsten Moment zu verändern. Er wurde immer größer und größer, sodass am Ende nur noch die Schwanzflosse in den Teich passte. Diese schwang der Fisch ein einziges Mal mit aller Kraft, wodurch das Wasser in den Himmel befördert wurde. Dort erfasste es der Wind und verwandelte es in dichte graue Wolken, die sich schon bald über das ganze Land verteilt hatten. Im Nu fiel Regen, der kaum das er die Erde benetzt hatte, frische Triebe aus den Pflanzen spießen ließ. Staunend stand das Mädchen da und sah zu zu, wie das Leben wieder Einzug hielt.

Ein glückliches Ende

 „Ach, wie wunderbar! Vielen, vielen Dank, lieber Koi.“, sprach das Mädchen und drehte sich zum Teich herum. Dieser war jedoch verschwunden. An seiner Stelle lag nun ein See, der sich auf viele Kilometer erstreckte und dessen Oberfläche im zarten Licht eines neuen Tages glänzte. Überglücklich lief das Mädchen nach Hause zu ihrem Vater und erzählte von der wundersamen Begebenheit. Zuerst wollte dieser ihr nicht glauben, eilte dann aber mit ihr in den Wald, um sich von der Geschichte zu überzeugen. „Tochter, es ist ein Wunder geschehen, für das wir dankbar sein müssen. Deine Gnade und Hilfsbereitschaft haben die Welt gerettet. Komm, lass uns als Erinnerung hier eine Gedenkstätte errichten.“, sagte der Vater, nachdem er die Wahrheit erkannt hatte. Gemeinsam erbauten sie mit viel Mühe einen kleinen Schrein, an eben jener Stelle, an dem, dem Mädchen der Koi zum ersten Mal erschienen war.

Die Zeit verging und mit ihr fanden auch immer mehr der ehemaligen Bewohner in das Dorf zurück. Als sie von den Ereignissen und dem Schrein hörten, wollten auch sie etwas dazu beitragen. Jeder Einzelne fügte seinen wertvollsten Besitz der Gedenkstätte hinzu, sodass dort schon bald der schönste und prächtigste Ort entstand, den man jemals gesehen hatte. Am Jahrestag des Wunders kamen die Menschen schließlich Jahr für Jahr zusammen und feierten ein Fest mit aufwendigen Speisen und großem Feuerwerk. So wollten sie sich für alle Zeit an die Geschehnisse erinnern und daran, dass man mit ein wenig Herzensgüte die Welt zum Besseren verändern konnte.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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