Der unvollendete Garten

Bei jedem Menschen zeigen sich im Laufe des Lebens eine oder mehrere Begabungen. Diese Talente sind von Geburt an gegeben, können also nicht erlernt, jedoch durch viel Übung verfeinert werden. Durch sie können ihre Träger einerseits überdurchschnittliche Leistungen erbringen, andererseits aber auch daran verzweifeln, wenn sie aus ihrem Tun erwachen und feststellen, dass die die ihnen wichtig sind, darunter gelitten haben. Das dabei verlorene Glück anschließend wiederzufinden, gelingt indes nur den wenigsten.

Der talentierte Gärtner

Vor langer Zeit lebte in einem weit entfernten Land ein ungeheuer talentierter junger Gärtner. Durch harte Arbeit und mit viel Geschick konnte er selbst die kargste Fläche in eine wundervoll blühende Landschaft verwandeln. Es gelang ihm beinahe spielend, die natürliche Schönheit eines Ortes einzufangen und sie anschließend mit kunstvollen Formen so zu ergänzen, bis ein perfekter Garten entstand. Niemand bezweifelte, dass der junge Mann ein Meister seines Faches war. Aufgrund dessen, dass er immer neue Wunder schuf, gelangten die Menschen schon bald zu der festen Überzeugung, dass er einfach alles bewerkstelligen konnte, egal wie schwierig oder unmöglich es auch scheinen mochte. Als ein alter Greis davon erfuhr, machte er sich sofort voller Hoffnung auf den Weg zum Gärtner. Er flehte ihn an, auch seinen Garten in Schönheit erstrahlen zu lassen. Auf diesem Weg sollte seine schwer kranke Tochter von ihrem Leiden erlöst werden. Den Gärtner rührte das Anliegen des Alten, weshalb er einwilligte.

Eine Wendung des Schicksals

Als er dem jungen Mädchen vorgestellt wurde, war es sofort um beide geschehen. Hals über Kopf hatten sie sich ineinander verliebt, weshalb der junge Mann sein gesamtes Herzblut in die Gestaltung des Gartens legte. Kaum hatte er seine Arbeit vollendet, blühte die Angebetete wie eine frische Blume auf und wurde gesund. Das Glück war vollkommen, als die Frau nach der Heirat ein Kind erwartete.

Doch schon kurz darauf erkrankte sie ein weiteres Mal. Der Gärtner war nun gezwungen seinen Beruf aufzugeben und sesshaft zu werden, damit er sich um sie kümmern konnte. Er kaufte ein Grundstück mit viel Land, wo er für die Geliebte einen noch prächtigeren Garten schaffen wollte als zuvor, damit sie erneut von der Krankheit genesen konnte.

Während sich der Gärtner untertags der Arbeit widmete, blieb die Frau allein im Haus zurück. Sie fühlte sich sehr einsam, bis sie eines Tages mehrere Katzen den Weg zu ihr fanden, die von da an beharrlich Trost spendeten. Unterdessen machte der Garten unaufhaltsam Fortschritte. Schon bald konnte man elegante Steingärten, verschlungene Kanäle und Allen voll formvollendeter Kirschbäume erahnen, die der Gärtner mühselig der Erde abgerungen hatte. Er arbeitete so fieberhaft, dass er dabei alles um sich herum vergaß, auch seine Frau.

Als er nach Monaten der Arbeit endlich dabei war den Garten zu vollenden, vernahm er vom Haus her einen fürchterlichen Schrei. Augenblicklich besann er sich seiner Frau, ließ das Werkzeug fallen und rannte los. Aber er kam zu spät. Sie war gestorben, nachdem sie das gemeinsame Kind zur Welt gebracht hatte. Unendlich traurig nahm der Gärtner seinen Sohn in den Arm und gab ihm das Versprechen, sein Talent nie wieder über die zu stellen, die er über alles liebte. In seinem Schmerz bemerkte er nicht, dass die Katzen das Haus verlassen hatten.

