Der selbstsüchtige Pilger

Seit je her gibt es Menschen, die aufgrund ihres Glaubens zu heiligen Orten pilgern. Vor vielen Jahren konnte sich eine solche Reise jedoch als äußerst schwierig erweisen. Zum einen war der Zustand der Straßen deutlich schlechter als heute. Die Wanderer mussten eine hohe körperliche Ausdauer besitzen, da sie den Elementen auf den Wegen schutzlos ausgeliefert waren. Zum anderen war es immer auch möglich auf Banditen und Räuber zu stoßen, die die Pilger als leichtes Opfer ansahen und sie daher gerne überfielen. Die Gläubigen mussten also jederzeit mit allen Wiedernissen rechnen und fertig werden können. So auch mit dem Wagnis, während der Reise das eigene Dasein zu hinterfragen und als völlig neuer Mensch daraus hervor zu gehen.

Der letzte Wunsch

Eines Tages wurde ein junger Mann, noch keine zwanzig Jahre alt, zu seinem Vater gerufen. Der Alte war schwer krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Daher machte er sich zunehmend Sorgen, wie es nach seinem Tod mit dem Sohn weitergehen sollte, wenn niemanden mehr da war, der ihm den Weg zeigte. Denn der junge Mann kümmerte sich nur um sich selbst, war faul und wenig hilfsbereit. Der Vater sah nur eine letzte Chance, dies zu ändern. „Sohn, du musst mir einen letzten Wunsch erfüllen.“, bat er. „Alles was du möchtest, Vater.“, antwortete der junge Mann ergeben „Wenn ich gestorben bin, sollst du deine Sachen packen und dich auf eine Reise machen. Als Pilger sollst du gehen und nicht eher zurückkommen, bis du verstanden hast, was gut und richtig in dieser Welt ist.“ Es wiederstrebte dem Sohn zutiefst, diesem Wunsch nachzukommen. Aber als der Vater schließlich gestorben war, zog er das einfache Gewand der Pilger über, setzte einen Hut aus Stroh auf den Kopf und wanderte los.

Die eigennützigen Entscheidungen während der Reise

Der junge Mann war schon einige Tage unterwegs, als er in einem dichten Wald auf einen breiten Fluss stieß. Auf einem Stein inmitten des Gewässers saß eine Frau mit einem Korb auf dem Schoß. Wie der Korb war auch die Kleidung der Alten äußerst schmutzig und wurde nur noch von Flicken zusammengehalten. Als sie den Pilger bemerkte, winkte sie ihm zu und rief: „Ich kam hierher, um den Strom zu überqueren, bin aber zu schwach es aus eigener Kraft zu schaffen. Wenn du mir hilfst, will ich dich fürstlich belohnen!“ Der junge Mann aber war skeptisch. Die Strömung im Fluss schien ihm sehr stark, weshalb es viel Kraft und Zeit kosten würde, die Frau ans Ufer zu schaffen. Außerdem sah sie nicht so aus, als habe sie viel Geld und könnte ihn für die Arbeit tatsächlich bezahlen. Der junge Mann schüttelte also den Kopf, berief sich auf seine Aufgabe als Pilger und ging weiter, ohne zurückzusehen.

Etliche Kilometer weiter begann sich die Landschaft zu verändern. Auf den Wald folgte eine weite Ebene, die von unzähligen Feldern geprägt war. Der junge Mann war noch nicht weit gekommen, als er auf einen Bauern traf, der ein Reisfeld aberntete. Das Feld war sehr groß und der Mann tat die Arbeit allein, weshalb er nur langsam vorankam. Keuchend erblickte er den Pilger am Wegrand und sprach: „Wenn du mir bei der Arbeit hilfst, so will ich dich dafür mit einer Mahlzeit und Unterkunft entschädigen.“ Wieder zögerte der Pilger. Zu helfen hieße in das schlammige Feld zu steigen, wodurch seine makellose Kleidung innerhalb kürzester Zeit verschmutzen würde. Außerdem sah die Arbeit sehr anstrengend aus, worauf er gerne verzichten konnte. Daher schob er erneut die Pilgerschaft vor, um nicht helfen zu müssen und ging seiner Wege.

Als die Sonne sich immer weiter dem Horizont zuneigte, kam der junge Mann in bergiges Gelände. Da stieß er auf einen am Wegesrand abgestellten Karren. „Ein Rad unseres Karrens ist gebrochen, als wir den Weg entlangfuhren. Kannst du es vielleicht reparieren? Als Dank nehmen wir dich auch ein Stück des Weges mit.“, meinte eines der Kinder, die am Wagen saßen. Der junge Mann dachte gründlich darüber nach. Sowohl das Gefährt, als auch der Ochse der es zog, hatte schon bessere Tage gesehen. Das Holz des Wagens war morsch geworden und das Tier sah ausgehungert und schwach aus. Es war ein Wunder, dass weder Wagen noch Ochse unter dem Gewicht der Kinder bisher zusammengebrochen waren. Den Pilger würden sie aber zusammen mit den anderen auf keinen Fall tragen können. Auf die Idee, selbstlos zu sein und trotz aller Beschwerlichkeiten zu helfen, kam der junge Mann auch in diesem Moment nicht. Also wich er, nun zum dritten Mal, mit der Pilgerfahrt aus und schritt an den Kindern vorbei in die Nacht hinein.

