Der Hase und der Affe

Vor langer Zeit, als es die Menschen auf dieser Welt noch nicht gab, lebte in einem Tal eine Gruppe Tiere zusammen. Sie gehörten unterschiedlichen Arten an, bildeten aber trotzdem eine Gemeinschaft, in welcher sich jeder auf den anderen verlassen konnte. Im Gegensatz zu anderen hatten sie nämlich erkannt, dass nur in der Einigkeit ein sicheres und angenehmes Leben für alle möglich war. Dafür nahmen sie auch Anstrengungen auf sich, verbannten unter anderem Streit und Missgunst aus ihrer Mitte und lösten Probleme gemeinsam, statt jeder für sich. Das Leben hätte friedlich und harmonisch verlaufen können, wäre da nicht ein kleiner Affe gewesen, der permanent Unruhe in der Gruppe verursachte.

Wie die anderen Tiere war auch der Affe im sicheren Tal geboren worden, wo ihm ein glückliches Heranwachsen ermöglicht worden war. Damit endeten aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Während seinen Artgenossen der Ernst des Lebens bewusst war, kannte der Affe weder Angst noch Sorgen. Statt sich Gedanken um die Zukunft zu machen, genoss er jeden Tag und tat nur das, was ihm gefiel und wann es ihm einfiel. Das sein Verhalten Einfluss auf die übrigen Bewohner im Tal haben oder ihnen sein Egoismus missfallen könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn.

Drei Ereignisse und ihre Konsequenzen

Eines Tages sollte der Affe dabei behilflich sein, Futter für den Winter zu sammeln. Dies war notwendig, da die Winter im Tal sehr lange andauern konnten und viel Schnee und Eis mit sich brachten. Dem Affen schien dieser Umstand jedoch nicht zu kümmern. Inmitten der Anderen, die fleißig der Arbeit nachkamen, begann er sich schon bald zu langweilen. Statt nach Beeren, Wurzeln oder Nüssen zu suchen, sang er laut vor sich hin, jonglierte mit Steinen und schlug Purzelbäume. Zu allem Überfluss fraß er das beste Futter selbst, anstatt es aufzuheben. Einem Wildschwein wurde dieses Verhalten schließlich zu viel. „Was tust du da? Das ist unser Vorrat für den Winter. Wenn du es jetzt frisst, bleibt doch nichts für später übrig.“, schrie der alte Keiler. „Ja, warum soll ich es denn nicht jetzt gleich fressen? Im Winter gibt es davon doch noch genug. Außerdem bin ich gerade hungrig und nicht später.“, antwortete der Affe und war sich keiner Schuld bewusst. „Du Dummkopf! Im Winter gibt es doch nur genug, weil wir jetzt verzichten und es zurücklegen! Scher dich fort, wenn du das nicht verstehen kannst!“, brüllte das Wildschwein. Beleidigt machte sich der Affe davon.

Als es Abend im Tal wurde, versammelten sich die Tiere bei den heißen Quellen, um lange und ausgiebig zu baden. Auf diesem Weg wollten sie sich von der anstrengenden Arbeit erholen, die sie tagsüber geleistet hatten. Der Affe aber hasste die Monotonie dieses Rituals. Daher beschloss er für Abwechslung zu sorgen und versteckte sich hinter einem großen Stein, am Rande des Beckens. Nachdem sich alle versammelt hatten, sprang er laut heulend in die Mitte des Bassins und übergoss die Badenden von oben bis unten mit Wasser. „Was fällt dir ein? Kannst du nicht in Ruhe baden?“, kreischte ein Reh erzürnt. „Das macht doch keinen Spaß. Komm, spiel doch lieber mit mir.“, forderte der Affe glücklich plantschend. „Wir wollen nicht spielen. Wir sind müde von der Arbeit. Also lass uns in Ruhe!“, rief das Reh und verließ die Quelle. Die übrigen Tiere schlossen sich ihm an und der Affe blieb allein zurück.

Jeden Morgen nach Sonnenaufgang kamen die Tiere für eine kurze Versammlung zusammen. Dabei entschieden sie, wie der Tag sinnvoll genutzt werden sollte oder fassten Entscheidungen, die die Gruppe betrafen. Normalerweise nahm der Affe nicht daran teil, da er gerne bis spät in den Vormittag hinein schlief. Es hätte für ihn auch keinen Unterschied gemacht, wenn er dabei gewesen wäre, da sowieso niemand je seine Vorschläge unterstützen würde. Eines Morgens entschied er sich jedoch anders. Er stand früh auf und sammelte unzählige Raupen und Käfer, die er in einem Sack verschloss. Dann kletterte er auf den höchsten Baum über der Lichtung, an welcher die Tiere stets tagten. Kichernd wartete er bis alle versammelt waren, bevor er den Sack öffnete und in die Runde warf. Der Affe genoss die Panik, die sich unter seinen Artgenossen verbreitete, während sie verzweifelt versuchten die Insekten aus ihren Pelzen und Federn zu entfernen. „Das habt ihr jetzt davon, dass ihr immer so ernst seid. Vielleicht lockert euch das ja auf.“, lachte der Affe und machte sich davon, bevor er Ärger bekommen konnte.