Das Verbot und seine Konsequenzen

Die Jahre vergingen und das Kind wuchs zu einem starken, glücklichen Jungen heran. Der Vater war ein strenger, aber liebevoller Lehrmeister, der dem Jungen nach und nach alles beibrachte, was notwendig war, um aus ihm einen tüchtigen und ehrbaren Menschen zu machen. Nur das Wissen über den Umgang mit Pflanzen klammerte er aus. Jedes Mal, wenn ihn sein Sohn drängte, doch etwas über die Natur lernen zu dürfen, antwortete er gleich: „Es ist nicht notwendig darüber Bescheid zu wissen. Lerne lieber etwas Nützliches, von dem du später gut leben kannst.“ Auch verbot er dem Jungen, den Garten hinter dem Haus zu betreten. Wenn er den Vater nach dem Grund dafür fragte, schüttelte dieser traurig den Kopf. „Da darfst du niemals hingehen.“, sprach er dann, „Dieser Ort bringt nichts als Unglück und Leid. Dort hast du nichts zu suchen.“

Als wäre das Los der kleinen Familie nicht schon hart genug gewesen, brach Krieg im Land aus. Wie viele andere Männer wurde der Vater in die Armee berufen. Schweren Herzens trennten sich Vater und Sohn. Nicht wissend, ob sie sich jemals wiedersehen würden.

Der unvollendete Garten

Nachdem der Vater weggegangen war, ergriff eine nie gekannte Traurigkeit vom Jungen Besitz. Nachdem er mehrere Tage darüber nachgedacht hatte, fasste er schließlich den Entschluss etwas Entscheidendes zu verändern. Er würde in den Garten gehen und ihm zu neuen Glanz verhelfen. Voller Tatendrang begann er also mit der Arbeit. Als die Sonne langsam unterging, wurde dem Jungen jedoch bewusst, dass seine Mühe umsonst war. Er musste einsehen, dass seine Fähigkeiten einfach nicht ausreichten, um auch nur die geringste Veränderung zu erwirken. Niedergeschlagen verließ er daraufhin den Garten, im Bewusstsein versagt zu haben.

Als der Junge am nächsten Morgen von einem lauten Krachen geweckt wurde, zögerte er keinen Moment und suchte die Quelle des Geräuschs in Garten auf. Was er dort sah, verschlug ihm zunächst die Sprache. Zahlreiche Katzen waren in den Garten eingedrungen und hatten sich daran gemacht, die notwendigen Arbeiten zu erledigen. Im Gegensatz zum Jungen schienen sie genau zu wissen, was zu tun war. „Oh danke, danke vielmals. Mit eurer Hilfe werde ich es schaffen den unvollendeten Garten meines Vaters fertig zu stellen.“, sprach der Junge überglücklich und schritt zur Tat.

Vier wesentliche Lektionen

Eine grau getigerte Katze führte ihn wenig später in einen völlig vernachlässigten Steingarten. Mithilfe der Krallen verdeutlichte das Tier, wie der Boden zu bearbeiten war. Also nahm der Junge einen Rechen zur Hand und verteilte den ganzen Tag Steine, wie es ihm bedeutet worden war. Abends betrachtete er erschöpft, aber überaus stolz sein Werk. Der Steingarten, dem zuvor jegliche Schönheit gefehlt hatte, erstrahlte nun in neuem Glanz.

Zusammen mit einer rotbraunen Katze nahm sich der Junge am nächsten Tag das Unkraut vor. Da er keine Ahnung davon hatte, biss die Katze in jene Pflanzen, die beseitigt werden mussten, während sie sich an die übrigen schmiegte, die bleiben sollten. Bis zum Abendgrauen hatte der Junge alle Unordnung beseitigt, sodass die Harmonie wieder in den Garten einziehen konnte.

Am darauffolgenden Morgen ging das Kind mit einer pechschwarzen Katze in eine abgelegene Ecke des Gartens, zu einem versteckten Brunnenschacht. Bevor er sich fragen konnte, was sie hier tun sollten, sprang die Katze auch schon in den Schacht. Entsetzt kletterte der Junge hinterher, in Erwartung das Tier verletzt oder gar tot aufzufinden. Stattdessen fand er es auf einem Berg von Steinen sitzend vor, die den Wasserzufluss blockierten. Der Junge verstand und wuchtete geduldig jedes Stück Gestein aus dem Brunnen heraus. Erst als er den letzten Brocken entfernt hatte, floss das Wasser, füllte den Schacht und anschließen die Kanäle in Windeseile aus.

