Der umherwandernde Fächer

Schon immer ist es den Menschen ein Anliegen gewesen, sich von anderen zu unterscheiden. Sie zeigen dies beispielsweise, indem sie bestimmte Gegenstände verwenden oder bei sich tragen, die klar erkennen lassen, zu welcher Gesellschaftsschicht sie gehören. So war es früher unter den Männern Mode, kunstvoll gestaltete Hüte auf dem Kopf zu tragen oder aus aufwendig geschnitzten Pfeifen zu rauchen. Frauen hingegen versteckten ihre Gesichter allzu gerne hinter prächtigen Fächern, die sie wie Schmuckstücke präsentierten. Aber nur die Besten vermochten es auch, den wahren Charakter der Trägerin dahinter zu verbergen.

Der anspruchsvolle Auftrag

In einer großen Stadt lebte einst eine besonders reiche Frau, die als unglaublich habgierig und eitel galt. Eines Tages gab sie bei einem Händler einen Fächer in Auftrag. Dieser sollte nur mit den schönsten und teuersten Materialien hergestellt werden, die es für Geld zu kaufen gab. So wurde das Gerüst aus reinem Elfenbein gefertigt, dass mit der teuersten und schönsten Seide bespannt wurde, die im Land zu finden war. Tagelang vernähte der Händler funkelnde Edelsteine, vollkommene Perlen und seltene Federn, bis der prunkvollste Fächer entstanden war, den je ein Mensch gesehen hatte. Stolz übergab der Mann ihn nach der Fertigstellung seiner Auftraggeberin. „Was soll das sein, was du mir da bringst?“, blaffte diese jedoch empört, „Ich habe verlangt, dass du mir einen prunkvollen Fächer fertigst und nicht diesen Schund, den du da in der Hand hältst. Da hast du zwei Bronzestücke. Du hast Glück, dass ich dir überhaupt so viel dafür gebe. Und jetzt scher dich weg.“

Selbstverständlich war der Fächer mehr als zwei Bronzestücke wert, was sowohl der Händler als auch die Frau wussten. In Wahrheit war sie auch höchst zufrieden mit der Ware, weigerte sich aber aus lauter Gier angemessen dafür zu bezahlen. Nachdem der Händler gegangen war, rief sie ihre Bediensteten zu sich und gab Anweisungen für die Ausrichtung eines großen Festes. Noch am selben Abend strömten alle wichtigen Würdenträger der Stadt in das Haus. Wie es sich die Frau gewünscht hatte, wurde sie zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Keiner der Gäste nahm an diesem Tag ihre schlechten Eigenschaften wahr. Es schien, als wäre es dem Fächer gelungen diese vor aller Welt zu verstecken.

Der tragische Verlust

Die Frau genoss die Aufmerksamkeit , die ihr das Schmuckstück einbrachte und trug ihn daher ständig bei sich. Eines Morgens verließ sie gerade das Haus, als ein Hund auf sie zu stürmte. Zornig schlug die Frau mit ihrem Fächer nach dem Tier. Durch die Wucht der Bewegung platzten etliche Perlen und Edelsteine vom Stoff und fielen zu Boden. Laut schimpfend sammelte die Frau den Zierrat ein, bevor sie nach den Ordnungshütern rief. „Dieser Hund ist gefährlich. Nehmt ihn mit und sperrt ihn ein.“, befahl sie und wandte sich ab, um ihren Weg fortzusetzen.

Nach nur wenigen Schritten wurde sie erneut aufgehalten. „Na, bist du hier ganz allein unterwegs? Mit so einem schönen Gegenstand in der Hand, ist das nicht sehr klug. Jemand könnte auf die Idee kommen, ihn dir zu stehlen.“, sprach ein Mann und versperrte ihr den Weg. „Verschwinde oder ich rufe die Stadtwache.“, drohte die Frau arrogant. „Ach ja? Dieselbe Wache die du gerade weggeschickt hast, um meinen Hund einzusperren?“, fragte der Kerl spöttisch. Da erkannte die Frau, welchen Fehler sie begangen hatte. Der Vorfall mit dem Hund war eine Ablenkung gewesen, damit sie der Bandit später in Ruhe überfallen und den Fächer rauben konnte. Entsetzt wich die Frau zurück, verhinderte aber dadurch letztendlich nicht, dass ihr der Mann den Fächer entriss und damit floh. Noch Jahre später versuchte die Frau das geliebte Schmuckstück zurückzubekommen. Erfüllt von Sehnsucht hatte sie auf der Suche ihr gesamtes Vermögen ausgegeben. Als sie schließlich starb, war sie völlig verarmt und musste aus diesem Grund in einem überfüllten Armengrab beigesetzt werden.

Der Beginn der Wanderschaft

Der Räuber reiste in eine weit entfernte Stadt, um den Fächer dort gewinnbringend zu verkaufen. Vorsichtig löste er dazu die restlichen Perlen und Steine vom Stoff, da er sie sozu besser zu Geld machen konnte. Den Rest tauschte er in einem Wirtshaus ein, bevor er die Gegend für immer verließ. Dessen Besitzer war jedoch ratlos, was er mit dem Fächer anfangen sollte. Verkaufen kam nicht in Frage, da er durch den fehlenden Schmuck an Wert verloren hatte. Außerdem sah er abgenutzt und schäbig aus, wofür gewiss niemand zu zahlen bereit war. „Nun gut, wenn ich nichts dafür bekommen kann, dann soll eine meiner Tänzerinnen ihn verwenden.“, dachte der Wirt froh über den Geistesblitz. Doch keine seiner Tänzerinnen wollte damit auftreten, da sie nicht mit dem zweifelhaften Aussehen des Fächers in Verbindung gebracht werden wollten. Wütend darüber drückte er ihn schließlich der Schmächtigsten von ihnen in die Hand. „Er gehört dir. Nimm ihn schon, du dummes Mädchen. Bei deinem schlechten Tanz wird sowieso niemand mitbekommen, was du ihn der Hand hältst.“, sprach er und schritt davon.