Die unerwarteten Begebenheiten einer Reise

Nachdem wieder Ruhe auf der Lichtung eingekehrt war, hielten die Tiere erneut Rat. Schnell kamen sie überein, dass das Verhalten des Affen nicht länger tragbar für die Gemeinschaft war. Die Mehrheit plädierte sogar dafür, dass er das Tal für immer verlassen sollte und nie zurückkehren dürfte. Ein Hase hatte jedoch eine bessere Idee. Nachdem er davon berichtet hatte, stimmten die Tiere seinem Vorschlag zu.

Noch am selben Morgen ging der Hase zum Affen. Er erzählte ihm von einer Reise, bei der er Verwandte besuchen wollte und bat ihn, ihn zu begleiten. Der Affe überlegte nicht lange und stimmte zu. Gemeinsam machten sie sich sofort auf den Weg. Der Hase gab ein strammes Tempo vor, dem der Affe nur mit Mühe folgen konnte. Zum ersten Mal plapperte oder sang er nicht vor sich hin, da die Anstrengung seine Stimme lähmte. Als er eine Quelle nahe dem Weg entdeckte, bat er den Hasen um eine Pause, um seine schmerzenden Füße zu kühlen. Zusammen setzten sie sich an den Rand des Gewässers und ließen die Beine in das angenehme Nass baumeln. Als der Affe sich allmählich zu entspannen begann, stürmte eine Gruppe Frösche laut quakend an ihnen vorbei. Ohne auf die bereits anwesenden Tiere zu achten, sprangen sie ins Wasser und begannen ein ungestümes Spiel. „Könnt ihr nicht damit aufhören? Wir sind müde und wollen uns hier erholen.“, sprach der Affe erbost zu den Fröschen. Diese lachten ihn jedoch aus. „Wir wollen doch nur Spaß haben. Du musst ja nicht mitmachen, wenn du nicht willst.“, quakten sie hämisch und spielten weiter. Verwirrt schlug der Affe vor, sich wieder auf den Weg zu machen. Er bemerkte das wissende Lächeln des Hasen nicht.

Viele Stunden später ersuchte der Affe erneut um Rast. Noch nie hatte er solchen Hunger empfunden wie jetzt. Aufgrund der Ereignisse am Morgen, hatte er es versäumt, zu frühstücken, also schlug er vor, nach Nahrung zu suchen und erst danach die Reise fortzusetzen. Der Hase stimmte zu. Sie verließen den Weg und gingen tiefer in den angrenzenden Wald, fanden jedoch erstmals nichts. Es schien als gäbe es weit und breit keine Beeren, Wurzeln oder Nüsse. Schwach vor Hunger sank der Affe zu Boden, als der Hase ihn anstieß und sagte: „Sieh, da drüben ist ein Brombeerbusch voll reifer Früchte. Dort können wir uns laben.“ Jauchzend vor Glück lief der Affe los, als der Strauch erzitterte. Wie ein Hagelsturm waren unzählige Schwalben vom Himmel gestoßen und hatten jede noch so kleine Beere aus dem Blattwerk gezupft und verzehrt. In kürzester Zeit war der Busch leer gefressen. Empört wandte sich der Affe an die Schwalben: „Aber so geht das doch nicht. Ihr könnt doch nicht alles aufessen und uns nichts übriglassen!“ Die Vögel starrten ihn entgeistert an. „Ach, reg dich nicht auf. Wir hatten eben solchen Hunger, sodass uns alles andere egal war. Außerdem wachsen die Beeren ja nach. Nächstes Jahr kannst du auch welche abhaben.“, feixte die dickste Schwalbe und flog lachend mit ihren Artgenossen davon. Als der Hase vorschlug, weiterzugehen, folgte ihm der Affe betrübt.

Während das Abendrot langsam heranzog, schlug der Hase einen letzten Halt vor. Etwas abseits vom Weg setzten sich die Reisenden unter eine alte Buche. Der Affe schwieg, tief in Gedanken versunken. Die Begegnung mit den Fröschen und Schwalben hatte ihn mehr getroffen, als er zugeben mochte. Der Hase hingegen schien davon nicht beeindruckt und kletterte auf den Baum. „Sieh mal, was ich gefunden habe! Das wird deinen Ernst vertreiben.“, tönte es kurz darauf aus dem Geäst. Und bevor der Affe reagieren konnte, fiel von oben ein Bienennest auf ihn herab. Die darin wohnenden Bienen stoben wütend aus dem zerstörten Nest und fielen über den Affen her, der panisch davonlief.

Die Lektion

Mehrere Weglängen weiter verschnaufte das geschundene Tier an einem Felsen, als der Hase wieder zu ihm stieß. „Warum hast du das getan?“, fragte der Affe, immer noch völlig außer Atem. „Aber das weißt du doch am besten.“, antwortete sein Gegenüber ruhig. Da verstand der Affe. Vor der Reise hatte er, genau wie die Frösche, die Schwalben und der Hase, nur an sich selbst gedacht. Die Gefühle anderer waren ihm egal gewesen, solange es ihm dabei gut ging. Auch wurde ihm nun klar, dass jede Handlung Konsequenzen hatte und es manchmal eben unausweichlich war, etwas zu tun das allen diente, auch wenn man selbst daran kein Vergnügen fand. Der Affe hatte seine Lektion gelernt.

Schluchzend bat er den Hasen um Entschuldigung und schwor, sich zu ändern. Da strömten die Frösche und Schwalben herbei und begleiteten ihn und den Hasen zurück nach Hause. Die anderen Tiere empfingen die Reisenden mit einem großen Festmahl und feierten bis spät in die Nacht die Rückkehr des Geläuterten und einer besseren Zukunft entgegen.

K.ST.

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