Der Junge und die Rehe

Vor hunderten von Jahren lebte man unter völlig anderen Verhältnissen als heute. Große Siedlungen und Städte gab es beispielsweise kaum. Stattdessen lebten die Menschen in einfachen Holzhäusern in kleinen Dörfern, eng beieinander, die über das ganze Land verteilt waren. Verbunden, durch ein einfaches Wegenetz, dessen Straßen sich oftmals in schlechtem Zustand befanden. Als Passant war man mit tiefen Schlaglöchern, losem Geröll oder umgestürzten Bäumen konfrontiert. Genauso war es auch möglich auf Räuber zu treffen, die den Reisenden ihr Hab und Gut abnahmen. Ebenso konnte es aber auch passieren, dass ein Weg plötzlich im Nirgendwo endete und man nie mehr nach Hause zurückfand. Eine Straße zu betreten, stellte zur damaligen Zeit also ein großes Wagnis dar, dass niemand ohne guten Grund auf sich nahm.

Das Unglück und die zweifelhafte Lösung

In einem kleinen Dorf gab es einst eine vielköpfige Familie, die zusammen mehrere große Reisfelder bewirtschaftete. Die Arbeit war hart und dauerte von früh bis spät, was die Beteiligten aber gerne in Kauf nahmen, da der Reis ihnen viel Geld einbrachte. Eines Morgens kam es jedoch zu einem großen Unglück. Als die Mutter ihre alte Sichel zur Hand nahm, entglitt sie ihren Fingern und brach entzwei. Sie jammerte fürchterlich, da gute Sicheln schwer zu beschaffen waren und im Ort war kein Schmied ansässig, der das Werkzeug reparieren konnte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als in die nächste Siedlung zu gehen und eine neue zu kaufen. Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter gewählt sein können. Die Felder standen in voller Blüte und mussten dringend geerntet werden. Würde sie sich jetzt aufmachen, könnte die Ernte könnte nicht mehr rechtzeitig vor Sonnenuntergang eingeholt werden.

Das kleinste Kind der Familie bemerkte die Not der Mutter und bot an, die Aufgabe zu übernehmen. Die Mutter haderte mit sich. Der Weg würde mehrere Stunden in Anspruch nehmen und war sehr beschwerlich. Ihr Sohn hingegen war klein und etwas schwächlich. Aber was blieb ihr übrig? Sie schob ihre Bedenken beiseite, bereitete eine Tasche mit Essen vor, legte eine Decke zum Ausruhen zurecht und zählte genügend Geld für das neue Werkzeug ab. Dann schärfte sie dem Jungen den Weg ein und bestand darauf, dass er die Straße auf keinen Fall verlassen durfte. Denn der Wald durch den der Weg führte, war unglaublich dicht, weshalb man sich dort sehr schnell verirren konnte. Brav versprach das Kind der Mutter, dies auf keinen Fall zu tun und ging los.

Die erste Verlockung und der ungehorsame Junge

Stundenlang folgte der Junge der steinigen Straße, während die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte. Als ihm die Hitze und das Weitergehen unerträglich geworden waren, setzte er sich unter eine hohe Kiefer am Wegrand, um ein wenig auszuruhen. Er hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann neben ihm aus dem Gebüsch trat. Starr vor Schreck starrte der Junge den Neuankömmling an. „Na mein Kleiner, du siehst aber durstig aus. Kein Wunder bei der Hitze. Warum gehst du nicht in den Wald? Keine hundert Schritte von hier gibt es eine Quelle mit dem reinsten und kühlsten Wasser, das du dir vorstellen kannst. Du musst nur schnurgerade durch den Wald laufen und es dir holen.“, lockte der Alte. Es war wirklich sehr heiß und der Junge hatte schrecklichen Durst. Dennoch, er hatte nun einmal versprochen, nicht in den Wald zu gehen. „Und du sagst, es ist ganz nah?“, fragte er trotzdem nach. „Aber ja, ja. Ich lüge doch nicht.“, meinte der Mann und ging fort. Zurück blieb der Junge, der zu dem Schluss kam, dass ein kleiner Umweg sicher nicht schaden würde.

Entschlossen trat er in das Dickicht. Und obwohl er sich gerade hielt und genau hundert Schritte abzählte, verlief er sich nach kürzester Zeit. „Ach, hätte ich nur auf die Mutter gehört. Sie hat mich gewarnt. Was soll ich jetzt bloß machen?“, weinte der Junge. Wie aus dem Nichts erschien ein Reh neben ihm. Selbst in der Dunkelheit des Waldes erkannte der Junge, dass er es mit einem wunderschönen Geschöpf zu tun hatte. Das Fell des Rehes glänzte kastanienbraun und sein Bauch war vom reinsten Weiß, dass er je gesehen hatte. Die schwarzen Augen blickten ohne Furcht, weshalb der Junge das Reh schließlich ansprach: „Kannst du mir vielleicht den Weg zurück zeigen?“ Gehorsam trottete das Tier los und nach einem kurzen Fußmarsch kamen sie zurück zur Straße. Zum Dank für die Hilfe bot der Junge dem Tier Wasser aus einem Krug aus seiner Tasche an. Er hatte durch die Worte des alten Mannes völlig vergessen, dass er gar kein Quellwasser benötigte, da er selbst welches mit sich führte. Nachdem das Reh getrunken hatte, verneigte es sich vor dem Jungen und verschwand wieder in den Wald.

Die zweite Verlockung und der unbelehrbare Junge

Der Junge aber setzte seinen Weg fort, bis sein Bauch vor Hunger zu knurren begann. Er breitete die Decke am Wegrand aus und holte Essen aus der Tasche. Er verputzte gerade das letzte Stück, als eine Frau aus dem Wald gegenüber kam. Sie trug einen Korb bei sich, voll von saftigen Beeren und dickbäuchigen Pilzen. „Na, warum gehst du nicht in den Wald und pflückst dir auch ein paar? Sie sind unglaublich köstlich, weshalb du es nicht bereuen wirst.“, sprach sie verführerisch. „Meine Mutter hat mir verboten den Weg zu verlassen.“, erwiderte er Junge kleinlaut. Die Frau tat diese Bemerkung mit einer Handbewegung ab: „Unsinn. In diesem Wald kann man sich nicht verlaufen. Außerdem findest du die Beeren und Pilze keine dreißig Schritte von hier. Warum versuchst du es nicht?“ Die Worte der Frau lösten etwas im Jungen aus. Erneut vergaß er völlig, dass er sich gerade erst im Gehölz verlaufen hatte und es daher besser wäre, auf der Straße zu bleiben. Stattdessen stand er auf, packte seine Sachen zusammen und machte sich auf in den Wald.

Auch diesmal dauerte es nicht lange, bis er sich hoffnungslos verirrt hatte. Schluchzend stand er inmitten einer Lichtung, als erneut ein Reh vor ihm wie durch Zauberhand erschien. Auch dieses Tier war bildschön. Anders als das erste Reh war sein Fell jedoch nicht kastanienbraun, sondern erstrahlte im dunklem Ebenholz. „Kannst du mich vielleicht zurück zur Straße führen?“, fragte der Junge hoffnungsvoll. Auch dieses Tier schien still zu verstehen und brachte ihn wenig später sicher aus dem Wald. Nahe dem Weg entdeckte der Junge einen Himbeerstrauch. Er pflückte hurtig die reifsten Früchte und gab sie dem Reh als Dank zu fressen. Auch dieses Tier verbeugte sich, bevor es anschließend in das Dickicht zurücklief.