Am vierten Tag fanden sich eine schneeweiße Katze und der Knabe bei einer Gruppe Kirschbäume ein, deren Äste sich hilflos ineinander verhakt hatten. Flink kletterte das Tier auf den Baum. Kaum war es oben angekommen, da begann es auch schon, mehrere Äste abzulecken. Der Junge durchschaute das Vorhaben und schnitt alle angefeuchteten Äste ab, da sie abgestorben waren und neues Wachstum behinderten. Baum für Baum zog er durch den Garten, bis die Nacht hereingebrochen war. Er bemerkte nicht, dass die übrig gebliebenen Äste bereits frische Triebe und Knospen bildeten.

Das Ergebnis und die Verwirklichung einer Vision

Nach und nach veränderte sich der Garten. Doch selbst als der Junge sein Werk endlich vollendet hatte, konnte er die Traurigkeit nicht abschütteln. „Obwohl wir Vaters Vision perfekt nachgebildet haben, fühle ich mich nicht besser. Es ist alles wie gehabt und nichts hat sich verändert. Was soll ich nur tun, liebe Katzen?“, fragte der Junge verzweifelt. Er hatte kaum den Mund geschlossen, als eine dreifärbige Katze, im Volksmund auch Glückskatze genannt, auf ihn zugelaufen kam. Im Maul trug sie Stift und Papier, die sie vor dem Kind zu Boden legte. Da verstand der Knabe. Selbstverständlich würde sich nichts verändern, wenn man stets nur auf vertrauten Bahnen ging. Manchmal musste man einfach mutig sein und vom Weg abweichen, um sein Glück zu finden. Mit dieser Gewissheit nahm er Stift und Papier und skizzierte seine eigene Vision des Gartens.

Anschließend zog er los und schaffte viele verschiedene Pflanzen herbei. So zogen Ahorn, Bonsais und Yuzubäume auf das Gelände, die zusammen mit Bambuspflanzen, Drachenweide und Farnen in kunstvolle Grüppchen gestaltet wurden. Zusammen mit den Katzen errichtete der Junge zudem zahlreiche Brücken, damit die Kanäle überquert werden konnten. Sie verteilten auch Laternen entlang der Wege, damit man auch des Nachts im Garten lustwandeln konnte.

Die Rückkehr und ein glückliches Ende

Der Knabe setzte gerade den letzten Stein, als der Vater den Garten betrat. Er war aus dem Krieg zurückkehrt und schloss den Sohn sofort in die Arme. „Ich kann kaum glauben, was du hier vollbracht hast. Das ist nicht mehr der Garten, den ich einst für deine Mutter schaffen wollte und wofür meine Fähigkeiten nicht ausgereicht haben. Du hast es geschafft aus meinen Vorstellungen etwas viel Großartigeres zu machen und dabei den prächtigsten Garten geschaffen, den die Welt je gesehen hat. Ich schäme mich, dass ich deine Begabung nicht früher erkannt und gefördert habe.“, schluchzte der Vater. „Ach lieber Vater, nun ist doch alles gut geworden. Komm, ich will dir meine Freunde vorstellen, ohne die dies alles nicht möglich gewesen wäre.“, sprach der Sohn strahlend vor Glück. Doch als er sich zu den Katzen umwandte, waren diese erneut verschwunden. Erfüllt von aufrichtigen Dank, errichteten Vater und Sohn eine Pagode im Zentrum des Gartens, um die Tiere zu ehren. Trotz allem fand nie wieder eine Katze ihren Weg in den Garten . Denn ihre Hilfe bei der Suche nach verlorenem Glück , wurde an diesem Ort nicht mehr länger benötigt.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

Ich verfasse Kurzgeschichten in Form von Fabeln und male zu den Geschichten passende Bilder dazu. Mehr davon ist in meinem Blog: fabeltastisch.com und unter Facebook: Fabel.tastisch und Instagramm: fabel.tastisch zu finden. :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: