Die standhafte Katze

In einigen Ländern der Welt werden Katzen seit je her verehrt, da sie die unterschiedlichsten Eigenschaften innehaben sollen. Glück zu bringen, gilt dabei als die am häufigsten genannte Besonderheit von allen. Aus diesem Grund halten selbst heute noch viele Menschen Katzen und umsorgen sie, da sie hoffen, dass ein wenig von dieser Gnade auch auf sie selbst übergeht. Dies ist für die Tiere aber Fluch und Segen zugleich, da sie durch die besondere Pflege ihrer Besitzer oftmals vergessen zu lernen, sich um sich selbst zu kümmern. Wenn sie dann niemand mehr umsorgt, kommen sie in große Not, aus der sie sich ohne fremde Hilfe nicht retten können.

Ein scheinbar luxuriöses Leben

In einem weit entfernten Land lebte einst eine wunderschöne Katze im Haus einer äußerst betuchten Familie. Sie erhielt von allem was das Leben zu bieten hatte nur das Beste, weshalb sie im Gegensatz zu ihren Artgenossen, dass Leben uneingeschränkt genießen konnte. Selbst um ihr strahlend weißes Fell, dass ihren Körper sanft umspielte, musste sie sich nicht selbst kümmern. Dessen Pflege übernahm ein eigens abgestellter Dienstbote, der ihr des weiteren jeden Wunsch zu erfüllen hatte. Sie musste nur ihr zartrosa Näschen rümpfen, dann kam er sofort herbei und brachte die erlesensten Dinge. Durch all die Möglichkeiten die ihr offenstanden, entwickelte die Katze jedoch im Laufe der Zeit ein äußerst eitles Wesen, welches auch der Außenwelt nicht verborgen blieb. So bewunderten sie zum Beispiel die Katzen der Nachbarschaft für ihr elegantes und stillvolles Dasein, mieden sie allerdings, da sie sich ihnen gegenüber stets abweisend und unfreundlich verhielt. Das störte das Tier jedoch keineswegs, wenngleich es sich manchmal doch ein wenig einsam inmitten des großen Hauses fühlte.

Der tiefe Fall und ein unschönes Erwachen

Eines Tages überfielen Räuber die Heimatstadt der Katze. Sie töteten zahlreiche Menschen, bevor sie alle Wertsachen zusammensuchten und anschließend die Häuser abbrannten. Als der Räuberhauptmann die Katze erblickte, war er von ihrer Schönheit so geblendet, dass er sie unbedingt besitzen wollte. Völlig verängstigt ließ es das Tier über sich ergehen, dass er sie mit seinen schmutzigen Händen hochhob. Da sie niemals zuvor bedroht worden war, kam es ihr nicht in den Sinn sich zu wehren. Nachdem der Mann aber erkannt hatte, wie es um die Katze stand, ließ er enttäuscht von ihr ab und wandte sich zum Gehen. Mit einem Tier, das völlig von anderen abhängig war, konnte er nämlich nichts anfangen.

Nachdem die Banditen alles erbeutet hatten, was sich zu stehlen lohnte, verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Als wieder Ruhe eingekehrt war, war die Katze allein. Ihre Familie war verschwunden, ob tot oder geflohen, konnte sie nicht sagen. Ihr einst so prachtvolles Heim war heruntergebrannt und unbewohnbar geworden. Am Boden zerstört saß sie daher da und weinte um alles, was sie verloren hatte. Niemand kam um sie zu trösten oder ihr Hilfe zu leisten. Es wurde Nacht und sie musste einsehen, dass sie von nun an selbst zurechtkommen musste. Wie genau dies funktionieren sollte, war ihr jedoch unklar. Erschöpft verkroch sie sich in der Ruine des Hauses und wartete auf den nächsten Morgen.

Unerwarteter Beistand

Als der nächste Tag anbrach, nahmen die übrig gebliebenen Bewohner ihren Alltag wieder auf. Genau wie die Katze hatten sie auch gar keine andere Wahl, da sie von irgendetwas leben mussten. Schon vor Stunden hatte der Magen des Tieres begonnen zu knurren, weshalb es einen Entschluss fällte zur Jagd aufzubrechen. Statt sich auf die Lauer zu legen, wie normale Katzen es taten, lief die sie durch zahlreiche Pfützen und stolperte über jede aus dem Boden ragende Wurzel. Dabei riss sie sich die Pfoten auf und beschmierte das saubere Fell mit Schmutz. Eine Beute erlegte sie auf diese Weise nicht.

Während die Katze hilflos durch die Gegend zog, beobachteten die Nachbarskatzen das Geschehen aus sicherer Entfernung. Schadenfroh lachten sie über das Versagen des Artgenossen und zogen sich zurück, sobald das Tier in ihre Nähe kam. Denn Hilfe wollten sie ihr keineswegs leisten Auch nicht als sie sahen, dass die Katze zu verhungern drohte. Nur eine alte Katzendame ohne Heim und Familie hatte Mitleid mit ihr. „So wird das nichts. Sieh mir zu und lerne.“, sprach sie weise und zeigte, wie man es richtig machte. Bald darauf erlegte die Katze zwei Mäuse. „Da du mir geholfen hast, will ich mit dir teilen. Du kannst auch hier wohnen, wenn du möchtest. Ich würde mich sehr über deine Gesellschaft freuen.“, meinte sie ehrlich und war überglücklich als die andere das Angebot annahm.