Eine letzte Prüfung

Abermals ging der Junge die Straße entlang. Diesmal jedoch mit dem festen Vorhaben, sie nicht mehr zu verlassen. Als er endlich im nächsten Dorf angekommen war, erledigte er den Einkauf im Eiltempo, um sogleich den Rückweg anzutreten. Stunden vergingen, ohne dass es zu einem weiteren Zwischenfall kam. Schritt für Schritt näherte sich der Junge nun seinem Zuhause. Da stieß er auf einige Männer, die sehr schäbig gekleidet waren. „Oh je, oh je, du hast ja schwer zu tragen. Gib die Sichel lieber mir, dann ist es für dich leichter.“, sprach der größte Mann vertrauensvoll. Der Junge aber hatte sie durchschaut. Ihm war klar, dass er es mit Räubern zu tun hatte, die ihm sein Hab und Gut stehlen wollten. Das durfte er unter keinen Umständen zulassen. Ihm blieb nur ein Ausweg. Er drückte das Werkzeug fest an sich und jagte an den Männern vorbei in den Wald.

Fluchend folgten ihm die Räuber. Genau wie zuvor der Junge, verirrten aber auch sie sich schon bald im Gehölz. Panisch durchsuchten sie das Dickicht nach dem richtigen Weg zurück zur Straße, bemerkten dabei jedoch nicht, dass sie immer tiefer in den Wald vorstießen. Der Junge hingegen hatte sich in einem hohlen Baum versteckt. Kaum waren die Verfolger verschwunden, kletterte er hervor und sah sich erneut einem Reh gegenüber. Voller Dankbarkeit umarmte der Junge das Tier. Er hatte mit aller Kraft darauf gehofft, dass ihm auch dieses Mal ein tierischer Führer zur Seite stand, wenn er den Wald betreten würde. Genau wie die letzten beiden Rehe, war auch dieses hier von unbeschreiblicher Schönheit und Eleganz. Mit seinem silbrig glänzenden Fell erfüllte es das Herz des Kindes und nahm alle Last von ihm. „Liebes Reh. Kannst du mich ein letztes Mal zur Straße führen?“, fragte der Junge und streichelte dem Tier den Kopf. Das Reh stieß einen heißeren Schrei aus, bevor es losschritt. Gemeinsam erreichten sie den Weg, ohne auf einer einzigen Seele zu begegnen. „Vielen lieben Dank, du gutes Reh. Hier, nimm diese Kräuter, die ich im Wald für dich gesammelt habe. Sie sind mein Dank für deine Dienste.“, sprach der Junge und fütterte das Tier. Als es fertig war, verbeugte sich auch dieses Reh, bevor es anschließend von Dannen trottete.

Das glückliche Ende

Der Junge rannte nun so schnell er konnte nach Hause, wo er bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Atemlos lauschte die Familie den Geschehnissen und war zutiefst erleichtert, dass das Kind wohlbehalten zu ihnen zurückgekehrt war. Die Mutter wollte den Jungen gar nicht mehr aus ihren Armen lassen, so glücklich war sie. Nur die Großmutter saß still auf ihrem Platz. „Du hast richtig getan, dich für die Hilfe der Rehe zu bedanken. Sonst hätten sie dich niemals mehr aus dem Wald gelassen und du müsstest bis an dein Lebensende ziellos darin herumirren.“, meinte sie weise und jagte den Anwesenden damit einen Schauer über den Rücken. „Aber auch wir als Familie müssen Dank zollen. Morgen wollen wir gemeinsam die Straße entlanggehen und Gaben für die Helfer an den Stellen hinterlegen, an denen unserem Kind geholfen wurde.“, befahl sie abschließend.

Und so kam es, dass sich am nächsten Tag jedes einzelne Mitglied der Familie auf den Weg machte. Auch im darauffolgenden Jahr kehrten sie zurück, um sich an die Begebenheit zu erinnern und zu danken. Schon bald schlossen sich ihnen mehr und mehr Dorfbewohner an, denen die Tiere in der Vergangenheit ebenso zur Hilfe gekommen waren. Viele Jahre später errichtete man schlussendlich an den besagten Stellen mehrere Schreine, wo nicht nur Menschen stets willkommen geheißen wurden, sondern auch Rehe gerne gesehene Gäste waren.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

Ich verfasse Kurzgeschichten in Form von Fabeln und male zu den Geschichten passende Bilder dazu. Mehr davon ist in meinem Blog: fabeltastisch.com und unter Facebook: Fabel.tastisch und Instagramm: fabel.tastisch zu finden. :)

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