Das Mädchen tat wie ihr befohlen und ging mit dem Fächer auf die Bühne. Obwohl sie wie immer grauenvoll tanzte, schien das Publikum plötzlich begeistert davon zu sein. Wildfremde Menschen boten ihr nach der Aufführung sogar Unsummen, um mehr davon zu sehen. Kurz darauf verließ das Mädchen das Wirtshaus, um nur noch in den besten Theatern des Landes und zu den höchsten Preisen aufzutreten. Dumm und eingebildet wie sie war, kam ihr nie in den Sinn darüber nachzudenken, wie sie zu ihrem überraschenden Ruhm gelangt war. Hätte sie es getan, hätte sie sicher besser auf den Fächer geachtet. Eines Abends nämlich, nachdem die Tänzerin eine Vorstellung beendet hatte, vergas sie ihn in ihrer Garderobe. Von diesem Tag an wollte sie niemand mehr tanzen sehen. Als ihr endlich klar wurde, dass der Fächer der Grund für all den Ruhm und Reichtum gewesen war, war es zu spät. Egal wie verzweifelt sie danach suchte, es blieb dabei, dass er nicht mehr aufzufinden war. Aufgrund der Aussichtslosigkeit ihres Daseins, verlor sie den Verstand und wurde in eine Anstalt gebracht, wo sie den kümmerlichen Rest ihres Lebens verbrachte.

Eine weitere Aufgabe

Tatsächlich hatte eine Putzfrau den zurückgelassenen Fächer im Theater gefunden und zu einem Krämer gebracht, er ihn ihr für einige Münzen abkaufte. Mehrere Jahre verstaubte er in einer dunklen Ecke des Geschäfts, bis er von einer alten Frau entdeckt wurde. Sie kaufte ihn, unbeeindruckt davon, dass er mittlerweile jegliche Schönheit verloren hatte. Um das Feuer für die Gäste in ihrer schlecht besuchten Herberge zu entfachen, reichte er alle Male aus. Kaum hatte die alte Frau den Fächer mit sich nach Hause genommen, als sich ihr Schicksal auch schon wandelte. Gekonnt verbarg der Fächer ihr unfreundliches Wesen, weshalb der schlechte Ruf der Herberge schon bald der Vergangenheit angehörte und immer mehr Menschen kamen, um darin zu nächtigen.

Wie seine letzten Besitzerinnen machte sich auch die Alte keine Gedanken über die Wirkung des Fächers und sah ihn nur als Mittel zum Zweck. Als der letzte Rest Stoff von ihm abgefallen war, warf sie ihn ohne weiteres weg und schaffte Ersatz an. Mit einem Mal blieben die Gäste aus, weshalb die Frau die Herberge wenig später verkaufen musste. Bis zu ihrem Tod klopfte sie an jede Tür eines jeden Hauses, auf der Suche nach dem verlorenen Glück.

Das Ende des Umherwanderns

Nachdem die alte Frau den Fächer entsorgt hatte, war er einem kleinen Mädchen in die Hände gefallen. Sie hatte Mitleid mit dem ehemals schönen Gegenstand gehabt und ihn deshalb an sich genommen. Die Kleine brachte ihn zu ihrem Vater, dem angesehensten und besten Fächermacher des Landes. Aber obwohl dieser ihn einst selbst gefertigt hatte, erkannte der Mann den Fächer nicht wieder und wollte ihn auch nicht im Haus haben. „Das eignet sich nicht mehr für den Verkauf. Wirf ihn weg und suche dir lieber einen anderen aus.“, meinte der Vater nachdrücklich. Da begann die Tochter bitterlich zu weinen, weshalb er ihr widerstrebend erlaubte, ihn zu behalten. „So kann er aber nicht bleiben. Wenn ihn die Kunden zu Gesicht bekämen, würden sie nie wieder etwas bei mir kaufen.“, sprach er griesgrämig.

Überglücklich begann das Mädchen am Fächer zu arbeiten. Obwohl er diesmal nicht mit kostbaren Materialien verziert wurde, strahlte er am Ende schöner als jemals zuvor. Viele versuchten im Laufe der Jahre den Fächer zu erwerben, was das Mädchen jedoch stets ablehnte. Stattdessen gab sie ihn innerhalb der Familie weiter, wo er sorgsam gehegte und gepflegte wurde, wenn er wieder einmal seine Anmut zu verlieren drohte. So verblieb der Fächer bei den Nachkommen des Händlers und brachte ihnen Glück und Wohlstand. Seiner Aufgabe, unschöne Eigenschaften zu verbergen, musste er allerdings nie wieder nachkommen. Denn sein Dasein war nur noch von Aufrichtigkeit und Kameradschaft erfüllt.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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