Nachhilfe für Unwissende

Die Tage verstrichen und die Katze wurde immer schmutziger. Auch diesmal ließen sie die Nachbarskatzen im Stich. Die Alte schlug ihr schließlich vor, zum Fluss zu gehen und dort ihr Fell zu reinigen. Doch schon am Wasser angekommen, wusste die Katze nicht weiter. Da traf sie auf ein aufgewecktes Katzenjunges. Es saß ganz alleine da, zurückgelassen von der eigenen Familie, da es zu klein und schwach gewesen war, mit ihnen ein neues Zuhause zu suchen. Als sie jedoch die Not der Katze wahrnahm, nahm sie sich ihrer an. „Wie kann ich dir nur dafür danken, dass du mir geholfen hast, mein Fell sauber zu machen? Und auch dafür, dass du mir gezeigt hast, wie ich es in Zukunft selbst sauber halten kann? Ich weiß! Da du doch alleine bist, komm und lebe bei mir. Viel habe ich zwar nicht zu bieten, aber du bist herzlich willkommen.“, sagte die Katze und führte das Kätzchen, dass das Angebot freudig annahm, umgehend nach Hause.

Erneut verging die Zeit und das Schicksal meinte es mit der Katze abermals nicht gut. Ihre bisher kurz gehaltenen Krallen wuchsen immer länger, bis sie alles zerkratzte, auch sich selbst. Aber weder die alte Katze noch das Katzenjunge konnten ihr bei ihrem Problem behilflich sein. Auch von den Nachbarskatzen war ein weiteres Mal zur Hilfe bereit. Stattdessen begannen sie das Haus und ihre Bewohner zu meiden. Eines Tages kam ein Kater den Weg entlang geschritten und traf dabei auf die Katze. Ohne zu zögern lud sie ihn ein, zu den anderen ins Haus zu kommen und ein wenig zu verschnaufen. „Sag, warum wetzt du deine Krallen nicht ab? Das muss doch entsetzlich weh tun.“, fragte er bedrückt. „Ich weiß nicht wie.“, antwortete sie ihm ehrlich. „Na, dann will ich es dir zeigen.“, meinte der Kater und lief zum nächsten Baum. Geduldig zeigte er vor, was zu tun war. „Ich danke dir, du hast mir sehr geholfen. Leider kann ich dir zum Dank nichts schenken, da ich nichts besitze. Aber du kannst gerne hier mit uns leben.“, sprach sie gütig und der Kater blieb.

Die standhafte Katze

Obwohl die Katze nun viele Freunde gewonnen hatte und nicht länger allein war, vermisste sie ihre Besitzer doch sehr. Jeden Morgen setzte sie sich vor das Haustor und wartete stundenlang, ob nicht doch jemand von ihnen zurückkehren würde. So vergingen mehrere Jahre, in welchen sie standhaft auf ihrem Platz saß. Und das Wunder geschah, in Form des jüngsten Kindes der Familie. Es hatte den Überfall der Räuber schwer verletzt überlebt und war nun gekommen, um das Grundstück zu verkaufen. Als sich der Mann und die Katze erblickten, schien das Glück vollkommen. Sie erzählten einander, wie es ihnen ergangen war, bevor der Mann auch die anderen Katzen kennenlernte. „Es war sehr tapfer von dir, dass du trotz aller Widernisse nie aufgegeben hast.“, meinte er ergriffen „Aber nun ist es an der Zeit nach Hause zu gehen. Ich lebe in einem Dorf weit weg von hier. Mein Haus ist kleiner als dieses und ich habe auch nicht so viel Geld wie früher, aber du wirst dich bei mir wohl fühlen.“

Überglücklich schmiegte sich die Katze an den jungen Mann. „Nur leider, kann ich deine Freunde nicht mitnehmen. Mir fehlen die Mittel, um euch alle zu versorgen.“, gestand er dann. Trotz der Versicherung ihrer Freunde, dass sie allein zurechtkommen würden, brach der Katze bei diesem Gedanken das Herz. „Es ist sehr freundlich von dir, mir anzubieten mit dir kommen zu können. Aber ich will lieber bleiben. Das hier ist nun mein Zuhause.“, sprach sie schließlich nach einer längeren Pause. Dies beeindruckte den jungen Mann so sehr, sodass er beschloss, sein Leben in der Ferne hinter sich zu lassen. Er verkaufte alles was er besaß und sammelte zahlreiche Spenden, womit er letztendlich ein kleines, standfestes Haus auf dem Grundstück erbauen konnte. Darin sollte jedes herrenlos gewordene Geschöpf ein Zuhause finden, wie es die Katze durch ihr Beispiel vorgemacht hatte. Dies beeindruckte auch die Nachbarskatzen. Sie schämten sich mittlerweile ganz entsetzlich, für das was sie getan hatten und entschuldigten sich reumütig bei der Katze.. Von diesem Moment an wurde sie wieder von allen geachtet und bewundert. Diesmal jedoch nicht aufgrund ihres Besitzes, sondern wegen ihrer Standhaftigkeit und Charakterstärke.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

In diesem Blog werden Kurzgeschichten in Form von Fabeln und dazu passende Illustrationen veröffentlicht. Gergänzt werden diese durch das Zitat der Woche. Gerne könnt ihr die Geschichten liken, teilen und kommentieren . Auch auf Facebook (unter: Fabel.tastisch) und auf Instagramm (unter: fabel.tastisch), bin ich zu finden.

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