Die unausweichlichen Folgen der Ereignisse

Wenig später zogen dichte Wolken am Nachthimmel auf und es begann zu regnen. In kürzester Zeit war der junge Mann durchnässt und fror fürchterlich. Ein Unterstand war jedoch weit und breit nicht zu finden, weshalb er wohl oder übel weiterzugehen musste. Der Pilger wollte bereits aufgeben, als ein Karren den Weg entlangratterte. Schon von Weitem war zu erkennen, dass es sich um einen äußerst stabilen Wagen handelte. Er war sogar mit einer Plane versehen, die die Fahrenden vor dem Regen schützte. Und der Ochse, der das Gefährt zog, sah stark und zuverlässig aus. Erleichtert, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben aus dem Regen zu kommen, bedeutete er dem Fahrer zu halten. Der junge Mann wollte gerade auf das Gefährt steigen, als er die Kinder darin als jene erkannte, denen er bereits am vergangenen Abend begegnet war. Sie drückten den Pilger zurück auf die Straßen und sprachen: „Du kannst nicht mit uns fahren. Du bist zu schwer, als dass der alte Ochse dein Gewicht und das des Karrens tragen könnte.“ Der Pilger wollte Einspruch erheben, als die Kinder auch schon lachend davonfuhren.

Schlussendlich blieb ihm nichts anderes übrig, als den Weg zu Fuß fortzusetzen. Wenig später stieß er auf eine Hütte, von der ein wohlig warmes Leuchten ausging. Erleichtert klopfte der junge Mann an die Tür und trat ein. Doch wieder wurde er bitter enttäuscht. In der Hütte saß nämlich der Bauer, dem der Pilger bereits begegnet war. „Hier findest du keine Einkehr. Meine Ernte kann ich schließlich nicht in den Regen stellen und sonst ist kein Platz mehr frei. Scher dich also davon.“, sprach der Bauer feindselig. Verwunderte blickte sich der junge Mann um. In das Lager hätten noch gut fünf Männer und Frauen gepasst. Wieso also behauptete der Bauer dann, keinen Platz für ihn erübrigen zu können? Letztendlich verließ er aber die Hütte wieder und wanderte weiter.

Der Regen war schlimmer geworden und verwandelte die Straße allmählich in eine Rinne voller Schlamm. Dem Pilger war dies jedoch egal. In Gedanken versunkten, bemühte er sich die Begegnung mit den Kindern und dem Bauern zu verstehen. Er bemerkte nicht wo er war, bis er erneut auf einen Fluss stieß. Dieser war durch den anhaltenden Regen erheblich angeschwollen und drohte sogar die umliegenden Ufer zu überschwämmen. Der junge Mann traute seinen Augen nicht, als er inmitten der reißenden Fluten die alte Frau vom Vortag entdeckte. Sie saß immer noch am selben Stein, in derselben Position und schien nicht wahrzunehmen, in welcher Gefahr sie schwebte.

Die selbstlose Tat

Endlich erbarmte sich der Pilger und beschloss der Alten zu helfen. Obwohl er durchaus sterben konnte, wenn er den Fluss bei diesem Hochwasser durchquerte, schreckte er nicht zurück und kämpfte sich durch die Fluten. Mit letzter Kraft hob er die Frau auf seinen Rücken und brachte sie sicher bis zur rettenden Straße. Sie war kaum von seinem Rücken gestiegen, als der junge Mann auch schon zusammenbrach. „Du hast deine Lektion gelernt. Wenn andere in Not sind, darfst du ihnen aufgrund von Faulheit und Selbstsucht deine Hilfe nicht verwehren. Denn sonst wird auch dir niemals jemand zu Hilfe kommen, wenn du sie am dringendsten benötigst.“, sprach eine vertraute Stimme. Als der Pilger den Blick hob, sah er sich nicht der alten Frau gegenüber, sondern seinem verstorbenen Vater.

Mit Tränen in den Augen wollte der junge Mann für sein Verhalten um Entschuldigung bitten. Der Vater aber lächelte nur gütig und verschwand. Mit sich nahm er das schreckliche Unwetter, sodass die Welt schon bald wieder von Sonne und Wärme erfüllt war. Der Pilger aber hatte seine Lektion gelernt und nahm die Wanderschaft wieder auf. Diesmal würde er jedoch allen Gegebenheiten mit offenem Herzen und frohen Mutes entgegengehen.

K.ST.

Veröffentlicht von kerstin.steinbrecher

Ich verfasse Kurzgeschichten in Form von Fabeln und male zu den Geschichten passende Bilder dazu. Mehr davon ist in meinem Blog: fabeltastisch.com und unter Facebook: Fabel.tastisch und Instagramm: fabel.tastisch zu finden. :)

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